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Ousmane Dembele – Zwischen Genie und Wahnsinn

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Von: Daniel Schmitt

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An ihm scheiden sich die Geister: Ousmane Dembele.
An ihm scheiden sich die Geister: Ousmane Dembele. © AFP

Barcelonas Ousmane Dembele „kann der beste Spieler der Welt“ sein, doch bleibt er am Boden?

Barcelona – Sein deutscher Entdecker vermutete es sofort: Dieser Junge, zarte 16, zerbrechlich, nahezu muskelfreier Oberkörper, getoppt nur von den spindeldürren Beinchen, würde mal ein Guter werden, einer für die Elite des Weltfußballs. „Ich fühlte es“, sagte er rückblickend: „Das ist ein richtig besonderer Spieler.“

Sven Mislintat, damals als Scout bei Borussia Dortmund angestellt und mittlerweile für den VfB Stuttgart als Manager tätig, schaute sich ein Fußballspiel von Stade Rennes an. Von der U18. Dort, gegen die älteren Talente, stach der Jüngste heraus, er brauchte keine Muskeln, kamen die Gegner ohnehin nicht an ihn ran. Er sprintete einfach an ihnen vorbei oder dribbelte sie aus, rechts rum, links rum, egal. „Ich wette, er hätte nicht sagen können, welchen Fuß er in bestimmten Situationen benutzt hat. Weil er nicht darüber nachdachte“, erinnerte sich Mislintat. Noch heute, acht Jahre später, macht er das so, Dribbeln ohne Nachdenken, der Intuition folgend: Ousmane Dembele ist ein Gefühlsfußballer, dem es auch mit 24 schwer fällt zu entscheiden, welcher seiner Füße denn nun der stärkere ist. „Sie sind es beide“, sagte er mal. Logisch.

Dembele, der dieser Tage in Bestform auflaufende Profi des FC Barcelona, dem Europa-League-Gegner von Eintracht Frankfurt an diesem Donnerstag (21.00 Uhr/RTL), stand seit besagtem Jugendspiel auf dem Zettel von Sven Mislintat und dem BVB. Im November 2015 feierte er schließlich sein Debüt in Frankreichs erster Liga, mit 18. Ein Dreivierteljahr, zwölf Tore und fünf Vorlagen später schloss er sich dann der Borussia an. Eine weitere Spielzeit darauf, zuvor hatte er diesmal 22 Mal getroffen und elf Tore vorbereitet, stieg er zum drittteuersten Fußballer der Welt auf. Nur Kylian Mbappé und Neymar kosteten bisher mehr als die etwa 140 Millionen Euro, die Barcelona nach Dortmund in Summe überwies. Er hatte es geschafft, der zerbrechliche Junge. Hinauf zur Elite des Fußballs.

Ousmane Dembele – Xavi stärkt Ex-Dortmunder

„Ousmane hat großen Stolz und ein großes Ego“, beschrieb Julien Stephan, Jugendtrainer in Rennes, vor einigen Jahren seinen einstige Schützling. Etwas, über das Dembele, mittlerweile 24 und Weltmeister, nicht selten stolpern sollte. Unpünktlich, unprofessionell, geldgierig - er hatte schnell den Ruf eines Skandalprofis an sich haften. Sicher nicht zu Unrecht. Geschichten wie jene, dass er einem Kumpel monatlich 15.000 Euro für dessen Gesellschaft beim Konsolen-Zocken zahle, förderten das unangenehme Image.

Dembele ist in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen. Mit sieben Jahren trennten sich seine Eltern, die Mutter zog mit den vier Kindern nach Evreux, nordöstlich von Paris gelegen. Die Familie lebte in einem sozialen Brennpunkt, das Geld war knapp, der kleine Ousmane verbrachte seine Kindheit auf Bolzplätzen - und lernt dort, sich gegen Ältere, Größere, Stärke durchzudribbeln. Mit 12 ergriff er die erste sich bietende Chance und zog ins Jugendinternat nach Rennes. Seitdem ging es steil bergauf.

Bei Barca aber war Dembele plötzlich nicht mehr der Beste, einer unter vielen, ein Sternchen unter Stars, dazu fiel er ständig verletzt aus (Stichwort: spindeldürre Beinchen). Bis zum vergangenen Jahreswechsel bestritt er lediglich 20 Partien über die volle Spielzeit. 695 Tage fehlte er Barca verletzt, stand nur 7520 von möglichen 22 320 Minuten für den spanischen FCB auf dem Rasen. Pfiffe der Culers, der Barca-Fans, waren keine Seltenheit, sondern die Regel. Im Januar, ein halbes Jahr vor Ablauf des Vertrages, wollte der klamme Klub endgültig die Reißleine ziehen und wenigstens noch etwas Ablöse mit Dembele generieren. Das Vorhaben scheiterte, kolossal, der Spieler wollte nicht weg, im Sommer lässt sich mehr Kohle scheffeln. Höhere Handgelder, mehr Gehalt, verlockend.

Vier Monate später ist die Welt eine andere für Ousmane Dembele. Plötzlich strebt Barcelona eine Vertragsverlängerung mit dem Rechtsaußen an, bei der Pressekonferenz im Frankfurter Stadion im Vorfeld des Europa-League-Hinspiels zielten mehr Fragen der spanischen Medien auf Dembele denn auf das Spiel gegen die Hessen ab. Xavi, der Trainer, antwortete geduldig wie eindeutig: „Ich weiß nicht, wie Dembele vorher war, aber er ist sehr glücklich bei uns und motiviert.“ Sogar an freien Tagen wurde der Franzose unlängst am Trainingszentrum gesichtet. „Dembele ist sehr wichtig für uns. Ich hoffe, dass er bleibt.“ Und weiter: „Er kann der beste Spieler der Welt auf seiner Position sein. Es gibt nur wenige mit seinen Eigenschaften.“ In der Tat.

Nach Dembeles Einwechslung im Hinspiel in Frankfurt, Xavi hatte ihn anfangs geschont, wendete sich das Spiel. Fortan war der 24-Jährige im Grunde an jedem Barca-Angriff beteiligt, auch am 1:1-Ausgleich. Auf zwei Tore und neun Vorlagen kommt er wettbewerbsübergreifend im Jahr 2022. Den deutschen Entdecker Sven Mislintat dürfte die Entwicklung insgeheim freuen - und sicher nicht überraschen. Talentierte Spieler, sagte er mal über Dembele, die womöglich einen schwierigen Charakter hätten, „sind oftmals eben Gewinnertypen.“ (Daniel Schmitt)

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