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Mario Götze bei Eintracht Frankfurt: Er will doch nur spielen

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Von: Ingo Durstewitz

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Der Ball ist sein Freund: Mario Götze.
Der Ball ist sein Freund: Mario Götze. © IMAGO/Jan Huebner

Zwischen Himmel und Hölle: Ein Blick auf die Irrwege im Profizirkus und die Zukunft von Mario Götze bei Eintracht Frankfurt.

Frankfurt - Wer sich heute mit diesem tiefenentspannten Burschen namens Mario Götze unterhält, wer ihn bei der Basisarbeit mit den Eintracht-Fans beobachtet - lächelnd, gut gelaunt, hier ein Selfie, dort ein Autogramm - der kann sich nur schwerlich vorstellen, dass es auch mal einen anderen Mario Götze gab. Einen, den, wie die FR während der WM 2014 feststellte, „eine Aura der Arroganz und Abweisung“ umgab. Das Gebaren gegenüber den Medien sei „furchtbar schnöselig“, sein Auftritt „fast peinlich“. Holla die Waldfee.

Mario Götze vor seiner Ankunft bei Eintracht Frankfurt - der Journalist als Feind

Ein hartes Urteil, aber Götze, seit ein paar Wochen beim Europa-League-Sieger Eintracht Frankfurt beschäftigt und sichtbar gelöst im Hier und Jetzt, hatte es provoziert, wahrscheinlich konnte er nicht anders damals, der junge Kerl; Journalisten begriff er als Feinde, die er sarkastisch „meine Freunde“ nannte, die er als diejenigen wahrnahm, die Druck auf ihn ausübten, die in ihrer Kritik schonungslos waren. Er hatte um sich herum einen Schutzwall aufgebaut, an dem äußere Einflüsse abprallen sollten. Hat nicht immer gut geklappt.

„Ich will nicht verschweigen, dass ich in der Vergangenheit ungute Erfahrungen mit einigen Journalisten gemacht habe. Dabei sind Grenzen überschritten worden“, sagte er nach der WM 2014, die sein Leben für immer verändern sollte. Er habe sich irgendwann damit arrangiert, sagt er: „Ich glaube, so ist das im Fußball. Mal ist man der Hund und mal der Baum.“ Götze war schon beides.

Irgendwann hat er gemerkt, dass er mit seiner Art der Außendarstellung auf dem Holzweg war, er hat, auf Anraten seiner Berater, fleißig daran gearbeitet, auch die FR hat das entsprechend eingeordnet. „Im Gespräch begegnet er seinem Gegenüber lächelnd, mit offenem Blick, er bemüht sich auffällig um Verbindlichkeit im Ton“, schrieb sie 2016. „Wahrscheinlich ist er ein guter Junge.“ Für den irgendwann alles zu viel wurde.

Eintracht Frankfurt-Neuzugang Mario Götze: Vom Wunderkind zum Prügelknaben

Auf Mario Götze ist einiges eingeprasselt, der 30-Jährige ist ein kluger Mann, sensibel und nachdenklich, einer, der zu dem gemacht wurde, der er nie sein wollte. Er ist introvertiert, freundlich und reflektiert, geerdet, sozial engagiert. Doch seit dieser magischen Nacht von Rio war nichts mehr, wie es vorher war und wie es auch nie mehr sein wird. Dieses brillante Tor im Finale sollte sein Leben verändern. Er ist hochgejubelt worden, „der weiße Brasilianer“, dieses „Wunderkind Götzinho“, der „angehende Weltfußballer“, er, „das Jahrhunderttalent aus dem Luxussegment des Fußballs, bei dem Instinkt und Genie zusammenfinden“, wie die „Welt“ schrieb. Besser als Messi.

Und dann, als es nicht mehr lief, als er fast zerbrach an den Erwartungen, als der Körper streikte und er die Freude am Kicken verlor, als er auch nicht mehr so gut und dynamisch war, da stürzte er ab, ungebremst, harter Aufschlag inklusive.

Da war Super-Mario auf einmal der Prügelknabe. Der „Focus“ schrieb einst einen Offenen Brief mit einem vernichtenden Urteil: „Du spielst wie ein 37-Jähriger im Körper eines 24-Jährigen.“ Das muss man wegstecken als junger Mann, das ist nicht leicht, PR-Beratung hin oder her. Irgendwann ist es zu viel, irgendwann war es zu viel für Mario Götze.

Eintracht Frankfurt: Mario Götze mit neuen Prioritäten

Mittlerweile liegen diese Zeiten hinter dem früheren Dortmunder, er hat sich freigemacht von Druck und Erwartungen. Die zwei Jahre in Eindhoven unter Roger Schmidt, der ihm vertraute und ihn streichelte, haben ihm gutgetan, da stand er nicht unterm Brennglas, wurde wie ein normaler Spieler bewertet. Mehr will er nicht, mehr erwartet er nicht. „Ich bin jetzt 30 geworden, habe eine andere Sichtweise bekommen“, sagt er heute. „Mir ist nicht so wichtig, was die letzten Jahre war. Mein Fokus liegt auf dem Hier und Jetzt. Ich will das Spiel genießen.“

Die Prioritäten haben sich verschoben. „Privat hat sich bei mir viel verändert. Ich bin Vater geworden und habe geheiratet. Das spielt für mich eine größere Rolle als der Sport.“ Er gehe auch entspannt mit dem Hype um. „Das kann ich nicht beeinflussen, es ist extern“, bedeutet Götze. Von seiner Entscheidung, zur Eintracht zu wechseln, ist er tief überzeugt. „Es fühlt sich richtig an, es fühlt sich gut an.“ Er wirkt, als habe er seine Mitte gefunden. Befreit.

