Fredi Bobic (r.) bei der Präsentation des Pokals in Berlin.
+
Fredi Bobic (r.) bei der Präsentation des Pokals in Berlin.

Interview Fredi Bobic

"Pokalfinale überstrahlt alles"

Im Gespräch mit dem SID spricht Eintracht-Vorstand Fredi Bobic über das Pokalfinale, die Rolle als Underdog und die Vorbereitungen auf die Partie.

Herr Bobic, mit welchen Gefühlen sind Sie in die Pokalwoche gestartet?
Gefühlt konnten wir uns schon länger auf das Saison-Highlight konzentrieren. Wir haben unser Ziel, den Klassenerhalt fast unmittelbar nach dem Pokal-Halbfinale erreicht. Es war zwar eine schwierige Rückrunde, aber insgesamt überwiegt jetzt die Vorfreude auf Berlin. Das überstrahlt alles.

Welche Bedeutung hat das Endspiel für den Klub?
Ein Pokalfinale ist für uns nichts Alltägliches. Das schafft Eintracht Frankfurt vielleicht alle zehn bis 15 Jahre einmal. Ins Finale zu kommen, ist heutzutage für einen Klub wie uns nicht mehr normal. Und ich glaube, viele Fußballfans in Deutschland freuen sich auch, dass es mal ein anderes Endspiel gibt als Bayern München gegen Borussia Dortmund. Wir hätten 100 000 Karten für Berlin verkaufen können. Die 20 000 Fans im Stadion werden eine super Show abziehen. Hier in Frankfurt wird es ein Public Viewing geben, die Bembel-Bars werden voll sein. Wir werden eine Eintracht und eine ganze Stadt Frankfurt erleben, die für das Finale vor Emotionen brennen.

In welcher Rolle tritt die Eintracht im Olympiastadion an?
Der Favorit auf dem Papier ist ganz klar Borussia Dortmund. Das ist selbstverständlich. Man muss nur auf den Kader und die Qualität in der Offensive schauen. Wir sind der krasse Außenseiter. Aber trotzdem ist es wie in der Bundesliga – wie viele Spiele haben wir gehabt, wo vorher alle falsch getippt haben.

Der Eintracht werden von vielen Experten kaum Chancen eingeräumt...
Es ist doch immer das Gleiche. Das Gequatsche vor dem Finale ist immer groß, jeder weiß, wie es ausgeht. Aber keiner weiß es wirklich. Es ist ein Spiel, und in diesem Spiel muss man über seine Grenzen gehen und nach einer langen Saison alles abrufen. Einzelne Momente verändern alles, und diese müssen wir für uns gewinnen. Wir müssen es Dortmund sehr unbequem machen.

Was stimmt Sie optimistisch?
Wir haben den BVB in der Hinrunde geschlagen und in der Rückrunde waren wir in Dortmund nicht weit weg von einem Unentschieden. Die Tagesform wird entscheidend sein – und, wer diesen Pokal am Ende mehr möchte. Wer kann mehr gehen, wer besitzt mehr Substanz und die Mentalität, um diesen Pokal an sich zu reißen? Das Quäntchen Glück gehört dazu. Es sind viele Faktoren. Und ich glaube nicht, dass die Dortmunder sagen, sie haben das Ding schon sicher.

Welche Parallelen können Sie zu ihrem Pokalsieg als Spieler 1997 mit dem VfB Stuttgart ziehen?
Das ist jetzt 20 Jahre her. Es ist ein schöner Moment, ein wunderschöner Pokal und eine wunderbare Atmosphäre. Im Pokalfinale hat dieses Stadion eine ganz besondere Magie. Das werden die Jungs auch spüren. Dementsprechend kann man den Spielern auch etwas mitgeben. Dem ein oder anderen habe ich schon gesagt, dass die Getränke im Stadion verdammt lange kühl bleiben...

Was ist in der Vorbereitung auf das Spiel geplant?
Die nächsten Tage sind fast ‚business as usual‘, wie bei einem Bundesliga-Spiel – natürlich mit einem ganz anderen Highlight am Ende. Es wird natürlich viele Analysen geben, aber wir werden auch das ein oder andere Überraschende machen. Das wollen wir aber noch nicht verraten. Spätestens, wenn die Mannschaft am Donnerstag in Tegel gelandet ist, wird die Vorfreude noch mehr steigen.

Ihr beiden Leistungsträger Alexander Meier und Jesus Vallejo scheinen rechtzeitig fit zu werden.
Dass Alex Meier nach langer Verletzungspause wieder zurück ist, ist sehr wichtig für die Mannschaft. Er hat eine große Präsenz für das Team und auch den Gegner. Jesus steckt das Team mit seiner Art, wie er sich vorbereitet, wie er spielt und trotz seines jungen Alters alle mitreißt, positiv an. Wir sind froh, dass er wieder da ist.

Wie groß ist die Chance, dass Vallejo in Frankfurt bleibt und nicht nach seiner Leihe zurück zu Real Madrid geht?
Das kann möglich sein. Die Gespräche mit Real Madrid wird es geben. Wir haben ein sehr vertrauensvolles Verhältnis. Real hat ja erst noch das Champions-League-Finale und weiß auch noch nicht hundertprozentig, wie sie die nächste Saison angehen. Deswegen sind wir nicht unter Zeitdruck, sondern werden die Gespräche im Juni oder Juli führen. Jesus weiß, was er an uns hat und wie wohl er sich hier fühlt. Ein Jahr würde ihm sicherlich noch gut tun, und Real ist da auch sehr aufgeschlossen.

Ein kurzer Blick zurück: Vor einem Jahr hätte ihnen kaum jemand das Endspiel zugetraut. Wie lautet Ihr Saison-Fazit?
Wir haben das, was wir uns im Sommer unter schwierigsten Bedingungen vorgenommen haben, frühzeitig geschafft. Durch eine überragende Vorrunde und eine schwierige Rückrunde, die wir von den Punkten her nicht gut gespielt haben. Das hatte sicherlich auch seine Gründe. Wir hatten zwischenzeitlich unfassbares Verletzungspech und haben manchmal einfach unter unseren Möglichkeiten gespielt – genauso, wie wir in der Hinrunde über unseren Möglichkeiten gespielt haben. Das ist aber eine ganz normale Geschichte. Wir sind Eintracht Frankfurt. Dieses Selbstverständnis haben wir noch nicht, dass wir sagen: ‚Wir rocken jetzt die Liga‘. Wir müssen immer am Anschlag spielen, was uns dann nicht immer gelungen ist.

Welche Erwartungen haben Sie an die nächste Saison?
Der VfB Stuttgart und Hannover 96 kommen hoch aus der 2. Liga. Das sind schlagkräftige und wirtschaftlich sehr gut aufgestellte Teams. Dementsprechend wird die Bundesliga im nächsten Jahr ein richtiger Verdrängungswettbewerb. Es gibt nicht die üblichen Verdächtigen für den Abstieg, sondern im Endeffekt ist da jeder mit dabei – genauso auch im Kampf um die Europapokal-Plätze. Es wird noch enger zugehen. Wir wissen, dass wir die Basis weiter stärken müssen, damit wir ruhig durch die Saison kommen. Eine konstante Spielzeit wäre der nächste Schritt.

Würde der Pokalsieg und die damit verbundene Qualifikation für die Europa League Ihre Arbeit auf dem Transfermarkt erleichtern?
Wirtschaftlich würde uns der Pokalsieg und der Einzug in die Europa League auf jeden Fall helfen. Trotzdem kommen die Spieler aber nicht nur deshalb zur Eintracht. Man muss sie von unserem Weg überzeugen. Nur das Wirtschaftliche reicht da manchmal gar nicht aus. Da können wir nicht so klotzen, sondern wir müssen eine vernünftige Balance finden.

Ihr Trainer Niko Kovac scheint durch den Einzug ins Pokalfinale bei anderen Klubs auf dem Zettel zu stehen.
Es ist normal, dass erfolgreiche Trainer attraktiv für andere Klubs sind. Aber bei Niko mache ich mir keine Sorgen. Er weiß, was er hier hat und ist dankbar für die Chance, die er hier bekommen hat. Er bleibt zu 100 Prozent Teil der Eintracht-Familie.

Interview: Jan Mies (sid)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare