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Occean und der Gordische Knoten

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Von: Ingo Durstewitz

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Traurig, aber wahr. Olivier Occean ist der Eintracht derzeit keine große Hilfe mehr.
Traurig, aber wahr. Olivier Occean ist der Eintracht derzeit keine große Hilfe mehr. © getty

Der Eintracht-Angreifer kann seine Sturmflaute nicht überwinden und steht stellvertretend für die Probleme im Frankfurter Angriff.

Es wäre vielleicht ein bisschen übertrieben zu behaupten, dass sich für Olivier Occean am Freitagabend ein Kreis schließen würde. Denn der gleichsam glücklose wie unglückliche Stürmer der Frankfurter Eintracht wird heute im Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach keine große Rolle spielen, er wird eine Randfigur sein, sehr wahrscheinlich wird er das Spielfeld allenfalls zum Warmmachen betreten dürfen. Wenn überhaupt. Aber es ist durchaus so, dass für den Kanadier das Hinspiel in Mönchengladbach so etwas wie einen Wendepunkt darstellte ? hin zum Schlechten.

Sturz ins Bodenlose

Im Borussia-Park begann für den 31-Jährigen ein bemerkenswerter Sinkflug, wenn man so will: Ein Sturz ins Bodenlose. Bis zu jener Partie Anfang Oktober war die Welt für Olivier Occean zumindest halbwegs in Ordnung. Er hatte die Fans in den ersten Saisonspielen zwar nicht vom Hocker gerissen und in Verzückung versetzt, das nicht, aber er war konkurrenzfähig, ein fester Bestandteil der Mannschaft, mittendrin, nicht außen vor, durchaus wichtig, er war gesetzt und schien auf einem guten Wege. Man dachte, es fehle nur das eine oder andere Tor und der Knoten würde schon platzen, denn sonst gab es wenig, was man Occean vorwerfen konnte: Er arbeitete, hielt die Bälle ganz geschickt, verteilte sie auch passabel. Occeans Darbietungen waren keine Offenbarung, aber grundsolide mit Steigerungspotenzial. Dann kam die Partie in Gladbach ? und seitdem ist für ihn nichts mehr so, wie es mal war, seitdem gibt Occeans Flaute in etwa so viele Rätsel auf wie der Gordische Knoten. Occean wurde am Niederrhein zur tragischen Figur, der Angreifer, damals gerade von einer Verletzung genesen, leitete den Rückstand und letztlich die Niederlage mit einem ärgerlichen Fehlpass in der eigenen Hälfte ein ? und er vergab auf der anderen Seite eine Hundertprozentige, als er den Ball am leeren Tor vorbeischoss. Er avancierte zur tragischen Figur.

Womöglich hat ihm dieses Spiel, diese doppelte Fehlleistung einen Knacks gegeben, erholt hat er sich davon nicht mehr. Mittlerweile ist Occean nur noch ein Schatten seiner selbst, nicht mehr tragfähig für die Mannschaft. Schon lange nicht mehr eigentlich. Occean ist geknickt, frustriert, gänzlich ohne Selbstvertrauen. Er ist ohnehin ein Einzelgänger, wortkarg, unnahbar, er ist, wie man immer häufiger hört, auch im Mannschaftskreise zusehends isoliert. In Freiburg etwa verspielte er mit seinem indiskutablen Auftritt in Halbzeit zwei auch intern jeden Kredit.

Keine Trotzreaktion nach Lakic-Transfer

Auch als im Winter Srdjan Lakic geholt wurde, konnte er sich nicht aus seinem alten Trott befreien. Es kam keine Trotzreaktion, weil die Eintracht ihm einen Konkurrenten vor die Nase gesetzt hatte. Man spürte bei ihm auch keine Erleichterung, dass er die Bürde und den Druck los war, als Topstürmer und Zweitligatorschützenkönig geholt worden zu sein. Es ging einfach so (schlecht) weiter.

Obwohl er so lange Zeit das Vertrauen von Trainer Armin Veh hatte, der ihn immer wieder stellte, der ihm immer wieder neue Chancen einräumte, der die Hoffnung nicht aufgab, dass der Durchbruch vielleicht doch noch gelingen möge ? zu einem Zeitpunkt noch, als andere Occean schon längst abgeschrieben hatten. Veh war es ja auch, der den Spieler unbedingt haben wollte und mit großen Worten („Dass wir ihn kriegen können, hätte ich nie gedacht“) ankündigte. Vielleicht hat Veh auch deshalb so lange gebraucht, um sich einzugestehen, dass es wahrscheinlich eher so ist, dass Occean den Anforderungen der Eliteklasse nicht gewachsen ist. Occean wird es in Frankfurt eher nicht mehr packen, er wird wohl als großes Missverständnis in die Geschichte eingehen ? es sei denn, es passiert noch ein mittelgroßes Fußballwunder.