Die Eintracht hat sich das genau überlegt, sie weiß, dass sich vieles um den Starspieler drehen wird. Aber die Verantwortlichen haben ein anderes Bild von Götze. „Ich habe Mario nie als Pling-Pling wahrgenommen“, sagt Trainer Oliver Glasner. „Ich habe ihn immer als normal empfunden, auch jetzt will er dazu lernen, saugt alles auf.“

Mario Götze bei Eintracht Frankfurt - zurück in der Bundesliga, zurück im Rampenlicht

Natürlich werden alle genau hinschauen, er steht im Fokus – egal, ob er gut, schlecht oder gar nicht spielt. Damit muss er, damit müssen alle klarkommen. Gerade am Freitag (20.30 Uhr/Sat1, Dazn) wird Deutschland auf den WM-Helden schauen, es geht gleich am ersten Spieltag gegen die Bayern. „Wir werden einen Mario Götze mit viel Spielfreude und in einer tollen Verfassung sehen“, prophezeit Coach Glasner. Für den Instinktfußballer ein besonderes Spiel. Er war 2013 von Dortmund für 37 Millionen nach München gewechselt und sackte ein Jahresgehalt von zwölf Millionen Euro ein. Doch Bayern und Götze, das passte nicht.

Dabei war er doch ausgezogen, um die Welt zu erobern. „Als er bei uns gespielt hat“, sagte der Dortmunder Teamkollege Marcel Schmelzer einst, „da gingen wir alle davon aus, dass Mario irgendwann der beste Spieler der Welt werden würde.“ Es kam anders. Auch die Rückkehr zum BVB, 2016, konnte nichts mehr ändern, der verlorene Sohn konnte weder die eigenen noch die externen Ansprüche erfüllen, zumal ihn noch eine seltsame Stoffwechselkrankheit matt setzte. Götze am Boden, mal wieder. Selbst sein guter Kumpel Marco Reus hatte fast schon Mitleid. „Wir sollten so langsam damit aufhören, jeden Tag über Mario zu sprechen. Das tut ihm nicht gut“, sagte der BVB-Kapitän. „Der Junge will einfach nur Fußball spielen, sonst nichts.“

Das zweite Engagement beim BVB bezeichnet Götze inzwischen als Fehler, zumal er auch zu seinem Mentor Jürgen Klopp zum FC Liverpool hätte wechseln können. „Ich habe eine falsche Entscheidung getroffen, aber ich bereue es nicht.“ Denn alle Karriereschritte seien retrospektiv betrachtet wichtig gewesen: „Sie haben mich reifen lassen. Im Endeffekt spielen das Alter und die Erfahrung eine Rolle“, sagt er im vereinseigenen Interview. „Zu erwarten, dass ein 20-Jähriger in dem Stadium ist, in dem ich jetzt bin, ist unmöglich.“

Von Eintracht Frankfurt bis zur Nationalelf - Der zukünftige Weg von Mario Götze

Nun also die Rückkehr nach Deutschland, und die Kardinalfrage: Kann dieser Götze noch ein prägender Spieler in der Bundesliga sein? So genau weiß man das nicht, er ist immer noch ein schlauer Spieler, der sich instinktiv zwischen den Linien bewegt, der den letzten Pass spielen kann, beim Auftakt der Eintracht in Magdeburg (4:0) war er in blendender Spiellaune, ließ seine Extraklasse oft aufblitzen, lief auch mehr als alle anderen. Er ist topfit. Ein verheißungsvoller Auftakt, aber eben nur ein Auftakt.

Viele haben sich aufrichtig gefreut, dass er wieder da ist und ihm gratuliert. Philipp Lahm, Ex-Kapitän der Nationalmannschaft, der frühere Bundestrainer Joachim Löw oder Nachfolger Hansi Flick, der ihn in Hinblick auf die WM in Katar genau beobachten will, auch schon am Freitagabend im Eröffnungsspiel gegen die Bayern. „Das ist eine Wertschätzung, das spricht dafür, was ich geleistet habe“, sagt Götze. Er ist gekommen, um zu zeigen, dass er noch mithalten, Spiele entscheiden und dominieren kann. Fußball ist seine Leidenschaft, seine Liebe geblieben, jetzt mehr denn je zuvor. „Ich will“, sagt er, „nur mir selbst etwas beweisen.“ Er steht dabei unter genauer Beobachtung. Er weiß es, er kennt es nicht anders.

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