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Haute sich richtig rein: Edelreservist Slobodan Medojevic (re.) klärt mit langem Bein gegen Patrick Herrmann.

Eintracht Frankfurt

Neuentdeckung des A und O

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Eintracht Frankfurt ringt sich auf der Zielgerade dieser Saison zu einer erstaunlichen und eher unerwarteten kämpferischen Leistung durch.

Natürlich hat der Frankfurter Trainer Thomas Schaaf dann doch noch ein Haar in der Suppe gefunden. Trainer finden immer was, was sie noch verbessern könnten, restlos zufriedene Trainer sind so selten wie die Blaue Mauritius. Und das gilt auch für Thomas Schaaf, der grundsätzlich immer das Positive sehen will, auch im tiefsten Grau. Der Frankfurter Coach also bemängelte nach einem Null-Null der deutlich besseren Art am Freitagabend gegen Borussia Mönchengladbach die überschaubare Zahl an Toren: „Es hat eigentlich nur gefehlt, dass kein 3:3 herausgekommen ist.“

Das ist also das, was man Jammern auf hohem Niveau nennt. Aber so furchtbar ernst war diese sanfte Kritik auch gar nicht gemeint. Es war das erste 0:0 der Hessen in dieser Saison, das ist per se ja schon mal eine Erwähnung wert, ohnehin erst die fünfte Partie ohne Gegentor. Und wie zufrieden der Coach mit dem Herzblut-Auftritt von Eintracht Frankfurt war, zeigte vor allem dies: zwei Tage frei, Zapfenstreich bis Montag, 15.30 Uhr.

Tatsächlich hat sich die zuletzt so wankelmütige Frankfurter Mannschaft ausgerechnet gegen einen Anwärter auf die Champions League zu einer erstaunlichen, in dieser Form nicht erwarteten Leistung aufgeschwungen. Das Bemerkenswerte daran war der kämpferische Aspekt, den die Eintracht-Profis zuletzt arg hatten vermissen lassen. In diesem Spiel stimmte endlich mal der Einsatz: Es wurde geackert und gerackert, die Räume wurden eng gemacht, das Mittelfeld verdichtet. Endlich waren die einzelnen Mannschaftsteile nicht übers ganze Feld verstreut, sondern standen eng beieinander. Die Eintracht wirkte kompakt und geschlossen, da stand auf einmal eine Mannschaft auf dem Platz, die sich gegenseitig half. Und sie zeigte eine fast schon aufdringliche Präsenz auf dem Feld.

Einsatz und Kampf, Laufbereitschaft und Wille

„Herz und Leidenschaft“ hob der Frankfurter Klubchef Heribert Bruchhagen besonders hervor, Finanzvorstand Axel Hellmann sprach neudeutsch vom „fighting spirit“  und davon, dass „wir Gladbach die Lust         am Fußball spielen“ genommen haben. Am Ende wollten die so schön spielenden Fohlen „den Kampf mit uns nicht mehr annehmen“. Beide trafen den Nagel auf den Kopf.

29 Spieltage hat es gedauert, bis sich Eintracht Frankfurt auf das A und O des Fußballs besonnen hat: auf Einsatz und Kampf, auf Laufbereitschaft und Willen. Das sind die so genannten „Basics“, die Grundvoraussetzungen, um überhaupt auf einem gewissen Niveau ernsthaft Fußball spielen zu können. Endlich hatte es die Eintracht fertig gebracht, „miteinander zu arbeiten“, wie Thomas Schaaf zufrieden feststellen konnte: „Ich muss meiner Mannschaft ein großes Lob zollen.“

Ist es deshalb ein Zufall, dass die Überflieger aus Mönchengladbach zu vergleichsweise wenigen Tormöglichkeiten gekommen waren? Sicher nicht. Dazu kam, dass die Frankfurter in „diesem tollen Spiel“ (Bruchhagen) deutlich mehr liefen als in den vergangenen Wochen. Am Freitag gegen Gladbach spulten die Eintracht-Profis 119 Kilometer ab, legten 256 Sprints hin, machten 758 intensive Läufe. So viel, wie viele Wochen nicht: Gegen Hannover liefen sie lediglich 113 Kilometer, machten 678 intensive Läufe und 212 Spurts.

