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Eintracht Frankfurt: Getrübte Stimmung vor der Champions League

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Von: Daniel Schmitt

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Haben sich offenbar schon mal besser verstanden: Sportvorstand Markus Krösche (links) und Trainer Olover Glasner.
Haben sich offenbar schon mal besser verstanden: Sportvorstand Markus Krösche (links) und Trainer Oliver Glasner. © Jan Huebner/Imago

Die Führungskräfte sind sich nicht einig, die Spieler kämpfen mit angeknackstem Selbstvertrauen, die Fans dürfen nicht feiern - bei Eintracht Frankfurt liegt vor dem Champions-League-Highlight in Marseille einiges im Argen.

Wiederholt sich an diesem Dienstag etwa Fußballgeschichte?

Rückblick, September 2018: Die Frankfurter Eintracht, sensationeller Titelträger im deutschen Pokal ist stotternd in die Saison gestartet, die Leistungen höchst durchwachsen, die Begeisterung ob der Teilnahme an der Europa League gedämpft. „Vor dem Spiel in Marseille plagen die Eintracht erhebliche Zweifel“, so die FR damals. Doch dann: der Brustlöser, der Wendepunkt der Saison, die sportliche Initialzündung. In einem dürftigen Spiel vor Geisterkulisse in der südfranzösischen Hafenstadt ringen die eigentlich unterlegenen Gäste den Europa-League-Vorjahresfinalisten Olympique Marseille nieder.

Nach drei Minuten das 0:1 aus Eintracht-Sicht, ehe im zweiten Abschnitt erst Lucas Torro einköpft und trotz eines Platzverweises für Jetro Willems dann das Sturmjuwel Luka Jovic mit einem brachialen Hammer kurz vor Ultimo den Sieg eintütet. Eintrachtliche Ekstase im leeren Rund. „Wir waren die Schreihälse. Wir haben mit einer 20er-Delegation die 300 Anwesenden dominiert“, scherzt der Frankfurter Vorstand Axel Hellmann hinterher. Es ist der Anfang einer famosen Reise, die aus dem fast entlassenen Adi Hütter einen gefeierten Trainer macht, die Offensivliebhaber verzückt, die Büffel hervorbringt, die Helden schafft in San Siro und jene tragische an der Stamford Bridge.

Olympique Marseille - SGE: Wiedersehen in der Champions-League

Heute, vier Jahre später, September 2022: Die Frankfurter Eintracht, sensationeller Titelträger im europäischen Cupwettbewerb, ist stotternd in die Saison gestartet, die Leistungen höchst durchwachsend, schwankend von famos (Leipzig) bis mies (Lissabon und Wolfsburg), die Begeisterung ob der ersten Teilnahme an der Champions League bereits gedämpft. Und erneut steht just in dieser Gemengelage ein Spiel bei Olympique Marseille an. An diesem Dienstag (21 Uhr/Dazn) sind die Frankfurter gefordert im Stade Vélodrome, diesem sehenswerten Stadion, architektonisch eindrucksvoll mit den geschwungenen Tribünen, gesanglich herausragend beschallt vom lautstärksten Anhang Frankreichs.

Selbst müssen sich die rund 5000 mitgereisten Eintracht-Fans dagegen im Vorfeld der Partie ruhig verhalten, dürfen aufgrund einer polizeilichen Anordnung in der Innenstadt keine Gesänge anstimmen. Zum Stadion werden sie in Bussen gefahren, sie dürfen nicht selbstständig anreisen. Wird sich ausgerechnet hier in Marseille Fußballgeschichte wiederholen? Wird das Spiel zum Wendepunkt für Eintracht Frankfurt?

Möglich ist das, logisch, zumal die Fokussierung auf Highlightspiele in der Eintracht-DNA verankert ist, die Spieler ihre besten Leistungen abrufen, wenn sie dem Alltag entfliehen können, wenn die Flutlichter angehen, die Stimmung vibriert, die Luft flirrt. „Wenn man die Konstellation in der Gruppe sieht, wäre es gut, wenn wir in Marseille gewinnen, um die Situation offen zu halten“, sagt Sportvorstand Markus Krösche.

