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Will die Aufgabe bei der Eintracht „jungfräulich“ angehen: der neue, alte Trainer Armin Veh.

Armin Veh

„Normal macht man so etwas nicht“

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Armin Veh will bei Eintracht Frankfurt ganz neu anfangen. Dafür wünscht er sich junge hungrige Spieler und ein paar neue Gesichter - die Rückkehr von Pirmin Schwegler ist dabei kein Thema. Der neue alte Trainer im FR-Interview.

Armin Veh, der neue Mann auf der Kommandobrücke bei Eintracht Frankfurt, macht noch ein paar Tage Urlaub, wobei Urlaub das falsche Wort ist. „Urlaub hatte ich ja genug.“ Der Eintracht-Coach hat sich gestern für ein paar Tage ins österreichische Seefeld verabschiedet, ein paar Tage durch die Berge wandern. „Mit Jerry und meiner Frau.“ Jerry, zur Erinnerung, ist Vehs geliebter Hund. Mit Sportdirektor Bruno Hübner steht der 54-Jährige in ständigem Kontakt. „Wir telefonieren täglich“, sagt Veh. „Und das bestimmt nicht nur einmal.“ Ist ja klar, der Kader will neu bestückt werden. Die Zeit drängt, in zwei Wochen schon, am 1. Juli, nimmt die Eintracht das Training wieder auf. Veh kann es kaum erwarten. „Ich freue mich ungeheuer darauf.“

Herr Veh, als Sie am Montag vorgestellt wurden, da hatten wir den Eindruck, als seien Sie niemals weg gewesen. Ging es Ihnen ähnlich?
Einerseits ja, andererseits war es für mich trotzdem anders.

Weshalb?
Weil ich ein Jahr weg war und sechs Monate Pause hatte. Bei den Menschen, mit denen ich zusammen war und zusammen gearbeitet habe, da war es schon so, als sei ich nie fort gewesen. Aber wenn du ein Jahr weg bist, fängst du wieder neu an. Also vom Gefühl her. Es ist alles vertraut, aber trotzdem ist es anders.

Brauchen Sie lange, um sich richtig einzugewöhnen?
Es geht nicht um eingewöhnen. Es geht darum, etwas Neues zu machen. Ich gehe das jetzt schon ein Stück weit jungfräulich an. Ich will da nicht routinemäßig an die Sache herangehen, sondern neugierig sein. Das ist mir sehr wichtig.

Waren Sie bei Ihrer Vorstellung sogar ein bisschen aufgeregt?
Ja. Ein bisschen schon.

Obwohl Sie ein alter Hase im Geschäft sind?
Ja, klar. Aber das macht es doch auch aus. Sonst würde ich es nicht mehr machen. Wenn ich das Gefühl hätte, dass es so routinemäßig abläuft, dass ich sage: Ja, okay, machen wir halt. Nein, das würde ich nicht machen, das mag ich gar nicht. Das hier bei der Eintracht ist für mich ein Neuanfang. Wir starten hier neu durch. Auch ich persönlich. Zu einem Neuanfang gehört für mich beispielsweise auch dazu, mir ein anderes Haus zu suchen.

Werden Sie auch andere Dinge ändern?
Ja, so Kleinigkeiten.

Also wieder die Trainerbank wechseln?
Ich mag es zumindest nicht, wenn der Linienrichter vor mir rumturnt. Also werde ich auf die andere Seite gehen

Was hat Ihre Frau zu Ihrer Rückkehr gesagt?
Meine Frau frage ich doch gar nicht (lacht). Im Ernst: Es hat ihr gefallen. Sie hat ja immer noch eine Verbindung, zu den Nachbarn zum Beispiel. Sie schreiben sich immer noch und schicken sich Bilder von den Hunden. Sie kommt wieder mit nach Frankfurt. Das ist mir wichtig, ich brauche schon einen Ruhepol und jemanden, der mich auffängt.

Sie kennen in Frankfurt ja noch alle Verantwortlichen. Auf administrativer Ebene sitzen Vertraute von Ihnen, Bruno Hübner, Heribert Bruchhagen, Axel Hellmann, Peter Fischer, Philip Holzer, Wolfgang Steubing. Und auch die Mannschaft ist ja in weiten Teilen noch die alte.
Das stimmt. Das ist auch gut, dass ich zu den Verantwortlichen Vertrauen habe. Zu Herri Bruchhagen, Bruno Hübner, auch zu Axel Hellmann. Aber das andere geht von vorne los. Fußball geht ja immer von vorne los. Natürlich kann ich Spieler besser einschätzen, wenn ich sie kenne. Aber jeder muss und kann sich wieder neu beweisen.

Es wird nicht so einfach, gerade am Anfang. Alex Meier fehlt zum Beispiel, Bamba Anderson und Sonny Kittel ebenfalls.
Vor der letzten Saison hat man gesagt, Jung weg, Rode weg, Schwegler weg. Und deshalb gab es das Ziel, nur nicht abzusteigen. Jetzt fehlt uns Alex Meier, der für uns ja ganz wichtig ist. Bamba Anderson ist nicht da und Sonny Kittel auch nicht. Es ist jetzt also nicht so, dass wir da reingehen und eine völlig andere Situation haben als im letzten Jahr.

Bekommen Spieler wie Anderson, Takashi Inui oder vielleicht sogar Vaclav Kadlec wieder eine neue Chance? Damals hatten diese Spieler ja am Ende keine Rolle mehr bei Ihnen gespielt.
Die Spieler, die da sind, fangen wieder neu an. Das muss ja so sein. Sie bekommen eine Chance. Natürlich hat man seine Eindrücke, aber die kann man nach einem Jahr auch verlieren, und der Spieler kann sich ebenfalls anders entwickeln. Fußball ist eine fortwährende Entwicklung. Es geht immer bei Null los. Keiner kann sich auf dem ausruhen, was mal war. Wenn ich meine Leistung nicht mehr bringen kann, dann bringt es nichts, wenn ich sie mal gebracht habe. Das ist in diesem Geschäft so.

Können Sie schon sagen, was Ihre Ideen und Visionen sind?
Wir müssen in erster Linie schauen, dass wir Spieler dazu gewinnen. Das ist jetzt nicht so einfach. Ich kenne ja manche Spieler gar nicht. Von außen kannst du das nicht beurteilen, ich muss mir da im Training selbst ein Bild machen. Ich kenne zum Beispiel keinen Ignjovski, keinen Medojevic.

Hasebe kennen Sie aber.
Ja, den hatte ich in Wolfsburg, das ist jetzt aber auch fünf, sechs Jahre her. Da hat er auch öfter mal rechter Verteidiger gespielt. Bei der Eintracht hat er es, wie ich aus der Entfernung fand, ordentlich gemacht, vielleicht ein bisschen zu sehr in die Breite gespielt. Aber das war absolut okay.

Sie sind ja gut im Bilde.
Dadurch, dass ich jetzt ein halbes Jahr nichts gemacht habe, habe ich in erster Linie auf die Eintracht und den VfB geschaut. Ich habe die Spiele alle gesehen.

Und was haben Sie bei der Eintracht gesehen?
Eine Saison mit 43 Punkten, da kann man nix sagen. Von den Punkten her war es eine ordentliche Saison.

Aber....?
Sagen wir es so: Ich habe ein paar Dinge gesehen, die mir gefallen haben. Und ein paar Dinge, die mir nicht so gefallen haben.

Die Gegentorflut kann Ihnen nicht gefallen haben.
Es waren zu viele Gegentore, natürlich.

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Im ersten Bundesligajahr nach dem Wiederaufstieg haben Sie einen wilden, spektakulären Fußball spielen lassen, zum Schluss eher einen abgeklärten Stil favorisiert. Und nun?
Damals war es ja so, dass wir neu und frisch waren. Das habe ich natürlich genutzt. Da haben wir in der ersten Zeit die Leinen losgelassen. Das war damals und für die damalige Mannschaft das beste Mittel. Was das beste Mittel für die jetzige Mannschaft ist, kann ich noch nicht sagen. Da muss ich erst die Spieler kennenlernen, dann kann ich sagen, was das Beste für uns ist. Ich kenne noch nicht alle Spieler, ich weiß nicht, wer noch dazu kommt, wen wir noch kriegen. Ich werde es erst dann entscheiden können, wenn die Mannschaft steht. Ich gehe jetzt nicht mit einem System im Kopf da rein und ziehe das durch. Ich habe bisher ja auch keinen Einfluss auf den Kader gehabt. Wobei: Stefan Reinartz hätte ich als „Sechser“ auch geholt. Den wollte ich damals, vor fünf Jahren, schon nach Hamburg holen.

