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Chefrolle: Kevin-Prince Boateng ist auch in Sassuolo gleich der Anführer.

Ex-Eintrachtler

Platzhirsch, Durchstarter, Mitläufer und Bankdrücker

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  • Ingo Durstewitz
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Der Eintracht wurde eine schwere Saison prophezeit, weil Leistungsträger den Klub verlassen haben ? die FR begab sich auf Spurensuche: Wie erging es den Boatengs, Wolfs und Meiers dieser Welt?

Eintracht Frankfurt hat in der ersten Saisonhälfte für Furore gesorgt – auf nationalem und internationalem Parkett. In der Europa League ist das Team durch die Gruppe marschiert, hat mit sechs Siegen aus sechs Spielen Historisches geleistet. Auch in der Bundesliga rollte das Team das Feld von hinten auf und schloss die Hinrunde auf Rang sechs ab. Und das, obwohl der Eintracht nach den Abgängen im Sommer eine schwierige Saison prophezeit wurde. Die FR hat sich mal auf die Spuren der Spieler gemacht, die den Frankfurter Klub im Sommer verlassen haben. Nicht für alle lief es wie geplant.

Marius Wolf: Hat sich in Dortmund zu Beginn schnell und gut eingelebt, was auch daran liegen könnte, dass er in das schöne Haus eines sehr beliebten Ex-Borussen gezogen ist: Sein Vermieter heißt Jürgen Klopp. Sportlich lief es anfangs passabel, gegen die Eintracht machte der 23-Jährige gar ein Tor, sein erstes, doch dann ging es für den schnellen Flügelspieler bergab. Das letzte Mal stand er am vierten Spieltag in der Startelf, drei Monate kam er in der Liga anschließend gar nicht zum Einsatz, Trainer Lucien Favre schenkte ihm zum Abschluss kurz vor Weihnachte eine Minute gegen Gladbach. Für Wolf, der zudem zweimal verletzt pausieren musste, ist das nicht zufriedenstellend, aber klar ist, dass er an Jadon Sancho, Christian Pulisic oder auch Jacob Bruun Larsen nicht vorbeikommt. Das sieht Trainer Favre offenbar genauso, weshalb er plant, Wolf umzuschulen: In der Wintervorbereitung testete er den Coburger als rechten Verteidiger, im Training und in zwei Testspielen. Diese Position bekleidete der für fünf Millionen Euro gekommene Profi auch schon in Frankfurt. Wolf hat nach anfänglichen Problemen die neue Aufgabe angenommen, erkennt sie für sich als Chance, wenngleich er dort zunächst ebenfalls nur Backup wäre, Platzhirsch hinten rechts ist Lukasz Piszczek. Favre glaubt an den schnellen Wolf: „Wir sind optimistisch, dass er das kann.“ 

Kevin-Prince Boateng: Der 31-Jährige machte in Italien so weiter, wie er in Deutschland aufgehört hatte - mit starken Leistungen. Vier Tore und zwei Vorlagen steuerte Boateng in zwölf Einsätzen für Sassuolo Calcio bei, der Aufsteiger stand dadurch am Anfang der Saison unter den besten vier Mannschaften der Serie A. Mittlerweile sind die Fußballer aus dem 40 000-Einwohner-Städtchen auf Rang elf abgerutscht, auch weil Boateng zwischenzeitlich wegen einer Beckenverletzung fünf Partien versäumte. Sein 33-Minuten-Comeback feierte der ehemalige Mittelfeldspieler, der bei seinem neuen Klub als Mittelstürmer eingesetzt wird, am 29. Dezember bei der 2:6-Klatsche gegen Bergamo, Boateng bereitete sofort wieder einen Treffer vor. Bemüht ist Boateng auch abseits das Rasens weiterhin im Kampf gegen den Rassismus, der sei seit seiner ersten Zeit in Italien, 2010 bis 2013 (FC Genua, AC Mailand), noch schlimmer geworden: „Die Lage hat sich in den letzten fünf Jahren verschlechtert. Für einige Personen sind farbige Menschen Affen.“ 

Lukas Hradecky: Ein sympathischer Kerl ist der Finne allemal, das ist nicht neu. Hradecky hat sich auch in Leverkusen das Biertrinken und Sprücheklopfen bewahrt, erst vor wenigen Tagen teilte er mit Blick auf den Rückrundenauftakt mit: „Endlich geht’s wieder los und diese Vorbereitungsscheiße ist vorbei.“ Ach, herrlich. Gar nicht herrlich lief es für Leverkusen in der Hinrunde, deshalb ist Heiko Herrlich nun auch weg, und Peter Bosz da. Der neue Trainer wird auch für Hradecky, der nach einer Zahn-OP in der Sommervorbereitung erst ab dem dritten Spieltag zwischen den Pfosten stand, eine Umstellung bedeuten. Bosz ist dafür bekannt, seinen Torhütern auch gerne die Rolle als Libero zuzuordnen. Also weit außerhalb des Strafraums das eigene Spiel mit dem Fuß ankurbeln - nicht gerade Hradeckys Stärke. Der 29-Jährige äußerte sich entsprechend skeptisch: „Für mich ist es zwar kein Problem, Libero zu spielen. Aber es darf nicht oft passieren, dass ein oder zwei Mann auf mich zulaufen. Ich werde hoffentlich nicht im Stich gelassen. Wir haben schon genug Tore kassiert.“ In 15 Einsätzen musste Hradecky 24-mal hinter sich greifen, meist schuldlos. Omar Mascarell: Das hat sich der Mann aus Teneriffa sicher anders vorgestellt. „Ich habe gleich gespürt, dass es passt“, hat er zu Beginn der Saison noch fröhlich gesagt, kaum hatte Schalke 04 die zehn Millionen Euro Ablöse an Read Madrid überwiesen (von denen vier Millionen auf das Konto von Eintracht Frankfurt flossen). Ein Königstransfer sollte der 25-Jährige sein, dank seiner Passgenauigkeit und seinem Spielverständnis sollte er den zu den Bayern gewechselte Leon Goretzka ersetzen. Und was wurde? Nichts wurde es. Mascarell kam gerade mal auf vier Einsätze in der Hinrunde, einmal nur durfte er 90 Minuten spielen, immerhin noch dreimal in der Champions League. Gegen seinen alten Klub saß er 90 Minuten auf der Bank, musste zusehen, wie die Hessen die Knappen abkochten. Das ist für einen wie ihn natürlich unbefriedigend. Dazu hat er sich gleich verletzt, ein Muskelfaserriss in der Sommervorbereitung setzte ihm zu, er neigt zu Verletzungen, in Frankfurt hat er in seinen zwei Jahren 38 Spiele verpasst. Auf Schalke steht er, neuerdings erblondet, weiter im Schatten, mit Sebastian Rudy, Nabil Bentaleb und Suat Serdar hat er drei Konkurrenten für seine Position. Ans Aufgeben denke er nicht, er wolle seinen gut dotierten Vierjahresvertrag erfüllen, aber wenn „Schalke es mir nahelegt, werde ich mir meine Gedanken machen“, sagte der Spanier dieser Tage. Sehr lange, diese Voraussage sei gewagt, wird die Beziehung zu Nullvier nicht mehr halten.

Alex Meier: 26 Minuten hat er gebraucht, spätestens dann wussten sie auch bei Zweitligist St. Pauli, was den seit Donnerstag 36 Jahre alten Stürmer auszeichnet: sein Näschen für Tore und einen über Jahre verfeinerten, präzisen Schuss. Meier netzte also gleich im ersten Spiel gegen die Belgier vom RSC Charleroi ein, auch in der zweiten Testpartie gegen Wehen Wiesbaden (3:2) traf er zum zwischenzeitlichen 2:1 für seinen neuen Arbeitgeber, bei dem er den Dienst nach einer knapp halbjährigen Trainingszeit in Österreich Anfang Januar angetreten hatte.          Meier sagte bescheiden wie man ihn kennt: „Ich brauche noch ein paar Spiele, um reinzukommen. Je mehr ich mache, desto besser wird es.“ Hach, bei aller Angriffswucht, die die Eintracht in dieser Saison so auszeichnet, ein bisschen Wehmut muss erlaubt sein. Diese typischen Meier-Buden, sie fehlen schon. 

Daichi Kamada: Wie gut eine Luftveränderung einem Fußballer tun kann, zeigt das Beispiel des 22 Jahre alten Japaners. Bei der Eintracht auf hoffnungslosem Posten, hat er sich im Sommer zum belgischen Erstligisten VV St. Truiden ausleihen lassen. Und schlug sofort ein. In 15 Meisterschaftsspielen schoss der offensive Mittelfeldspieler zehn Tore, im Pokal traf er noch zweimal. Und er traf nicht nur gegen die Schwächeren in der (zweitklassigen) belgischen Liga, auch gegen KAA Gent, den FC Brügge oder RSC Anderlecht trug er sich in die Torschützenliste ein. Schon sein Einstand war bemerkenswert: Im ersten Spiel nach seinem Wechsel wurde er in der 60. Minute eingewechselt, 20 Minuten später erzielte er das Siegtor zum 2:1 gegen Gent. Schon sind in Frankfurt Stimmen laut geworden, die Ausleihe des U21-Nationalspielers vorzeitig zu beenden, solch gute Spieler könnte auch Adi Hütter gebrauchen. Davon hält Sportdirektor Bruno Hübner nicht viel. Kamada möge die Saison in Belgien beim aktuellen Tabellensechsten zu Ende spielen und im Sommer zurückkommen. Die Spielpraxis tue ihm gut. Bei der Eintracht steht er bis 2021 unter Vertrag. Das könnte, mit ein wenig Fortune, noch was werden. 

Max Besuschkow: Nach Belgien hat es auch den 21 Jahre alten defensiven Mittelfeldspieler russisch-kasachischer Abstammung verschlagen, allerdings in die zweite Liga. Dort spielt er für den Klub Royale Union St. Gilloise im Großraum Brüssel. Er ist dort Stammspieler, hat 18 Spiele bestritten, eine Vorlage gegeben, tiefe Spuren hat er nicht hinterlassen. 

Danny Blum: So richtig konnte er seinen Turbo auch auf Gran Canaria nicht zünden. Bisher hat der schnelle Linksaußen 13 Partien für UD Las Palmas absolviert, fünfmal stand er in der Startelf, achtmal wurde er eingewechselt, nur einmal durfte er über die komplette Spielzeit gehen. Kein Tor, aber immerhin zwei Vorlagen stehen zu Buche. Das ist, nun ja, nicht berauschend. Vielleicht fühlt sich der 28-Jährige einfach nicht spritzig genug, um förmlich explodieren zu können. Blum, momentan verletzt, ist verliehen, Las Palmas zahlte eine geringe Gebühr (100 000 Euro), sicherte sich zudem eine Kaufoption. Ob der Erstligaabsteiger, zurzeit auf dem enttäuschenden elften Rang liegend, diese ziehen wird, ist mehr als zweifelhaft. So sind die Chancen, dass Blum zur neuen Saison wieder in Frankfurt aufschlagen wird, hoch. Sein Stellenwert wird nicht gestiegen sein. 

Aymen Barkok: Zog sich gleich eine schwere Knieverletzung zu, die ihn in Düsseldorf weit zurückwarf. Der Edeltechniker, von Ex-Coach Niko Kovac vielleicht etwas vorschnell zum „Juwel“ erkoren, kommt nicht auf die Beine, nur zwei Einwechslungen stehen zu Buche, einmal für zwölf Minuten gegen Wolfsburg, einmal für 45 Minuten in Frankfurt bei seinem früheren Verein – da stand es bereits 0:3. Sehr viel undankbarer geht es nicht. Zuletzt achtmal in Folge nicht im Kader. In der Vorbereitung aber verbessert, bereitete im Testspiel gegen den FC Emmen den 1:0-Siegtreffer vor. Immerhin. Der 20-Jährige, ein Frankfurter Bub, ist ausgeliehen, die Fortuna hat eine Kaufoption, die Eintracht ein Rückkaufrecht. Sehr kompliziert das Ganze. Kann gut sein, dass auch er wieder in Frankfurt aufschlagen wird – außer er trumpft in der Rückserie wider Erwarten groß auf. 

Marijan Cavar: Auch er, der Mittelfeldmann aus Bosnien, hat bei seinem neuen Verein, dem kroatischen Erstligisten NK Osijek, nicht so wirklich durchstarten können. Neun Einsätze sind verzeichnet, keine Vorlage, kein Tor. Das geht besser. Der 20-Jährige, den Ex-Trainer Kovac als „sehr, sehr talentiert“ bezeichnete und einen „richtigen guten Fang“ gemacht zu haben glaubte, stand beim kroatischen Überraschungszweiten in den letzten beiden Partien nicht mal mehr im Kader. Auch Cavar, in Frankfurt bis 2021 gebunden, könnte nach Saisonende an den Main zurückkehren – um dann wohl wieder auf Wanderschaft zu gehen.  

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