+
Sportdirektor Bruno Hübner (re.) und Mittelfeldspieler Makoto Hasebe.

Eintracht Frankfurt

Nur nicht ertrinken

  • schließen
  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
    schließen

Die Saison trudelt für Eintracht Frankfurt aus. In naher Zukunft muss sich bei den Hessen aber einiges ändern.

Am Sonntag hat sich der Frankfurter Sportdirektor Bruno Hübner am HR-Mikrofon gewunden wie ein Aal. Der TV-Sender wollte den 54-Jährigen partout zu einer etwas positiveren Aussicht bewegen, wollte hören, dass noch alles drin ist für Eintracht Frankfurt im Kampf um die internationalen Plätze, wollte Aufbruchstimmung erzeugen, Spannung in der Endphase, womöglich gar Dramatik. Doch Bruno Hübner wollte sich nicht darauf einlassen, er wirkte desillusioniert, enttäuscht, Europa, ach Europa, das sei doch ziemlich weit weg. „Die Situation ist ziemlich verfahren“, sagte der Mann, der eigentlich immer zuversichtlich ist. Jetzt sagt er: „Die Mannschaft ist aufgefordert, die Saison ordentlich zu Ende zu spielen.“ Da schwingen deutlich Zweifel mit, ob sie dazu noch in der Lage ist. Die Malaise der Eintracht ist ja mit Händen zu greifen.

Kein Selbstvertrauen mehr

Ähnlich ernüchtert wirkte der Sportliche Leiter zuletzt nach dem Debakel im Spiel gegen den VfB Stuttgart (1:3). Im Grunde war ihm da klar, dass die Saison gelaufen war. Das war der Knackpunkt. Spätestens mit der vierten peinlichen Niederlage gegen ein Liga-Leichtgewicht war offenkundig, dass es nichts werden würde mit den internationalen Fleischtöpfen, dass eine prima Gelegenheit verschenkt wurde, eine Saison zu krönen. Jetzt muss man sich damit trösten, nicht in Abstiegsgefahr geraten zu sein. Viel niedriger hätte man die Latte kaum legen könne. Das ist in etwa so, als wenn ein Schwimmer nach 100 Metern als Letzter anschlägt, aber froh ist, nicht ertrunken zu sein. Zur Erinnerung: Im Tor steht einer der besten fünf Torhüter, in der Abwehr verteidigt der Kapitän der peruanischen Nationalelf, im Mittelfeld ziehen der Spielführer der japanischen Nationalmannschaft und eines der größten deutschen Talente die Fäden, im Sturm spielt der beste Torschütze der Liga.

Jetzt fasert die Saison aus, saft- und kraftlos schleppt man sich durch die letzten vier Spiele, da ist nichts mehr, dieses Team ist ausgepowert, ausgelaugt. Wenn am Ende „40 Punkte“ herausspringen, sagte Timothy Chandler, „wäre das überragend“. Das sagt im Kern alles über den Zustand dieser Mannschaft: Sie traut sich selbst nicht mehr viel zu. Immerhin beeindruckt der Realitätssinn.

Lesen Sie bitte weiter auf der nächsten Seite.

Jeder, der es sehen will, sieht es auch: Es muss sich einiges ändern in naher Zukunft, in vielen Bereichen. Zuallererst muss die Mannschaft wieder eine Mannschaft werden, die zusammensteht. Und die sich nicht nur für das eine oder andere Spiel zusammenreißt. Es muss eine andere Mentalität Einzug halten. Das hat Hübner längst erkannt, „wir wissen, wo unsere Schwachstellen sind“. Es fehle an Behauptungswillen, an Alphatieren, die auch nicht zusammenzucken, wenn die Gangart im Spiel ein wenig rauer wird – oder ein Gegentor fällt. Gesucht wird ein Führungsspieler, der die Ärmel aufkrempelt und Verantwortung übernimmt. Dummerweise suchen viele Klubs solche Typen.

Es muss sich weiterhin grundlegend in puncto Disziplin einiges ändern, auf dem Platz und auch außerhalb. Dass es Spieler gibt, die nah am Spieltag noch die Nacht zum Tag machen und in einschlägigen Clubs unterwegs sind, ist eigentlich ein No-Go. Auch dass Eintracht Frankfurt in dieser Saison das Team mit den meisten Gelbsperren (nämlich neun) ist, dürfte zu denken geben. Nur Energie Cottbus hatte laut „Kicker“ 2006/2007 mehr (zehn). Womöglich hat das etwas damit zu tun, dass die Spieler insgesamt zu spät in die Zweikämpfe kommen, weil es ihnen am erforderlichen Tempo fehlt. Einen richtigen Sprinter hat die Eintracht nicht in ihren Reihen, schon gar nicht im defensiven Mittelfeld. Das wirkt alles eher betulich.

Mit auf die Reise nehmen

Entscheidend wird aber sein, wie sich das Binnenverhältnis der Mannschaft zu Trainer Thomas Schaaf entwickelt. Noch immer, selbst nach eine dreiviertel Jahr, fremdeln viele mit dem Fußball-Lehrer aus Bremen. Noch immer gibt es Anpassungsprobleme mit der fordernden Art des Coaches. Nicht immer stimmt die Chemie zwischen Mannschaft und Trainer, so richtig hat es nicht gefunkt. Kein Frage: Der Trainer ist fleißig, er macht und tut, er kümmert sich, er ist ein Schaffer, er stößt an, rüttelt an allen Dingen, will alles verbessern. Aber er muss versuchen, die Mannschaft mit auf die Reise zu nehmen.

Der Kern der Mannschaft bleibt zusammen, es wird keinen Umbruch geben. Die Eintracht hat mit den wichtigen Leistungsträgern (bis auf Carlos Zambrano) Einigung über eine weitere Zusammenarbeit erzielt. Das kann für die nähere Zukunft ein Pfund sein, mit dem sich wuchern lässt. Kann. Aber nur, wenn sich das Team zusammenreißt und wieder als solches auftritt, wenn das Gesamtgebilde stimmig ist. Denn die Mannschaft, das glauben fast alle, ist besser als sie es in dieser Runde gezeigt hat. Solche Schwankungen wie in dieser Runde kann man sich nicht mehr erlauben. Eine personelle Blutauffrischung ist dennoch dringend geboten, die Konkurrenzdruck muss verschärft werden. Sonst droht eine ähnlich quälende Saison wie diese nun auslaufende.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare