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Der besondere Spirit bei der Eintracht

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Von: Ingo Durstewitz

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Einer spielt den Clown, die anderen lachen sich schlapp: Eintracht-Spaßvogel Goncalo Paciencia heizt den Kameraden ein.
Einer spielt den Clown, die anderen lachen sich schlapp: Eintracht-Spaßvogel Goncalo Paciencia heizt den Kameraden ein. © Jan Huebner

Die Frankfurter Eintracht stellt vielleicht nicht die beste Mannschaft der Liga, aber sie kann sich auf einen ausgeprägten Teamgeist und Zusammenhalt verlassen: Paradebeispiel dafür ist die Gute-Laune-Fraktion um Paciencia und Chandler.

Windischgarsten – Immer dann, wenn Markus Krösche über einen seiner Spieler spricht, einen aus der zweiten Reihe, einen Edelreservisten, spürt man eine gewisse innere Zerrissenheit beim Sportvorstand von Eintracht Frankfurt. Da wird das Herz irgendwie enger. Goncalo Paciencia ist dieser Spieler, der lebensfrohe Portugiese, ein cooler Typ mit Bändchen in den Locken und einem einnehmenden Wesen, ein Spaßvogel, eine Stimmungskanone. Nie schlecht drauf, der Gonca, immer lachend, tanzend, feixend.

Nach den vielen Siegen in der Europa League und dem abschließenden Titelgewinn in Sevilla feierte er so exaltiert, Mütze auf, Musikbox im Arm, als hätte er die Eintracht höchstselbst zum monumentalen Triumph geschossen. Hat er nicht. Das waren andere.

Klar, er war schon beteiligt, hat zwei Tore auf internationaler Bühne gemacht, beide in der Gruppenphase, beide gegen Antwerpen, in Belgien vom Punkt, der Siegtreffer in der fünften Minute der Nachspielzeit; im Rückspiel per Kopf zum 2:2-Ausgleich – in der 94. Minute.

Goncalo Paciencia: weniger Einsatzzeiten - aber als Integrationsfigur weiter wichtig

Der 27-Jährige kann sich also mit einigem Stolz Europa-League-Sieger nennen, er hat sich verewigt, seinen Beitrag geleistet. Zur Wahrheit gehört auch: In den alles entscheidenden K.o.-Partien ab dem Viertelfinale spielte er sportlich gar keine Rolle. Und doch: Sein Stellenwert ist immens, sein Wert fürs Ensemble bemerkenswert hoch. Das weiß Markus Krösche. „Gonca ist für uns ein spezieller Spieler“, sagt der Manager. „Er ist ein unfassbar guter Typ, extrem wichtig als Mensch und Integrationsfigur. Er hat sehr großen Anteil daran, dass wir so erfolgreich waren – auch wenn er weniger auf dem Platz stand.“

Das ist der Casus knacksus. Denn Paciencia hat schon in der zurückliegenden Saison kaum eine Rolle gespielt, obwohl dort die Konkurrenz im Angriff noch eine andere war, eine überschaubare. Nun hat die Eintracht aufgerüstet, neben Platzhirsch Rafael Borré noch Randal Kolo Muani und Lucas Alario geholt. Hochkaräter.

Paciencia ist Stürmer Nummer vier, er spürt es im Training, in den Großfeldspielen darf er manchmal gar nicht mehr mitmachen, im letzten Testspiel gegen Linz kam er als Einziger gar nicht zum Einsatz. Der Stürmer weiß, woran er ist. Deshalb sieht er sich nach einem neuen Verein um, auch wenn er sich in Frankfurt pudelwohl fühlt. „Er ist Fußballer, er will mehr Spielzeit bekommen“, sagt Manager Krösche. Er kann das verstehen. Und würde ihn irgendwie doch gerne behalten. „Es gibt Spieler, die einer Gruppe unheimlich gut tun.“ Paciencia ist so einer. Genauso wie sein bester Kumpel im Team, Timothy Chandler. Die beiden sind wie siamesische Zwillinge, unzertrennlich, im Trainingslager werden sie scherzhaft das „Ehepaar Chandler“ genannt. „Wenn Gonca weg will, muss Timmy sein Okay geben“, sagt Krösche lachend.