Sollte die zweite Gruppenpartie der Königsklasse erneut in einer Niederlage für die Hessen münden, die bereits daheim 0:3 gegen Sporting Lissabon untergegangen waren, wäre ein Weiterkommen ins Achtelfinale zwar noch drin, aber doch einigermaßen unwahrscheinlich. Anschließend wartet immerhin der Tottenham-Doppelpack, zwei Duelle gegen den Topfavoriten.

Doch gelingt der Eintracht tatsächlich ein Überraschungscoup gegen die bestens in die Saison gekommenen Südfranzosen, könnte sich Vieles zum Guten wenden, könnte sich etwas entwickeln in der Mannschaft, ein Spirit, der das Team trägt, Selbstvertrauen wachsen lässt, der Erfolg bringt.

Derzeit spricht aber auch einiges dagegen. Die Aufbruchstimmung nach dem 4:0 in der Liga gegen Leipzig ist binnen acht Tagen und durch zwei ernüchternden Niederlagen futsch, das Selbstvertrauen der Profis angeknackst. Zuletzt gegen Wolfsburg schien jeder Risikopass zu viel des Mutes, landete er doch entweder beim Gegner oder wurde im Verlauf der Partie erst gar nicht mehr gespielt. Trainer Oliver Glasner schrie und schrie und schrie ob der Unzulänglichkeiten und machte es damit nicht besser. Die Verunsicherung ist greifbar.

„Es wird ein völlig anderes Spiel als gegen Wolfsburg“, entgegnet Markus Krösche: „Wir werden auf einen Gegner treffen, der offensiver ist, uns deutlich höher attackiert.“ Der der Eintracht aus Sicht des Managers besser liegen wird. Das ist sicher richtig, aber kann das reichen für einen Auswärtsdreier?

Obwohl der Europa-League-Erfolg keine vier Monate her ist, ist ordentlich Druck auf dem Eintracht-Kessel. Eine weitere Niederlage und die Champions-League-Begeisterung wäre vorerst so ziemlich dahin, die Mannschaft stünde spätestens am Samstag in der Liga beim VfB Stuttgart unter Siegzwang, soll es in der darauffolgenden Bundesligapause nicht zu größerer Unruhe kommen.

Eintracht Frankfurt: Kurz vor der Krise

Die Stimmung ist angespannt, dem Vernehmen nach vor allem zwischen dem Sportchef Krösche und dem Trainer Glasner – die beiden Führungskräfte sollen im Transfersommer bei diversen Personalfragen recht weit auseinander gelegen haben, was grundsätzlich ja vorkommen kann und darf, Reibung gehört dazu, wodurch ihr Verhältnis aber offenbar litt. Unlängst erst im Fall von Daichi Kamada, der eine Offerte von Benfica Lissabon vorliegen hatte, soll keine Einigkeit über Verkauf oder Verbleib des Spielmachers geherrscht haben. Im Anschluss ans Spiel in Berlin soll es zudem einen lauteren Disput zwischen beiden gegeben haben. Öffentlich geäußert haben sich dazu freilich weder Glasner noch Krösche.

Dass der Kader rein sportlich betrachtet in der Defensive mit dem einen oder anderen Qualitätsspieler mehr hätte verstärkt werden sollen, was sich finanziell schwierig gestaltet hat, wird immer sichtbarer. Glasner benannte zuletzt auffällig oft, seine eingeschränkten personellen Alternativen für die Abwehr, was faktisch aufgrund vieler Verletzungen der Profis zutrifft, was gleichzeitig Krösche aber nicht gefallen dürfte. Ein Stück weit schwingt da auch immer des Trainers Kritik an der Einkaufspolitik mit.

In der Offensive dagegen, die zuletzt gegen Sporting und den VfL lahmte, stehen Glasner genügend Optionen zur Verfügung, er hat sie bisher jedoch nicht dauerhaft gewinnbringend in einem taktischen Konzept vereinigen können. (Daniel Schmitt)

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