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Nullnummer ist auch okay

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Von: Thomas Kilchenstein, Ingo Durstewitz

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Umkämpfte Partie in Leipzig: Evan Ndicka. Foto: dpa
Umkämpfte Partie in Leipzig: Evan Ndicka. © dpa

Eintracht Frankfurt kommt zu einem schmeichelhaften, aber nicht vollends unverdienten Punktgewinn in Leipzig und freut sich über eine starke kämpferische Leistung.

Kurz vor Schluss standen, lagen oder krabbelten alle Frankfurter Defensivspieler auf oder vor der eigenen Torlinie. Der eingewechselte Leipziger Stürmer Yussuf Poulsen hätte den siegbringenden Treffer machen können, keine Frage, er stand ja ganz frei, der Däne, zehn Minuten vor dem Ende, nur wie sollte er es machen? Einmal, zweimal, dreimal verpasste er den Abschluss, dribbelte quer durch den Fünfmeterraum, der erneut bärenstarke Eintracht-Torwart Kevin Trapp baute sich tänzelnd vor ihm auf, verfolgte ihn, hinter dem tapferen Keeper verriegelten Tuta, Martin Hinteregger, Evan Ndicka und Christopher Lenz (dieser sogar im Liegen) das Heiligtum, und irgendwann war klar: Nee, das wird nix mehr, der geht nicht rein. Und folgerichtig ging gar keiner mehr rein, Endstand der zähen Bundesligapartie am Sonntag vor der stattlichen Kulisse von 43 000 Zuschauenden: null-null. Hört sich trist an, war es nicht immer, aber über weite Strecken.

Für den Gast aus Hessen ist dieser eine Zähler als Erfolg zu verbuchen, es war eine nicht unverdiente, aber doch eher schmeichelhafte Nullnummer, die Eintracht hätte sich nicht beschweren dürfen, wenn sie diese Begegnung verloren hätte. Andererseits ist das Remis kein vollends ungerechtes Ergebnis, weil die Hessen nach höchst anspruchsvollen und strapaziösen Tagen alles reingeworfen haben, was sie noch im Tank hatten. „Es war ein sehr schwieriges Spiel“, urteilte der famose Nationaltorwart Trapp (siehe auch Bericht auf der folgenden Seite). „Wir haben Kräfte gelassen in den letzten Wochen, erst am Donnerstag das intensive Spiel gegen Sevilla gehabt, dann die Reise nach Leipzig – das kostet Körner, das ist alles nicht so einfach.“

Die Frankfurter hatten sich zwar fest vorgenommen, die Partie in Sachsen auf ihre Seite zu ziehen, „weil wir den Anschluss nach oben bekommen wollten“, wie Trapp befand, doch letztlich ist „das 0:0 okay“. Richtige Kurzanalyse. Mehr war, realistisch betrachtet, halt einfach nicht drin und auch nicht verdient.

So ähnlich sah es auch Sportvorstand Markus Krösche: „Wenn man sieht, wie intensiv die vergangenen Wochen waren, haben wir ein richtig gutes Spiel gemacht, sehr gut und diszipliniert verteidigt. Wir haben einen Punkt gewonnen.“ Am Ende standen 15:5 Torschüsse für die Bullen, die auch mehr Ballbesitz (55 Prozent) hatten und vor allem die deutliche bessere Zweikampfbilanz aufwiesen: Die Gäste konnten nur 33 Prozent der direkten Duelle gewinnen – das ist ein Problem, das sich durch die gesamte Saison zieht.

Gleich zweimal hatten sie überdies Glück, dass das Aluminium rettete: Einen Schuss von Mohamed Simakan lenkte Trapp an den Pfosten (26.), ein Kracher von Konrad Laimer klatschte gegen die Latte (41.). Davor rettete Martin Hinteregger nach einem Kopfball des blassen Ex-Eintracht-Torjägers André Silva auf der Linie (22.), danach vergab erneut Laimer die beste RB-Chance: Trapp brachte mit einem bemerkenswerten Reflex noch eine Hand an den Ball (63.). Und auch Yussuf Poulsen versagten, wie eingangs beschrieben, die Nerven (81.).

Es war dennoch nicht so, dass der Champions-League-Aspirant die Eintracht an die Wand gespielt hätte, in erster Linie kamen die Leipziger nach Frankfurter Nachlässigkeiten zu Torchancen – und von denen gab es einige. Fast schon absurd muteten die vielen leichten Missgeschicke an, Abspielfehler en masse machten viele Angriffe schon im Ansatz zunichte. „Der Mehrzahl der Torchancen gingen ganz einfache Fehler von uns voraus, da haben wir ihnen die Bälle fast serviert“, urteilte Trainer Oliver Glasner. „Man hat in vielen Situationen schon die Müdigkeit gemerkt.“

Der Fußballlehrer räumte ein, „dass wir natürlich besser spielen können“, doch nach dem anstrengenden Pensum der letzten Wochen und „den 120 sehr kräftezehrenden Minuten vom Donnerstag, bin ich sehr zufrieden mit dem einen Punkt“. Das ist verständlich, es gab nicht wenige, die vor dem Anpfiff mit einer empfindlichen Klatsche gerechnet hatten. Es ist schließlich nicht leicht, die immensen Strapazen aus den Beinen zu laufen und auch die Spannung hochzuhalten nach einem Glanzlicht wie jenem am Donnerstag in der Europa League gegen Betis Sevilla. „Ich möchte den Jungs ein Kompliment aussprechen für die Leidenschaft, die sie wieder an den Tag gelegt haben“, sagte Coach Glasner. „Es war ein sehr schwieriges Spiel – körperlich und mental. Gerade, wenn du ein Highlight wie vor drei Tagen hattest und sofort wieder ablieferst gegen einen Gegner, der Champions-League-Format hat.“

Die vielen Unzulänglichkeiten im Spiel nach vorne bleiben dennoch ein Ärgernis und sind auch nicht alleine auf Müdigkeit zu schieben. Denn die Frankfurter machen sich viele vielversprechende Situationen durch falsche Entscheidungen, technische Defizite oder fehlende Passsicherheit kaputt. Das zieht sich durch die gesamte Saison: 117 Ballverluste pro Spiel sind Ligaspitze. Das bedeutet auch, dass man oft hinterherläuft und einen enormen Aufwand betreiben muss, um den Ball wieder zu ergattern. „Vorne lief es etwas unglücklich“, analysierte Ansgar Knauff. „Wir haben zu hektisch nach vorne gespielt, deshalb sind viele Angriffe zu schnell und zu leicht ins Leere gelaufen.“ Gerade Jesper Lindström tat sich damit hervor, in den vorentscheidenden Momenten schlampige Pässe zu spielen oder schlicht falsch zu handeln.

Zeit, etwas zu ändern, ist genug: Erst in knapp zwei Wochen steht die nächste Partie an. Das Blöde daran: Die meisten Spieler sind gar nicht da, sondern mit ihren Nationalteams auf Reisen.

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