Wie groß ist jetzt Ihr Einfluss auf Neuzugänge?
Seit ich hier bin, nehme ich Einfluss. Es wird sicher kein Spieler verpflichtet, den ich nicht will. Das wäre ja noch schöner. Bruno hat schon ein bisschen was vorgearbeitet, da sind schon ein paar dabei, da habe ich gesagt: ,Okay, wenn wir den kriegen können, dann müssen wir den holen.‘

Sie werden sicherlich wegen des langen Ausfalls von Alex Meier bis mindestens Oktober im Angriff etwas machen müssen?
Das ist mein Anliegen. Unabhängig von Alex Meier, es ist wichtig, dass wir für vorne was holen.

An Ihrer Philosophie, attraktiv nach vorne zu spielen und zu attackieren, wird sich also nichts ändern?
Meine Vorstellung von Fußball ist immer so gewesen, ist immer offensiv geprägt. Allerdings kann ich mich nicht immer daran halten. Es gibt Situationen, in denen ich reagieren muss. Das war etwa in der Rückrunde der Fall, als wir die Abwehr dicht kriegen mussten. Ich darf nicht meinen Kopf durchsetzen, obwohl ich weiß, dass es der Mannschaft nicht gut tut. Manchmal muss man schon variieren, wenn es die Notwendigkeit erfordert.

Aber Sie könnten ja jetzt noch entscheidenden Einfluss auf die künftige Ausrichtung nehmen, in dem Sie ganz bestimmte Spieler verpflichten.
Das versuchen wir auch.

Und trotzdem wird die Vorbereitung schwierig, zumindest am Anfang. Wenn Sie am 4. Juli ins Trainingslager nach Österreich fahren, fehlen Ihnen sicherlich zehn Spieler wegen Sonderurlaub oder Verletzungen?
So ähnlich wie vor vier Jahren. Nur haben wir jetzt mehr Spieler unter Vertrag. Es ist für mich nicht schön, aber auch nicht neu.

Bei der letzten Saison-Vorbereitung unter Ihrer Ägide ist zu wenig gemacht worden. Das haben Sie selbst eingeräumt. Solche Patzer unterlaufen selbst Ihnen noch als alter Hase?
Ja, das kann passieren. Seinerzeit sind wir den falschen Weg gegangen. Wir wollten uns die Kraft und die Kondition durch Spiele holen. Das war ein Fehler, denn uns hat später die Substanz gefehlt. Das haben wir im Winter dann revidiert.

Die Reaktion der Fans auf Ihre Rückkehr war gespalten. Es gab Befürworter, aber auch Gegner. Hat Sie das überrascht?
Ach, das sind doch eher die Menschen, die Leserbriefe schreiben oder in sozialen Medien unterwegs sind. Aber die Leute, denen ich persönlich in der Stadt begegnet bin, haben meine Rückkehr positiv aufgenommen. Sie haben sich gefreut. Aber im Grunde ist das nach der Vorgeschichte doch normal, dass jetzt einige Vorbehalte gegen mich haben. Aber das ist ja auch das Reizvolle. Denn, seien Sie doch mal ehrlich: Normal macht man so etwas nicht.

Was…?
… dass man nach einem Jahr wieder zurückkommt.

Ja, warum haben Sie es dann gemacht?
Ganz einfach: Weil ich schon eine andere Perspektive sehe. Wir haben jetzt einen größeren finanziellen Spielraum. Ich glaube, schon, dass wir auf einen Etat von 40 Millionen Euro kommen. Damit haben wir schon ein paar Möglichkeiten mehr. Es sind keine Unsummen, aber für uns ist das schon viel. Wenn immer alles gleich bleibt, wenn du womöglich noch sparen musst, dann schaffst du das gar nicht. Wenn wir vor einem Jahr sechs Millionen Euro mehr abgehabt hätten, hätten wir die Möglichkeit gehabt, Schwegler, Jung und Rode zu halten und vielleicht noch was zu holen, verstehen Sie.

Pirmin Schwegler, heißt es, wollen Sie auch zurück holen.
Wir können nicht alle zurückholen. Auf seiner Position haben wir genug, dort sind wir ordentlich besetzt. Zudem hat er noch einen Vertrag. Nein, das ist nicht angedacht. Angedacht ist, dass wir vielleicht Sebi Jung zurückholen.

Wen brauchen Sie noch?
Als erstes müssen wir sehen, dass die Mannschaft Stabilität gewinnt. Und auf Dauer müssen wir sie schon verjüngen. Wir brauchen ein paar hungrige Spieler, aber auf die Schnelle geht das nicht. Es darf nicht in eine Art Jugendwahn ausarten, das nicht. Es geht mir in erster Linie um eine gewisse Struktur für die nächsten Jahre. Und man kann auch nicht immer die gleichen Gesichter sehen. Sonst wird es langweilig.

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