Paciencia und Chandler: zwei für das Kollektiv

Die beiden sind so etwas wie die Papas der Kompanie, extrem beliebt, sie binden die anderen ein, führen sie, helfen ihnen. Und sie haben ihren Spaß: Paciencia bringt mit seinen Tänzchen beim Auslaufen die ganze Truppe zum Ablachen, danach entert er mit Spezi Chandler die Seilrutsche am Spielplatz. Kindsköpfe, zuweilen.

Und doch werden sie von den Kameraden nicht als Klassenclowns wahrgenommen, sondern respektiert und akzeptiert, weil sie für die anderen da sind, weil sie auch eine ernste Seite haben, sich selbst zurücknehmen und ihr Ego hintanstellen. Das Kollektiv geht für sie über alles. „Wenn du jüngere Spieler dazu bekommst, sind solche Spieler extrem wichtig“, sagt Sportchef Krösche. Wichtig für die Hygiene in der Kabine. Gute-Laune-Bär Chandler, 32, spielt sportlich auch nur eine untergeordnete Rolle, hat aber einen Vertrag bis 2025. Das sagt auch vieles.

Eintracht Frankfurt: Teamspirit als Erfolgsschlüssel - neue Spieler müssen reinpassen

„Unsere größte Stärke ist unser Zusammenhalt“, sagt Trainer Oliver Glasner. „Wir haben einen fantastischen Teamspirit in der Gruppe.“ Das ist der Kitt, der diese Mannschaft immer schon zusammengehalten hat und größer werden ließ, als sie eigentlich ist. Denn die Eintracht war ganz bestimmt nicht die beste Mannschaft der Europa League, aber sie war die, die es am meisten wollte, die sich mit ihrer Geschlossenheit und Mentalität durchsetzte. Diese besondere Einstellung spürten selbst die, die damals noch gar dabei waren. „So einen Pokal gewinnt man nicht einfach so, dazu muss man ein spezielles Team haben“, hat Starspieler Mario Götze per Ferndiagnose festgestellt. Und wollte ein Teil des Ganzen sein.

Neue Fußballer wie Götze werden nicht nur sportlich bis ins letzte Detail ausgeleuchtet, sondern auch menschlich. „Wir achten darauf, welche Spieler wir holen, was sie für einen Charakter haben, setzen uns mit ihnen, was die Persönlichkeit angeht, extrem auseinander“, erklärt Krösche. „Wir holen nur Jungs zu uns, die in die Gruppe reinpassen. Denn eine funktionierende Gruppe ist in der Lage, individuelle Defizite auszugleichen.“ Auch das Team ums Team herum funktioniert reibungslos, das ist fast wie eine große Familie. „Ich bin ja schon lange dabei und habe ein paar Sachen erlebt, aber das hier ist außergewöhnlich“, findet Krösche.

Nur so ließen sich für einen Mittelständler wie die Eintracht überhaupt Erfolge feiern. „Und es hängt stark von den Spielern ab, die nicht spielen“, befindet der Sportchef. „Wenn die sich hängenlassen und quasi aussteigen, dann sinkt das Trainingsniveau, dann wirst du nicht in der Lage sein, maximale Leistung zu bringen, weil die einen nicht mehr wollen und die anderen nicht mehr müssen.“ In Frankfurt war das anders, obwohl am Ende immer dieselben aufliefen.

Daher habe er sich auch explizit bei den Profis bedankt, die nicht so oft zum Einsatz kamen. „Hut ab vor dieser Bereitschaft und Professionalität. Sie sind tagtäglich an ihre Grenzen gegangen und haben so dafür gesorgt, dass die anderen immer am Limit sein mussten.“ Wo es endete, ist ja bekannt: Sevilla, 18. Mai, großes Finale, großes Drama – mit Happy End. Und diese Saison? (Ingo Durstewitz)

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