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Gehört fast zum Inventar, nur wie lange noch? Bastian Oczipka im Gespräch mit Teammanager Christoph Preuß.
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Gehört fast zum Inventar, nur wie lange noch? Bastian Oczipka im Gespräch mit Teammanager Christoph Preuß.

Kaderplanung

Ein paar Idole dürfen?s sein

  • Ingo Durstewitz
    VonIngo Durstewitz
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Eintracht Frankfurt braucht Herz und Seele und ein paar Gesichter.

Der Frankfurter Fußballprofi Bastian Oczipka ist quasi über Nacht zu einem der begehrtesten Linksverteidiger der Bundesliga avanciert. Diese Spezies ist seit jeher besonders gefragt, und in diesem Sommer erst recht. Der 28-Jährige, ein zuverlässiger Bundesligaspieler, kann sich quasi aussuchen, wo sein künftiges Betätigungsfeld liegen wird. Die Eintracht würde seinen auslaufenden Vertrag gerne verlängern, im Ausland ist er gefragt, im Inland sowieso. Der Hamburger SV hat ein Auge auf den Abwehrmann geworfen, sah sich sogar in einer guten Position. Doch dann grätschte der FC Schalke 04 dazwischen und lockt den Routinier mit einem Jahresgehalt von fast drei Millionen Euro. Oczipka, das ist klar, würde gerne die Farben wechseln und in Zukunft Königsblau tragen. Aber darf er auch?

Mittlerweile scheint zumindest ziemlich ausgeschlossen, dass es in Frankfurt zu einer Verlängerung seines in einem Jahr auslaufenden Vertrages kommt. Die Eintracht überlegt daher, den Spieler abzugeben – gegen eine entsprechende Entschädigungszahlung, die so bei sechs Millionen Euro liegen müsste. Der Poker hat begonnen.

Sollte Oczipka den Verein verlassen, müssten die Frankfurter einen Teil der Summe reinvestieren, um einen möglichst gleichwertigen Ersatz zu holen. Denn mit Backup Taleb Tawatha kann der Verein nicht ernsthaft in die Saison gehen, er ist zu ungestüm und vogelwild, er wird sich arg strecken müssen, um halbwegs Bundesligaformat zu erreichen. Oczipka kann er nicht mal im Ansatz ersetzen.

Sollte der Linksfuß gehen, wofür vieles spricht, würde der Klub einen altgedienten und verdienten Spieler verlieren, der immer Stammkraft und nur selten verletzt war, er war der Dauerbrenner.

Oczipka stand nur selten im Fokus oder im Brennpunkt. Dazu ist er nicht der Typ, der Bergisch-Gladbacher ist ein kluger Mann und ruhiger Vertreter, demnächst wird er zum ersten Mal Vater. Er ist zum Führungsspieler aufgestiegen, intern wird sein Wort sehr wohl gehört. Er dient vielleicht nicht unbedingt zur Identifikationsfigur, dazu ist er zu unspektakulär, vielleicht auch zu farblos und unnahbar. Aber die Eintracht würde dennoch wieder einen Spieler verlieren, der seit fünf Jahren die Knochen hinhielt und der fast schon zum Inventar gehörte – schon vor einem Jahr war in Stefan Aigner ein Publikumsliebling gegangen.

Die Fluktuation im Eintracht-Kader ist bemerkenswert. Ein Umbruch folgt auf den nächsten. Dieser Trend hat schon vor einiger Zeit begonnen und unter Fredi Bobic Fahrt aufgenommen. Vielleicht ist der Paradigmenwechsel den geringen finanziellen Mittel geschuldet oder aber auch dem Zeitgeist. Das Leben im Allgemeinen und im Fußball im Besonderen wird schneller, es ist sehr viel mehr Geld im Umlauf, das stetig in den Kreislauf gepumpt wird und ihn permanent beschleunigt. Auf der Strecke bleiben Integrität, Identifikation und Loyalität, mal platt gesprochen: Vereinstreue.

Die Fans haben sich an diese veränderte Politik gewöhnt, sie finden es vielleicht nicht toll, aber sie akzeptieren es. Auch die Fankultur hat sich ja gewandelt, gerade die Ultras sehen sich selbst als Seele des Vereins, nach dem Motto: „Spieler kommen und gehen, wir bleiben immer.“

Und doch ist es so, dass ein Verein ein paar Ikonen braucht, ein paar Figuren, die identitätsstiftend sind, an denen sich auch jüngere Anhänger orientieren können, die Klebstoff und Bindeglied sind. Ein Verein braucht ein Herz und eine Seele, und auch ein paar Aushängeschilder und Gesichter.

Am vergangenen Dienstag beim Freundschaftskick in Idstein etwa waren unzählbare Alex-Meier-Trikots unterwegs, in Abwesenheit des Fußballgottes stürzten sich die Fans auf Marco Russ, den anderen Ur-Eintrachtler mit bewegter Geschichte. Und Niko Kovac ist ein gefragtes Fotoobjekt. Der Trainer ist der Star.

 Mit den Integrationsfiguren ist es schwierig geworden. Da sind Alex Meier, Lukas Hradecky, Marco Russ, mit Abstrichen noch Timothy Chandler und Marc Stendera. Doch der von den Fans verehrte Meier ist erst demontiert worden, hat sich dann verletzt. Jetzt hat ihn auch noch die Borreliose erwischt. Eine Überraschung wäre es zudem nicht, wenn Kovac ihm die Kapitänsbinde nehmen würde. Dass sein Spielvertrag über 2018 hinaus verlängert wird, ist unwahrscheinlich. Russ spielt sportlich ebenfalls nur eine untergeordnete Rolle, Hradecky wird den Verein wohl spätestens 2018 verlassen. Da bleibt nicht mehr viel.

Dabei braucht eine Mannschaft eine Hierarchie, einen Kern, eine klare Struktur. Natürlich kann man ein Team nicht nach den Gesichtspunkten wie Vereinszugehörigkeit oder Beliebtheit zusammenstellen, das wäre ja töricht, doch weiche Faktoren sollte man zumindest nicht gänzlich unbeachtet lassen.

Die Eintracht muss zudem aufpassen, dass sie weiterhin genügend deutsche Spieler im Kader hat. Die DFL schreibt zwölf einheimische Akteure vor. Derzeit hat die Eintracht deren 14 unter Vertrag, doch sollten Oczipka, der umworbene Aymen Barkok und der bei Kovac im Abseits stehende Yanni Regäsel den Klub verlassen, wären die Hessen unter Zugzwang.

Sportvorstand Bobic wehrte sich bereits vor einem Jahr gegen die einsetzende Debatte um eine gewisse emotionale Distanz. „Eine Entfremdung kann ich nicht mal im Ansatz erkennen“, befand er. „Man sollte aufpassen, dass die Diskussion nicht in die falsche Richtung läuft. Wir sind eine internationale Stadt. Im Fußball ist es egal, woher du bist, welche Hautfarbe und welche Religion du hast. Im Fußball zählt das Gefühl, zusammen etwas erreichen zu können.“

Das ist korrekt, und es geht ja mitnichten um deutsche oder ausländische Spieler, sondern um den zu schnellen Durchlauf, um das ständige Kommen und Gehen. Und es geht um – vielleicht aus der Zeit gefallene – Werte wie Treue, Identifikation, aber auch um Konstanz und Verlässlichkeit. Und da ist es egal, ob die Idole Grabowski oder Yeboah, Bein oder Okocha, Meier oder Amanatidis heißen.

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