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Alexander Meier.

Alex Meier

Das Rätsel Alex Meier

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Der Mittelfeldstürmer ist der torgefährlichste Spieler von Eintracht Frankfurt und doch gerät er in die Kritik – warum eigentlich?

Eigentlich ist es im höchsten Maße erstaunlich, dass ein Sportdirektor seinen seit Jahren besten Spieler nach einer Niederlage öffentlich in den Senkel stellt. Dass er coram publico dessen Leistung schmälert und ihn mit einer Kröte vergleicht, die man zu schlucken verdammt ist, und da nutzt auch der nachgeschobene Satz nichts, man tue das gerne. Nun ist Bruno Hübner, der den unter Fans als Fußballgott verehrten Alexander Meier in dieser ungewöhnlichen Form abstrafte, weit davon entfernt, sich mit Spielerkritik weit aus dem Fenster zu lehnen. Ganz im Gegenteil: Meist hält der frühere Profi seine schützende Hand über die Spieler. Ist ihm also bei Alexander Meier in einem unbedachten emotionalen Augenblick nur der Gaul durchgegangen?

Zufall ist das sicher nicht.

Es ist schon bemerkenswert, dass Alexander Meier so massiv in den Fokus der Kritik gerät. Oberflächlich betrachtet ist es nicht recht zu verstehen: Der 32-Jährige hat eine überragende Hinrunde gespielt, er hat 13 Tore erzielt, mehr als jeder andere Bundesligaspieler, und er hat dies nicht für Bayern München getan, sondern für eine mittelmäßige Mannschaft wie Eintracht Frankfurt. Ohne seine Tore stünden die Hessen nicht da, wo sie jetzt stehen. Das wissen auch die Verantwortlichen. „Er hat eine überragende Qualität vor dem Tor.“ Das sagt auch Bruno Hübner, jener Mann, der ihn nach der empfindlichen Niederlage in Mainz öffentlich attackierte.

Von Meier wird mehr erwartet

Tore hat der Lange immer gemacht. Und als er einmal nicht traf, ist die Eintracht prompt abgestiegen. In seinen zehn Jahren bei der Eintracht hat er 70 Bundesligatore erzielt (und 26 in Liga zwei), er hat häufiger eingenetzt als Tony Yeboah (68). Nur die Legenden Bernd Hölzenbein (160), Bernd Nickel (140) und Jürgen Grabowski (109) haben mehr Treffer gemacht. Meier, aus Buchholz aus der Nordheide stammend, das ist oft genug geschrieben worden, ist die Lebensversicherung der Eintracht. Meier gut, Eintracht gut, hieß es oft. Und der Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen, der ohnehin einen engen Draht zu Alex Meier pflegt, sagte einmal über den „Mittelfeldstürmer“ (FR), wegen Spielern wie ihm komme er morgens gerne ins Büro.

Und so einen zählt Bruno Hübner an? Die Kardinalfrage lautet: Was steckt dahinter?

Alexander Meier hatte nebulös angedeutet, dass er wisse, weshalb sich Hübner „bei jeder Möglichkeit negativ über meine Person äußert“. Fakt ist, dass sich der Torjäger bereits nach der Schlappe in Freiburg darüber geärgert hat, dass Hübner Kritik an der Abwehrarbeit der Offensivspieler übte. Auch die stets im Raum stehende Vorhaltung, er laufe zu wenig, trifft ihn. Mit statistischen Werten lässt sich das nicht untermauern, Meier läuft oft mit am meisten. Es ist so, dass die Verantwortlichen generell mehr von Meier verlangen. Es wird von ihm erwartet, dass er sich auch in engen Spielen zeigt, dass er dann vorangeht, die Ärmel aufkrempelt und der Mannschaft hilft. Meier, nach Alexander Madlung der zweitälteste Spieler im Kader, solle auch in kniffligen Situationen Präsenz zeigen. Das fällt dem Routinier schwer. Und das ist nicht neu.

