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Jerome Onguene: Der Pechvogel des Jahres

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Von: Ingo Durstewitz

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Früher erfolgreicher Torjäger, heute Verteidiger: Jerome Onguene. imago images
Früher erfolgreicher Torjäger, heute Verteidiger: Jerome Onguene. © Kessler-Sportfotografie/Imago

Der dauerverletzte Eintracht-Verteidiger hat die erste Saisonhälfte fast ausschließlich in der Reha verbracht,

Vor ein paar Wochen stattete ein kleines Team des klubeigenen TV-Senders dem mal wieder unpässlichen Eintracht-Verteidiger Jerome Onguene einen Besuch zu Hause ab. Der Neuzugang, nicht gerade vom Glück verfolgt und dauerverletzt, sollte ein paar lustige Fragen beantworten, wer am meisten Appetit habe (Alidou, Tuta, Trapp), die beste Frisur (Ndicka) oder das schönste Auto (Pellegrini, Chandler). Dann hat der 24-Jährige noch seine imposante Sammlung an Turnschuhen gezeigt, Lieblingsmodell Jordan Dior. Wäre auch das geklärt.

Jerome Onguene kam in dem launigen Beitrag sehr nahbar rüber, ein großer, breiter Mann mit einem Faible für Mode und dem Herzen am rechten Fleck. Die Abwehrkante hat sich ein sonniges Gemüt und eine gewisse Lebensfreude bewahrt, was ihm jetzt durch eine Zeit hilft, die er selbst als „sehr schwierig“ bezeichnet. Denn Jerry, wie er gerufen wird, kann nicht so, wie er will. Die ganze Zeit schon nicht.

Der Neue aus Salzburg kam mit großen Erwartungen nach Frankfurt, wollte durchstarten, sich zeigen und beweisen. Doch dann hat er mehr Zeit in der Reha als auf dem Trainingsplatz verbracht. Mal rissen die Fasern im Oberschenkel, dann in den Adduktoren. Der Verteidiger kam nicht auf die Beine, verpasste im Grunde die gesamte erste Saisonhälfte, nur zweimal schaffte er es überhaupt in den Bundesliga-Spieltagskader. Das hatte er sich ganz anders vorgestellt. „Ich habe hier einige Verletzungen am Anfang gehabt“, sagt der fast 25-Jährige. „Aber ich gebe nicht auf, komme stärker und besser zurück.“ Zurzeit, immerhin, ist er gesund und absolviert das ganze Programm.

Das Kalenderjahr 2022 wird für den Kameruner nicht in besonders guter Erinnerung bleiben, ganz sicher nicht, es waren die vielleicht kompliziertesten und auch mental stressigsten zwölf Monate seiner gesamten Karriere. Denn auch in Salzburg lief es für den stämmigen Burschen schon denkbar schlecht, erst fing er sich Malaria ein, dann einige Blessuren, und seit im März feststand, dass er sich zur neuen Saison der Eintracht anschließen wird, wurde er nicht einmal mehr ins Aufgebot berufen.

Bilanz zum Davonlaufen

Ganze sieben Minuten hat er in diesem Jahr in der österreichischen Bundesliga gespielt, hinzukommen immerhin zwei Einsätze für die kamerunische Nationalmannschaft beim Afrika-Cup. Aber insgesamt ist das natürlich eine Bilanz zum Davonlaufen. „Ich weiß, wo ich herkomme, und ich weiß, wo ich hin will“, sagt der Profisportler tapfer. „Ich halte meinen Kopf oben.“ Etwas anderes bleibt ihm ja nicht übrig.

Die Frage ist – von den Verletzungen mal abgesehen –, ob Onguene die Qualität mitbringt, um auf dem Eintracht-Niveau überhaupt mitzuhalten. Klar, der Verteidiger, der früher mal Stürmer und erfolgreicher Torjäger war, hat insgesamt 111 Pflichtspiele für Salzburg absolviert, er hat also sehr wohl etwas nachgewiesen. Aber in Frankfurt hat er in der Vorbereitung und den Testspielen nicht wirklich überzeugen können. Gerade fußballerisch ist er nicht der Stärkste, hat zudem so manchen Bolzen im Spiel.

Dabei hat er das Kicken so erlernt, wie es viele spätere Profis in Afrika erlernen, barfuß auf staubigen Plätzen. „Als ich mit dem Fußball anfing, hatten wir keine richtigen Plätze. Wir spielten auf der blanken Erde“, sagt Onguene. „Diese Zeit hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin.“ In Kamerun wuchs er bei seinen Großeltern auf. „Das waren wunderschöne Zeiten.“ Mit elf ging er nach Europa, nach Frankreich, und spielte schon als 16-Jähriger beim FC Sochaux in der zweiten französischen Liga. Onguene sorgte für Furore, machte auf sich aufmerksam. Doch sein erster Schritt nach Deutschland kam für ihn zu früh, in Stuttgart kam er im Frühjahr 2017 nur auf zwei Spiele in der Regionalliga. Anschließend ging es weiter nach Salzburg. Und nun Frankfurt.

Jerome Onguene, dessen Vorbild der spanische Innenverteidiger Sergio Ramos ist, wird einen neuen Anlauf nehmen im neuen Jahr und noch einmal alles versuchen, um durchzustarten. Klein beigeben gibt es nicht bei dem großen Kerl aus Kamerun.

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