1. Startseite
  2. Eintracht

Niko Kovac - Quälix mit Herz

Erstellt:

Von: Daniel Schmitt, Ingo Durstewitz

Kommentare

Rückkehr nach Frankfurt: Niko Kovac. Foto: Imago Images
Rückkehr nach Frankfurt: Niko Kovac. Foto: Imago Images © IMAGO/Schiffmann

Ex-Eintracht-Trainer Niko Kovac kehrt mit dem VfL Wolfsburg an seine alte Wirkungsstätte nach Frankfurt zurück, wo seine Arbeit bis heute geschätzt wird.

Niko Kovac, der Fußballtrainer, hat im Laufe der Jahre ein verräterisches Zeichen auf den diversen Pressepodien entwickelt. Immer dann nämlich, wenn ihm ein eigener Spruch ganz besonders gut gefällt, ihm die Pointe zusagt, stimmt er nicht etwa ein in den Kanon an Lachern, sondern lässt sie lässig an sich vorbeihuschen. Er hebt dann die Augenbrauen, einmal, nicht mehrfach, gefolgt von einem langgezogenen Grinsen. Vielleicht ist es eine unterbewusste Reaktion des 50-Jährigen, eine, die Selbstironie ausstrahlen und den Eindruck erwecken soll, dass er, Niko Kovac, doch nach allen diesen hektischen Jahren im Profitum entspannt über den Dingen steht. Komme, was wolle.

Er wirkt nicht unsympathisch in jenen Momenten, eher nahbar, wie ein alter Kumpel, der einen guten Witz gerissen hat und sich diebisch darüber freut. Vor rund zwei Wochen, Pressekonferenz des VfL Wolfsburg, Kovacs Arbeitgeber, vor dem Heimspiel gegen Schalke 04: Als die Vereinssprecherin Barbara Ertel-Leicht die Publikumszahl mit dem Hinweis „Stand jetzt“ versieht, flankiert der Coach seinen Witz – „das ist schon ein guter Spruch“ – mit grinsender Gesichtsakrobatik. Anderes Beispiel, Dezember 2018, bei den Bayern, Kovac auf dem Podium: Als er über mögliche Neuzugänge spricht, rutscht ihm selbst das auf den persönlichen Sprachindex gewanderte „Stand jetzt“ heraus - prompt schnellen die Augenlider hoch, wird das Grinsen breiter, ist die Situation gerettet. Niko Kovac, der Lächler, Herr der Lage.

Etwas mehr als ein halbes Jahr vorher war er das nicht. Im medialen Sturm rund um sein Stand-jetzt-Bekenntnis zu Eintracht Frankfurt und dem Jetzt-doch-Wechsel zum FC Bayern geriet Kovac für einige Wochen heftigst ins Rotieren, wuchs die Unruhe von Tag zu Tag, wurden die Leistungen des Teams schwächer, Kovacs Ruf mieser. Er hatte so ein bisschen seinen inneren Kompass verloren, weil er, der für Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit steht, Anstand und Moral predigt, plötzlich am Pranger stand und nicht wusste, wie er aus dieser Nummer wieder herauskommen sollte. Erst der Pokalsieg, zu großen Teilen bedingt durch eine exzellente Taktik des Trainers, befriedete und rettete das Verhältnis zwischen Fans, Klub und Ex-Coach. Mittlerweile, mehr als vier Jahre später, ist die Vergangenheit Vergangenheit; in der Gegenwart kehrt Niko Kovac mit den Wölfen am Samstag (15.30 Uhr/Sky) an die ehemalige Wirkungsstätte zurück. Alle freuen sich.

Bei den Hessen reden sie heute in höchsten Tönen von Kovac. Tenor: Ohne ihn, ohne diese Basis, wäre all der Erfolg der vergangenen Jahre kaum möglich gewesen, auch nicht der epochale Europa-League-Triumph.

In der Tat bewahrte Kovac die Hessen 2016 mit einem Kraftakt vor dem Super-Gau. Gekommen am 8. März rettete er seine Truppe erst in die Relegation und dann gegen den 1. FC Nürnberg über diese hinweg. „Danach entstand eine Welle der Begeisterung im Klub“, sagte er, weil niemand solch belastende Momente jemals wieder erleben wollte. Später führte er, der lebenslanges Eintracht-Mitglied ist, noch die Dreierabwehrkette ein, ein Frankfurter Erfolgssystem, „die DNA der Eintracht“, wie Kovac formulierte - bis vor wenigen Wochen.

Entsprechend sind Niko Kovac und dessen Bruder Robert trotz des unglücklichen Abschieds gern gesehene Gäste im Stadtwald - erst im Frühjahr beim Europa-League-Heimspiel gegen den FC Barcelona waren sie der Eintracht-Einladung gefolgt. „Egal, wo ich hier hinkomme, immer ist ein Lächeln auf der gegenüberliegenden Seite“, sagte der Trainer: „Man hat Freunde gewonnen.“ Freunde, die ihm an diesem Samstag nichts schenken werden.

„Es ist immer wieder eine schöne Reise“, sagte Kovac am Donnerstag dennoch, „ich habe in Frankfurt zweieinviertel tolle Jahre erlebt mit großen Momenten.“ Seitdem er die Eintracht verlassen hat, ist der Berliner nie mehr derart wertgeschätzt worden wie in Frankfurt - nicht in München, nicht in Monaco, (noch) nicht bei seinem neuen Klub in Wolfsburg.

„Niko Kovac war für uns von allen sportlichen Verantwortungsträgern der größte Glücksfall“, betonte Eintracht-Vorstandssprecher Axel Hellmann jüngst im FR-Interview: „Er hat bei uns eine andere Arbeitsmentalität eingeführt und das Denken, Grenzen durch Fleiß zu verschieben. Davon profitieren wir bis heute.“ Harte Arbeit zahlt sich aus - das Vermächtnis des Niko Kovac.

Der Trainer ist dafür bekannt, seine Spieler bis an ihr Maximum zu fordern. Und gerne darüber hinaus. Trainingseinheiten von mehr als drei Stunden sind keine Seltenheit. Kovac überlässt nichts dem Zufall, er ist ein Kontrollfreak, ein Überehrgeiziger. Der Kroate lässt wissenschaftliche Aspekte in sein Wirken einfließen, denkt aber auch an die Kleinigkeiten: In Frankfurt ließ er seine Mannen zur Leistungssteigerung lauwarmes Wasser trinken, keinen kalten Sprudel. Nicht alle fanden das toll.

Kovac kann nicht aus seiner Haut, Laissez-faire ist ihm fremd, er ist immer am Anschlag, Schlendrian duldet er nicht. Fünfe mal gerade sein lassen, hmm, schwierig mit Niko Kovac, den Ingwerteetrinker. Es ist gerade dieses Strenge, Missionarische, das ihm zuweilen den Weg verbaut. In München scheiterte er am Umgang mit den Stars wie Thomas Müller, die ihm rasch die Gefolgschaft verweigerten, schon in Frankfurt hatte er Kapitän und Identifikationsfigur Alex Meier wenig feinfühlig aufs Abstellgleis geschoben. In Wolfsburg nun ist er auf Max Kruse getroffen, das Enfant Terrible. Das ist wie Feuer und Wasser.

Und doch: Niko Kovac würde vielen Vereinen guttun, weil er einfach ein guter Trainer ohne Chichi, aber mit klarem Plan und Fachwissen ist, einer, der unerbittlich sein kann, aber das Herz am rechten Fleck hat. Daher ist es zugleich erstaunlich wie alarmierend, was er über seine aktuellen Schützlinge sagt, denen er vieles von dem abspricht, was er als Spieler verkörperte: Hingabe, Härte, Zweikampfstärke. „Fußball ist dynamischer, explosiver, aggressiver geworden, man muss den Körperkontakt suchen. Wir alle haben in dieser Woche die Champions League geschaut, und, ganz ehrlich, der Unterschied zu meiner Mannschaft ist schon frappierend.“ Ein vernichtendes Urteil. Doch er steht dem Laden vor, er ist verantwortlich, nach dem kapitalen Fehlstart wächst der Druck auf ihn. Alles richtig hat er sicher nicht gemacht, in den ersten Spielen änderte er gar so oft System und Personal, dass selbst Eintracht-Trainer Oliver Glasner die weiße Fahne hisste: „Wie sie genau spielen werden, weiß ich nicht.“

Die harte Seite zeigt Niko Kovac gerne, er, der General, Quälix Magath 2.0. Doch es gibt auch die andere, die ruhigere, bedachtere, selbstironische Seite. Angesprochen auf seinen letzten Gastauftritt als Trainer in Frankfurt, das 1:5 mit dem FC Bayern, November 2019, das gleichbedeutend war mit dem Aus des Trainers bei den Münchner, antwortete er: „Das habe ich vergessen, das ist ausgelöscht.“ Die Wolfsburger Pressemeute lachte, Niko Kovac nicht. Er zog nur seine Augenbrauen hoch und grinste breit. Immer Herr der Lage. Komme, was wolle.

Auch interessant

Kommentare