+
Wo fliegt er hin? Nach England, in die Bundesliga? Oder bleibt er doch in Frankfurt? Eintracht-Torwart Lukas Hradecky wird Antworten geben müssen.

Kaderplanung

Poker und Gefeilsche

  • schließen

Eintracht Frankfurt hat einige Baustellen zu schließen. Das größte Fragezeichen steht beim Verbleib von Torhüter Lukas Hradecky, aber nicht nur diese Personalie gilt es zu klären.

Die Umbauarbeiten in Frankfurt sind in vollem Gange, hinter den Kulissen wird eifrig an der neuen Eintracht gewerkelt, die erneut ein anderes Gesicht erhalten wird. Bis zu zehn Spieler könnten den Klub verlassen, ebenso viele hinzukommen. Die FR zerlegt die Mannschaft in ihre Einzelteile, sucht nach Schwachstellen, Stärken und Verbesserungsmöglichkeiten.

Das Tor

Im Kasten sind die Frankfurter gut aufgestellt – wenn ihr etatmäßiger Schlussmann denn an Bord bliebe. Danach sieht es momentan nicht unbedingt aus. Die Fronten sind verhärtet: Lukas Hradecky, eine Identifikationsfigur und ein rundweg guter Typ, würde eigentlich gerne am Main bleiben, aber nicht zu den bisherigen Konditionen. Der 27-Jährige ist ein absoluter Geringverdiener für Bundesligaverhältnisse, streicht etwa 800 000 Euro per annum (exklusive Prämien) ein. In der deutschen Premiumklasse erhält ein Berufsfußballer im Schnitt zwei Millionen Euro. Da liegt Hradecky weit drunter.

Kein Wunder, dass er seine herausragend guten bis zuletzt „nur“ noch guten Leistungen entsprechend gewürdigt sehen will. Den Bedingungen, die die Eintracht ihm für eine Vertragsverlängerung des 2018 auslaufenden Kontraktes angeboten hat, wird er wohl nicht zustimmen. Dabei soll es sich um rund drei Millionen Euro handeln. Ein Haufen Geld, doch nicht genug für den finnischen Torwart. Der hat dem Vernehmen nach 4,5 Millionen Euro gefordert und ist ganz entspannt, weil er offenbar weiß, dass ein anderer Klub so viel für seine Dienste bezahlen würde. Auf der Insel sowieso, dort ist jetzt, nur mal als Beispiel, gerade der frühere Frankfurter David Wagner als Trainer mit Huddersfield Town in die englische erste Liga aufgestiegen. Für den Klub war dieser Aufstieg insgesamt 237,5 Millionen Euro wert (vor allem Fernsehgeld, zudem sogenannte Fallschirm-Zahlungen im Abstiegsfall). Dimensionen, von denen man hierzulande nicht mal träumen würde. Jeder Premier-League-Verein würde also ein Gehalt von fünf Millionen Euro locker aus der Tasche schütteln können.

Für die Eintracht ist das eine utopische Summe, zumal es um einen Torwart geht und nicht um einen Mittelstürmer von internationalem Format, der 15 bis 20 Tore pro Saison garantiert. Die Eintracht will eine Hängepartie vermeiden, sie setzt den Keeper unter Druck, sogar von einem Jahr auf der Tribüne ist hinter vorgehaltener Hand die Rede, sollte der Keeper seinen Vertrag erfüllen und den Verein in einem Jahr ablösefrei verlassen wollen – was im Übrigen völlig legitim und sein gutes Recht ist. Das ist indes nur schwer vorstellbar, weil Hradecky, ein cooler, lustiger und ehrlicher Typ, einfach ein klasse Torwart ist, der sich binnen kürzester Zeit in die Herzen der Fans gehalten hat.

Diese Personalie birgt eine Menge Zündstoff. Dass die Eintracht und Hradecky noch zusammen kommen und der Schlussmann seinen Vertrag verlängert, ist möglich, ein Verkauf scheint aber wahrscheinlicher. Sieben, acht Millionen sollte der Finne bringen. Nach England, obzwar das meiste Geld zu verdienen, zieht es ihn eigentlich nicht, eher in die Bundesliga. In Leverkusen könnte eine Planstelle frei werden, wenn Bernd Leno den Werksklub verlässt. Die Eintracht will partout vermeiden, ihren Schlussmann in einem Jahr ablösefrei zu verlieren. So wie jetzt Haris Seferovic, der sich ohne Ausgleichszahlung Benfica Lissabon anschließt. Seferovic war freilich bis zum Schluss vollwertiges Mitglied der Mannschaft, spielte sogar im Pokalfinale, dem Spiel der Spiele. Als Nachfolger für Hradecky sind der Kaiserslauterner Torwart Julian Pollersbeck und Ron-Robert Zieler (Leicester City) im Gespräch.

