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Ohne Kamada in die Puppenkiste

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Von: Ingo Durstewitz

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Wird in Augsburg fehlen: Daichi Kamada. Foto: Imago images
Wird in Augsburg fehlen: Daichi Kamada. © Imago

Eintracht Frankfurt hat vor dem Auswärtsspiel beim FC Augsburg eine Wundertüte im Gepäck. Selbst Trainer Glasner rätselt, ob die Eintracht gut in den Alltag kommt.

Frankfurt – Nach dem Glanzstück im Südwesten Europas, dem historischen Einzug ins Champions-League-Achtelfinale in Lissabon, hat der Alltag die Frankfurter Eintracht wieder eingeholt. Der Alltag sieht ein Auswärtsspiel in der heimischen Liga vor, im Südwesten Bayerns, in Augsburg, Samstagnachmittag um 15.30 Uhr. Und natürlich wäre es das Normalste der Welt, wenn der Bundesligist aus dem Hessischen in der Puppenkiste klassisch mit, sagen wir, 0:2 eingehen würde. Das war oft genug so bei Eintracht Frankfurt, ganz früher, früher und auch heute. Und selbst Oliver Glasner, der selbsternannte Diven-Austreiber, ist sich nicht ganz sicher, dass seine Mannen am Samstag keinen Schiffbruch erleiden werden. „Ich bin selbst gespannt, wie weit wir sind, ob wir bereit sind“, sagt der Cheftrainer. „Ich bin neugierig.“

Denn klar ist es nicht einfach, nach einer solch überragenden Gesamtleistung auf der hell ausgeleuchteten Bühne der Könige ins Brot- und Buttergeschäft zurückzukehren und einem Gegner Paroli bieten zu müssen, der ausgeruht und hochmotiviert ist, den Europa-League-Sieger und Champions-League-Achtelfinalisten in die Knie zu kämpfen, der ohnehin einen rustikalen, körperbetonten Stil pflegt. „Wir haben etwas Historisches, Außergewöhnliches erreicht“, sagt Glasner. „Da ist es nicht so leicht, das alles abzuschütteln und den Fokus wieder zu finden.“

Eintracht Frankfurt: FC Augsburg laut Glasner unangenehm zu bespielen

Er, der für die Mannschaft Verantwortliche, habe zwar ein „sehr gutes Gefühl, weil wir gefestigt scheinen und zuletzt konstant auf einem hohen Niveau gespielt haben“, aber Garantien könne er keine geben. Schließlich, und das räumt der Österreicher offen ein, sei die Augsburger Herangehensweise keine, mit der sein Team unbedingt gut zurecht kommen würde. „Genau gegen solch eine Spielanlage hatten wir zuletzt Probleme.“ Deshalb ist das auch für ihn ein persönlicher Feldversuch.

Das Augsburger Ensemble sei nämlich ein unangenehm zu bespielendes, „sehr intensiv, sehr aggressiv, körperlich sehr präsent, viele lange Bälle“. Der FCA steht in der Fairplaytabelle sinnigerweise und mit einigem Abstand zum Vorletzten auf dem 18. Platz, hat schon 40 (!) Gelbe Karten gesammelt, die Eintracht deren 19 – kein Team ist weniger verwarnt worden.

Für die Frankfurter wird es daher darum gehen, diesen Fight anzunehmen und sich dagegenzustemmen. Physisch macht sich der Fußballlehrer trotz des Mammutprogramms und der hohen Belastungen der vergangenen Wochen keine Gedanken, doch mental sei das ungleich schwieriger. „Wir müssen wach sein und schnell reagieren, um den Zweikämpfen aus dem Werg zu gehen. Das startet im Kopf.“ Der muss fit und klar sein, nicht durch den großen Erfolg vernebelt. „Das thematisieren wir mit den Jungs. Es soll sich keiner zurücklehnen, denn jetzt geht es weiter. Das führen wir ihnen vor Augen.“ Ob es verfängt?

Der Trainer lässt nichts unversucht, um seine Spieler bestmöglich vorbereitet in die letzte Bundesligawoche mit drei Spielen zu schicken. Nach der Rückkehr aus Portugal gab er den arg belasteten Akteuren am Donnerstag frei, „um abzuschalten. Das hat allen gut getan.“ Doch nicht alle ließen einfach nur die Seele baumeln, Almamy Touré und Evan Ndicka etwa kamen ins Proficamp und schufteten im Kraftraum. Der Coach hielt sie sogar dazu an, nicht zu viel zu pumpen, wertet die Eigenmotivation aber als absolut positiv. „Sie sind alle hochprofessionell, großartige Jungs mit einer tollen Mentalität. Ich muss sie eher bremsen, muss keinem in den Hintern treten – das gibt mir ein gutes Gefühl.“ Die Spieler seien noch immer „hungrig“, obwohl sie, wie Glasner sinnbildlich sagt, „sehr viel zu essen bekommen haben“.

Eintracht Frankfurt: Kamada und Chandler sind krank

Daichi Kamada ist das prompt auf den Magen geschlagen, er ist genauso wie Timothy Chandler erkrankt. Das ist im Falle des Japaners natürlich eine herbe Schwächung, denn der Spielleiter war nicht nur Torschütze vom Dienst, sondern auch in überragender Form, der heimliche Senkrechtstarter dieser Saison. Doch Glasner lamentiert nicht, aus einem ganz einfach Grund: Sehr wahrscheinlich hätte er den Mittelfeldmann ohnehin nicht eingesetzt. Kamada klagte in den zurückliegenden Wochen häufiger mal über Schmerzen am Knie, habe auch nicht immer mittrainieren können. „Er hat sich durchgebissen.“ Doch als er nach dem Husarenstück in Lissabon am nächsten Morgen ziemlich angeschlagen aus dem Lift gestiegen sei, „da hatte ich schon im Kopf, ihm mal eine Pause zu geben“, erzählt der Trainer. „Die Natur hat mir die Entscheidung jetzt abgenommen.“

Für den Endspurt am kommenden Mittwoch zu Hause gegen Hoffenheim und abschließend am Sonntag in Mainz ist der Japaner aber fest eingeplant. Das ist gut, denn der Regisseur hat sich zu einem unverzichtbaren Spieler gemausert. Die Eintracht würde den im Sommer auslaufenden Vertrag gerne verlängern, sie wähnte sich auch auf einem guten Weg, zurzeit aber stocken die Verhandlungen ein wenig.

Kein Wunder, der 26-Jährige weckt Begehrlichkeiten und könnte bei einem Wechsel ein ordentliches Handgeld erzielen. Bei der WM in Katar steht er zudem im Schaufenster. Andererseits fühlt er sich in Frankfurt pudelwohl, wird wertgeschätzt, und es gibt genügend Beispiele von hochkarätigen Fußballern, denen ein Weggang geschadet hat. Ein Spieler muss auch zum Verein und zur Liga passen. Die Eintracht bleibt optimistisch, will das Thema aber keinesfalls bis ins Frühjahr mitschleppen, sondern alsbald Klarheit. Verständlich. (Ingo Durstewitz)

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