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Kevin-Prince Boateng (m.) geht zurück nach Italien. Auch Ante Rebic könnte den Verein noch verlassen.

Eintracht-Kader

Das Pokalsiegerteam bröckelt auseinander

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Leitfigur Kevin-Prince Boateng verlässt Eintracht Frankfurt. Nach Hradecky, Wolf und Mascarell verlieren die Hessen den nächsten Pokalhelden. Trotz des Titels erlebt die Eintracht den nächsten Umbruch. Ein Kommentar.

Als sich Eintracht Frankfurt letztmals für einen internationalen Wettbewerb qualifizierte, das liegt nun auch schon wieder ein halbes Jahrzehnt zurück, war es einigen Leistungsträgern ein inneres Bedürfnis, das gemeinsam Erreichte sodann auch auf den Feldern Europas zu zelebrieren. Begehrte Spieler wie Pirmin Schwegler, Sebastian Rode oder Sebastian Jung entschieden sich damals, 2013, allesamt gegen einen Wechsel und für ein weiteres Jahr Frankfurt mit einem gewachsenen Team auf internationalem Parkett.

Fünf Jahre später wird die Eintracht nicht nur europäisches Terrain betreten, nein, die Mannschaft, den Verein und die Menschen um ihn herum eint ein gemeinschaftliches Erlebnis, das gemeinhin als historisch gewertet wurde: der Gewinn des DFB-Pokals gegen Bayern München, der erste Titel nach 30 Jahren. Der Triumph in Berlin und der Triumphzug durch Frankfurt können ohne Übertreibung als Stunden der Glückseligkeit und Tage für die Ewigkeit bezeichnet werden. Und doch hat dieser einmalige Coup, dieser emotionale Gipfelsturm nicht genügend Kraft und bindende Wirkung entfalten können, um die Helden vom Mai zusammenzuschweißen.

Das Pokalsiegerteam bröckelt auseinander, nun wird auch noch Leitfigur Kevin-Prince Boateng von Bord gehen, sicher nicht aus finanziellen Gründen. Seine Mission ist erfüllt, er will sich mit Gloria verabschieden und sieht sich gerade mental nicht mehr in der Lage, noch weiter auf diesem Niveau zu performen. Das ist nur ehrlich, konsequent, nachvollziehbar. Für die Eintracht dennoch ein Schlag ins Kontor. Sie erlebt, trotz des Titels, den nächsten Umbruch, den dritten nacheinander. Vier, fünf Leistungsträger und Führungsfiguren verlassen den Klub. Ein harter Einschnitt.

Gehälter müssen steigen

Man mag das, nicht nur als Nostalgiker oder unverbesserlicher Fußballromantiker, bedauernswert finden, gerade in Zeiten, in denen die Gesellschaft auseinanderdriftet und der Fußball Halt geben soll und Identifikation schaffen kann. Doch das Profigeschäft hat sich, unabhängig von Boatengs Beweggründen, zu einem gnadenlosen Verdrängungswettbewerb entwickelt, erst recht, seit das Fernsehgeld quasi explodiert ist und Unsummen in den Markt geschleudert wurden. Die Klubs sind potente Unternehmen geworden, selbst ein gehobener Mittelklasseverein wie Eintracht Frankfurt setzt mittlerweile 150 Millionen Euro um. Im Fußballkreislauf sind viele Milliarden Euro unterwegs. Ein Haufen Geld, das auf die Spieler umgelegt wird.

Und so darf es nicht verwundern, wenn Fußballer unmoralische Angebote erhalten und annehmen. Wenn ein Torwart wie Lukas Hradecky in Leverkusen in fünf Jahren 30 Millionen Euro und damit mehr als das Doppelte wie in Frankfurt verdienen kann, dann mag ihm niemand verdenken, die Seiten zu wechseln. Alldieweil: Sportlerkarrieren sind endlich. Ähnlich verhält es sich bei Marius Wolf oder Omar Mascarell und so wird es dann wohl auch bei Ante Rebic kommen, die – anders als Hradecky – gar keine große Bindung zur Eintracht aufgebaut haben – und selbst wenn: Wer mit so viel Zaster zugeworfen wird, dem wird die Entscheidung leicht gemacht.

Was bedeutet das für die Eintracht? Der Verein muss sich für die Zukunft wappnen, und das tut er, er stellt sich international auf, wächst auf allen Ebenen. Das ist wichtig, um wirtschaftlich in andere Sphären vorzudringen, denn es ist nun mal der ganze Schotter, der den Spielern den Weg ebnet. Die Sportliche Leitung ist eifrig darum bemüht, die Verträge ohne Ausstiegsklauseln zu entwerfen. Das gelingt zunehmend. Vor allem aber muss das Gehaltsniveau sukzessive angehoben werden, um die Topspieler halten zu können oder zumindest Werte zu schaffen. Das geht nicht von heute auf morgen, das ist ein Prozess, der aber eingeleitet und abwendbar ist. Die Eintracht muss das Spiel mitspielen, sonst fällt sie hinten runter.

Klar ist: Heutzutage wird man Spieler nicht mehr wegen einer emotionalen Bindung überzeugen können, sondern wegen der monetären Zuwendung. Außer man heißt Alex Meier. Aber den wollte man ja nicht mehr.

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