Die Abwehr

In der Innenverteidigung benötigen die Hessen mindestens zwei neue Spieler – sollte der in der Hinrunde überragende Jesus Vallejo den Klub verlassen. Da scheint alles offen. Denkbar, dass Real Madrid das Talent zurückholt. Genauso denkbar, dass der spanische Meister ihn nochmals verleiht, jedoch zu einem Klub, der international spielt, sodass Vallejo auf diesem Sektor Erfahrung sammeln kann. „Auf ihn warten wir bis zum Schluss“, hat Sportdirektor Bruno Hübner schon mal durchblicken lassen.

Der Vorteil der Eintracht: Die geflochtenen Beziehungen zu Real sind gut, die Kontakte vertieft, der Austausch respektvoll. So was schätzt ein Weltverein wie Real Madrid. Ohne Vallejo hätten die Frankfurter lediglich David Abraham als zuverlässigen Verteidiger. Marco Russ spielte zuletzt gar keine Rolle, was auch nicht jeder verstehen konnte. Andersson Ordonez wird allenthalben die Klasse abgesprochen.

Die Außenverteidiger

Timothy Chandler ist hinten rechts genauso gesetzt wie Bastian Oczipka auf der anderen Seite. Da ist die Eintracht solide (Chandler) bis ganz gut (Oczipka) aufgestellt. Als Backup für Chandler haben die Hessen Danny da Costa von Bayer Leverkusen verpflichtet. Damit dürften die Tage von Yanni Regäsel in Frankfurt gezählt sein. Auf der linken Seite hat Taleb Tawatha seine Tauglichkeit nicht nachweisen können, der Israeli wird einen Quantensprung in seiner Entwicklung machen müssen, um es doch in der Bundesliga zu packen. Schwer vorstellbar.

Das Mittelfeld

Die größte Baustelle. Die Eintracht ist auch nach der Winterpause deshalb so abgestürzt, weil ihr das defensive Mittelfeld weggebrochen ist. Der größte Fehlerwar, Szabolcs Huszti nach China ziehen zu lassen, der Ungar war intern hochangesehen und auf dem Feld enorm wichtig. Ohne ihn war auch Omar Mascarell überfordert, weil Nebenmann Mijat Gacinovic ja gar kein zentraler Mittelfeldspieler ist. Zumeist wurde der Ball nur noch zurück und quer gespielt. So hebelt man keinen Gegner aus. Die Eintracht wird da schwer nachlegen und ein gutes Gespür haben müssen, zum einen sind Mascarell und Makoto Hasebe (der auch nicht jünger wird) noch verletzt, zum anderen braucht es auf dieser Position ohnehin eine Blutauffrischung. Das beste Eintracht-Mittelfeldgespann des letzten Jahrzehnts bildete Sebastian Rode als Antreiber und Pirmin Schwegler als Stratege. Diese Mischung macht’s.

Davon ist die Eintracht weit entfernt. Auch ein Spieler wie der umworbene Weltenbummler Gelson Fernandes wird dieses generelle Problem nicht lösen, er ist ein fleißiger, lauffreudiger, Spieler und ein kluger Kopf, dem aber die strategische Denke abgeht, weshalb er sich nicht mal in Freiburg wirklich durchsetzen konnte. Ob er die Eintracht auf anderes Level hieven kann? Im offensiven Mittelfeld hat die Eintracht mit Marco Fabian eigentlich einen guten Mann, der zuletzt aber merklich schwächelte und vom VfL Wolfsburg umworben sein soll. Zudem: Trainer Niko Kovac verzichtete in den vergangenen Partien stets auf einen klassischen Spielmacher. Aymen Barkok kann ebenfalls auf der „Zehn“ spielen, doch das Talent muss erst mal wieder zu sich kommen und seine Befähigung unter Beweis stellen.

Die Flügelspieler

Da ist die Eintracht auch nicht gesegnet, Danny Blum ist noch zu wankelmütig, bringt sein Potenzial zu selten auf den Platz. Ante Rebic auf der anderen Seite hat zumindest Wucht und Dynamik, muss aber mehr Klarheit und Konstanz in sein Spiel bringen – wenn er denn überhaupt gehalten wird. Ansonsten sind die Alternativen rar gesät. Mijat Gacinovic allerdings ist auf dem Flügel eine gute Option, wenn er denn nicht irgendwo anders gebraucht wird.

Der Angriff

Da scheinen die Frankfurter zumindest ordentlich besetzt. Neuzugang Sebastien Haller, sieben Millionen Euro schwer, ist auf jeden Fall gesetzt. Kapitän Alexander Meier wird sich erst einmal mit der Rolle des Ergänzungsspielers begnügen müssen – sollte er den Verein nicht doch noch verlassen. Ausgeschlossen ist das längst nicht mehr. Der bislang völlig enttäuschende Branimir Hrgota und der potenzielle Neue, Luka Jovic, werden sich ohnehin erst einmal im Glied einreihen müssen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare