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Artistisch: Luka Jovic (m.) trifft gegen Roman Bürki.

Eintracht Frankfurt - Borussia Dortmund

Die Piesacker vom Main

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Die Eintracht kann jedes Team bezwingen – wenn sie ihre radikale Spielweise durchbringt.

Der Frankfurter Duracell-Hase mit Namen Gelson Fernandes hat ein ganz gutes Gespür für das, was auf dem Fußballfeld passiert. Er kann das Dargebotene zumeist treffend einschätzen, urteilt offen und ehrlich. Vor gut zwei Wochen nach dem zwar ungefährdeten, aber doch mühsamen Auftaktsieg gegen Freiburg räumte er freimütig ein, was Sportvorstand Fredi Bobic hartnäckig abstritt, dass nämlich der Jetlag die Körper doch lahmgelegt habe. „Man hat gesehen, dass wir nicht so frisch waren“, sagte er. „Ich merke, wenn meine Mannschaft nicht so ist wie sonst immer.“ Am Samstag, beim hochklassigen 1:1 gegen Borussia Dortmund, war sie so, wie sie der Fernandes kennt und schätzt, griffig, bissig, spritzig. „So müssen wir immer spielen, anders können wir eigentlich nicht. Wenn wir keinen Power-Fußball spielen, sind wir eine normale Mannschaft.“

Eine normale Mannschaft hätte gegen den stark aufspielenden Spitzenreiter mit ziemlicher Sicherheit den Kürzeren gezogen. Die Eintracht nicht. Und heimste eine ganze Ladung Lob ein. „Das war gefühlt das mit Abstand schwerste Spiel der Saison“, sagte BVB-Kapitän Marco Reus.

Vollgasfußball ohne Bremsklotz

Die Worte des Gelson Fernandes hören sich zunächst einmal nicht besonders tiefgründig an, wenn man sie genau durchleuchtet, legen sie aber genau das frei, was die Eintracht in dieser Saison ausmacht und für was sie steht: Vollgasfußball ohne Bremsklotz, brachiale Veranstaltungen ohne Netz und doppelten Boden. Die Frankfurter filetieren ihre Gegner nicht, sie zermalmen sie.

Spiele mit hessischer Beteiligung sind selten Kurzpassfestivals, filigran und brillant wird es eher nicht, was nicht bedeutet, dass die Partien nicht spektakulär, ja mitunter atemberaubend sein können. Denn die Frankfurter vereinen andere Qualitäten: Willen, Leidenschaft, Dynamik, Laufstärke und Schnelligkeit. Überdies haben die Spieler fast alle eine gute Grundtechnik, was die generelle Voraussetzung ist, um guten und erfolgreichen Fußball zu spielen.

Die Eintracht verfolgt einen klaren Plan, hat die implementierte Idee von Trainer Adi Hütter längst adaptiert. Diese Philosophie beinhaltet das Attackieren des Gegners, ihn unter Druck zu setzen, ihm die Luft zum Atmen zu nehmen und ihn so lange zu piesacken, bis er irgendwann einknickt. Genauso haben die Frankfurter die Dortmunder bearbeitet und den Tabellenführer in Schach gehalten, fußballerisch war der BVB reifer und besser, er bevorzugt, wie Trainer Hütter anerkennend feststellte, „die feinere Klinge“.

Aber die Eintracht hielt mit ihren Mitteln dagegen, und wenn sie ihre vielen PS auf den Platz bringt, ist sie nur schwer zu bezwingen, weil es kaum eine Mannschaft gibt, die gerade im Offensivspiel so viel Wucht, Körperlichkeit und Tempo in die Waagschale werfen kann.

Ante Rebic: Wie ein Stier mit dem Kopf durch die Wand

Das fängt bei den beiden defensiven Mittelfeldspielern Sebastian Rode und Gelson Fernandes an, geht bei den beiden Flügelspielern Filip Kostic und Danny da Costa weiter und findet seinen Abschluss bei Ante Rebic, der, wenn es sein muss, wie ein Stier mit dem Kopf durch die Wand geht. Der Kroate hat die Fähigkeit, seine Gegenspieler mit seiner Physis, seinem Speed und seiner Furchtlosigkeit zu entnerven. Der 25 Jahre alte Rebic ist der, der viele gefährliche Situationen durch seine bedingungslose und kompromisslose Spielweise heraufbeschwört.

Sturmpartner Sebastien Haller, den Kapitän David Abraham nur den „Schrank“ nennt, hält die Bälle und legt sie ab, für zehn Treffer hat er schon assistiert, ab und an trifft er natürlich auch selbst, elfmal hat er eingenetzt. Und Luka Jovic ist der Vollstrecker, der durch seinen Instinkt und seine große Klasse aus einer halben Chance ein Tor machen kann. Viele Treffer fallen nach ähnlichem Muster: Entweder nach einem langen Pass und einer Weiterleitung per Kopf oder Fuß. Oder aber über die Außen. Oder durch Dauerdruck auf den Gegner. Einzelleistungen wie jene von Ante Rebic in den Partien gegen Freiburg und Bremen dürfen auch nicht fehlen. Mit dieser Spielweise macht die Eintracht jedem Gegner das Leben schwer.

Doch wenn sie eben ihre Tugenden nicht abruft, muss sie auf die Extraklasse und Geniestreiche ihrer drei Stürmer vertrauen, denn dann ist die Mannschaft, wie Fernandes sagte, tatsächlich eine ganz normale. Wenn also einzelne Spieler nachlassen, ein, zwei Schritte weniger machen oder, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr bereit sind, auch den letzten Meter in letzter Konsequenz zu gehen, dann wird es für die Frankfurter eng, dann können sie auch Spiele verlieren, die sie unter anderen Umständen nicht verlieren würden.

Körperliche und geistige Frische sind für die Frankfurter Lesart des Spiels elementar. Tritt die Mannschaft nicht im Kollektiv auf und wird von einer gewissen Müdigkeit befallen, sind Punktverluste programmiert. Beispiele dafür gibt es ausreichend. In den Partien in Nürnberg (1:1), gegen Wolfsburg (1:2), in Berlin (0:1) oder auch in Mainz (2:2) und Bremen (2:2) kamen die Frankfurter nicht an ihre Bestform heran und mussten das entsprechende Ergebnis hinnehmen. Indes: Trotz durchwachsener Leistungen haben sie in drei dieser fünf Begegnungen immerhin einen Zähler mitnehmen können. Das ist auch Ausdruck der gestiegenen Klasse und ein Qualitätsmerkmal.

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