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Seit Meier Fußball spielt, sieht er sich dem Vorwurf ausgesetzt, auf zu leisen Sohlen übers Feld zu schlurfen. Er polarisiert, an ihm scheiden sich die Geister. Die FR schrieb schon vor sage und schreibe zehn Jahren: „An Meier entzünden sich vor allem deshalb hitzige Diskussionen, weil er oft untertaucht, fast unsichtbar ist. Meier ist nicht der Typ, der ein Spiel dominiert, der ihm seinen Stempel aufdrückt. Aber er ist einer für die entscheidenden Momente, er kann aus dem Nichts zuschlagen.“ Meier ist ein Phänomen. Er war es damals, er ist es heute. Früher, in seinen ersten Jahren, musste er vom damaligen Trainer Friedhelm Funkel mit Zähnen und Klauen verteidigt werden. Das ging so weit, dass Gerüchte gestreut wurden, Meier sei mit Funkels Tochter liiert. Das war natürlich blanker Unsinn. Aber Meier schoss immer seine Tore, es ist eine Gabe. Er steht oft richtig, dafür hat er den Instinkt, und er hat mit der rechten Innenseite einen Abschluss, der seinesgleichen sucht. Was auffällt: Seit dem Abstieg 2011 schießt der Techniker noch viel mehr Tore als früher: In der Aufstiegssaison 17, im ersten Bundesligajahr nach der Rückkehr 16, jetzt schon 14 in 21 Partien. In der vergangenen Saison machte er acht Treffer in der Bundesliga und sieben in der Europa League – obwohl er längere Zeit verletzt war. Auch da gab es die ersten Differenzen zwischen dem damaligen Trainer Armin Veh und Alexander Meier. Der latente Vorwurf hieß, Meier beiße in den entscheidenden Momenten nicht auf die Zähne. Der Spieler hat darüber nur den Kopf schütteln können. Auch jetzt hält man ihm vor, dass er zu genügsam sei, sich nicht auflehne, wenn es mal nicht nach Wunsch laufe. Doch Meier ist Meier, aus ihm wird kein wilder, unbeugsamer Seferovic mehr. Er hat sich freilich einmal verantwortlich gefühlt fürs Große und Ganze, als ihn Veh zum Kapitän bestimmte.

In dieser Saison ist die Gemengelage noch sehr viel diffiziler, denn Meier schien schon vor der Runde in Frage gestellt. Trainer Thomas Schaaf machte eben nicht den dienstältesten Spieler zum Kapitän, sondern Torwart Kevin Trapp. Das hat Meier schwer getroffen. Schaaf plante anfangs eh ohne den 1,96-Meter-Mann, der bisweilen über leichte Kniebeschwerden klagte, der Coach wollte es mit Takashi Inui hinter den Spitzen versuchen. Das Experiment ging erwartungsgemäß schief. Und als Meier spielen durfte, traf er sofort. Immer und immer wieder, häufiger als Robben, Lewandowski oder Huntelaar. Meier und Haris Seferovic galten als neues Traumpaar, wurden Anfang des Jahres beide ins Aktuelle Sportstudio eingeladen.

So richtig glücklich war Meier aber nie in dieser Saison, trotz der vielen Tore. Das lag auch an seiner Position, denn unter Schaaf spielt Meier in der Spitze. Er soll sich keine Bälle mehr hinten abholen, sondern vorne lauern. Das wiederum hat zur Folge, dass er noch weniger am Spiel teilnimmt als früher. Gegen Schalke hatte er nur 22 Ballkontakte, acht in der ersten Halbzeit. Weshalb ihm zuletzt die Sicherheit fehlte. Er fremdelt mit allem, mit dem neuen Trainer und dem neuen System. Das ist schon grotesk, da ihm gerade jetzt so viel Anerkennung zuteil wurde wie nie in seiner Karriere. Dabei spielte er in der Hinrunde sicher nicht seine stärkste Saison, es war nicht der beste Meier, den es je gab, aber der wertvollste – wegen seiner Tore. Doch wenn er sie nicht schießt, dann „sieht man ihn manchmal nicht“, wie Hübner monierte. Eigentlich ist die Meier-Debatte so alt wie seine Dienstzeit bei Eintracht Frankfurt.

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