Die Entwicklung des mit vielen Vorschusslorbeeren und 17 Toren aus Fürth geholten Occean ist für die Eintracht ärgerlich, die Sportliche Leitung baute voll auf den 1,3-Mio-Mann, hatte absolutes Vertrauen in die Fähigkeiten des bulligen Mittelstürmers. Man muss konstatieren: Sie hat sich geirrt.

Das Spiel der Eintracht, war gemeinhin angenommen worden, werde stark davon abhängig sein, ob Occean da vorne als Stoßstürmer funktioniere oder eben nicht. Das Verblüffende: Das Spiel der Eintracht funktionierte auch ohne Occean. Obwohl sie im Angriff so wenig Durchschlagskraft auf den Rasen brachte, lief die Maschinerie lange Zeit wie geschmiert. Das Spiel der Hessen hatte sich anders entwickelt als erwartet, diese überfallartigen Konter und dieses schnelle Spiel ist keines für den ? auch gedanklich ? zu langsamen Occean, der seine Stärken als klassischer Strafraumstürmer hat. Da waren andere gefragt, Alexander Meier etwa oder Takashi Inui und Stefan Aigner, die in die Bresche sprangen und viele Tore mehr schossen als in den kühnsten Träumen zu erahnen war.

Keiner kann Lakic ersetzen

Im Grunde ist die Leistung der Mannschaft nicht hoch genug zu bewerten, eine bislang so furiose Saison gespielt zu haben ? quasi ohne Stürmer. Denn der Ausfall von Srdjan Lakic in Freiburg hat noch mal überdeutlich gezeigt, dass es ganz vorne auf Kante genäht ist, eigentlich ist keiner weit und breit in Sicht, der Lakic auch nur annähernd ersetzen könnte. Denn neben Occean kann nur noch Karim Matmour die Rolle als zentraler Angreifer bekleiden. Aber auch das klappt nicht wirklich. Zum einen ist Matmour eigentlich ein Außenbahnspieler, zum anderen fällt der Algerier in dieser Saison mit merkwürdigen Foulspiels auf. In Freiburg etwa trat er mit einigem Anlauf Daniel Caligiuri von hinten in die Beine und sah prompt Gelb. Veh musste ihn schnell austauschen, ehe Schlimmeres geschehen konnte. Denn Matmour ist ein gebranntes Kind: Schon zweimal war er hintereinander vom Platz geflogen, in Schalke und in Düsseldorf nach insgesamt vier doch recht dämlichen Aktionen. Ob Matmour vor lauter Übereifer übers Ziel hinausschießt? Die Verantwortlichen sind jedenfalls ziemlich sauer auf Matmour. Der schnelle Mann ist zurzeit fast schon ein Sicherheitsrisiko, gegen seinen Ex-Klub aus Mönchengladbach wird er sich mit der Jokerrolle begnügen müssen, weil Lakic wieder einsatzfähig ist.

Sonst wäre Veh in Not, mehr Stürmer hat er nämlich nicht. Erwin Hoffer wuselt nun, Kopf nach unten, mit mäßigem Erfolg in Kaiserslautern, Dorge Kouemaha zeigt seine leuchtende Schuhkollektion in der Türkei. Beide waren aufgrund ihres limitierten Könnens aber ohnehin keine Alternativen. Und sonst? Alexander Meier ist ganz sicher hinter der Spitze wertvoller. Und der von Veh mal als Aushilfsstürmer ins Spiel gebrachte Sonny Kittel? Im Praxistest in der winterlichen Vorbereitung gegen Mönchengladbach in Dubai bekam Kittel da vorne kein Bein auf den Boden.

So wird die Eintracht im kommenden Sommer ihren Fehler vom vergangenen Sommer ausmerzen und mindestens einen richtigen Topstürmer holen müssen, der als ernsthafte Konkurrenz zu Lakic ins Rennen geht. Der schon im Sommer umworbene Kevin Volland etwa, obzwar kein klassischer Mittelstürmer, wäre bei einem Hoffenheimer Abstieg zu haben und ist ganz sicher ein Objekt der Begierde. Spätestens im Sommer wird dann auch Olivier Occeans Zeit in Frankfurt zu Ende gehen.

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