Kämpfen. Einsatz. Laufen. Dieser Dreiklang hat Eintracht Frankfurt zurück in die Spur gebracht. Erstaunlich ist aber: Das alles ist ja kein Hexenwerk, keine Zauberei. Warum man erst jetzt, da es in die Zielgerade geht (und das geheime Traumziel Europa League aus den Augen verloren ist), auf diese Tugenden zurückgreift, erschließt sich einem nicht direkt. Jetzt ringt sich Schaaf auf einmal zur Nominierung von Slobodan Medojevic und damit zu einem zweiten Sechser durch. Schaaf wich damit erstmals seit langem von seinem bevorzugten System mit der Raute ab. Nur der Not gehorchend? Oder aus Überzeugung? Letztlich ist das egal, es war aber auf jeden Fall die richtige Entscheidung, ja längst überfällig.

Denn auf einmal wirkt das Gebilde deutlich stabiler als zuvor. Alles nur Zufall? Medojevic hat jetzt nicht die Sterne vom Himmel gespielt, er hat aber als gelernter defensiver Mittelfeldspieler seinen Teil zur neuen Kompaktheit beigetragen. Er habe sich im Training aufgedrängt, begründete Schaaf die Aufstellung des zuletzt allenfalls als Reservist zum Einsatz gekommenen Serben. Oder Aleksandar Ignjowski, der erst rechter Verteidiger spielte und dann, als Medojevic mit einer Adduktorenzerrung vorzeitig vom Feld musste, im Mittelfeld: Ignjowski biss sich in 37 Zweikämpfe rein, in so viele Duelle Mann gegen Mann traute sich sonst keiner. Aber mit dieser Aggressivität und Nickligkeit „lässt man dem Gegner keine Ruhe“ (Schaaf).

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Wohin geht die Reise?

Die Frage bleibt natürlich: Warum hat die Eintracht derlei Tugenden nicht schon viel früher an den Tag gelegt? Sie kann ja kämpfen. „Wir haben gezeigt, dass wir es noch können“, sagte Sonny Kittel, der den linken Flügel beackerte. Oder war das nur eine Reaktion auf die öffentliche Kritik der vergangenen Wochen? Dies zumindest vermutet Sportdirektor Bruno Hübner. „Die Mannschaft hat die Kritik schon gehört.“ Jetzt, da kaum einer einen Pfifferling mehr auf sie gegeben hatte, auch weil vier Leistungsträger fehlen (Alex Meier, Carlos Zambrano, Marc Stendera, Marco Russ) präsentierte sie eine Seite, die man lange nicht gesehen hatte. Und die Zuschauer, „die ein feines Gespür dafür haben, wann die Mannschaft bis an die Grenze und darüber hinaus geht“ (Hellmann), hätten an diesem Abend selbst eine Niederlage akzeptiert: Einfach weil die Mannschaft alles gegeben hat. Und man darf ja gar nicht daran denken, wo dieses Team hätte stehen können, wenn es nur die Hälfte dieses gegen Gladbach an den Tag gelegten Engagements auch in den Spielen etwa gegen Freiburg, Stuttgart oder im letzten Heimspiel gegen Hannover 96 gezeigt hätte.

Vorbei. Fünf Begegnungen sind es noch, am nächsten Samstag bei Borussia Dortmund werden Bastian Oczipka und Bamba Anderson wegen ihren fünften Gelben Karte fehlen. Carlos Zambrano dürfte bis dahin wieder fit sein, Constant Djakpa oder Ignjowski ein Einsatz am linken Flügel winken. Hinter dem Einsatz von Medojevic steht noch ein Fragezeichen.

Und wohin geht jetzt die Reise? Die Eintracht bleibt weiterhin eine Wundertüte. Axel Hellmann immerhin glaubt nicht, dass die Saison locker ausläuft. „Es hat ja den Verdacht gegeben, dass wir die Saison austrudeln lassen würden. Wer das Spiel gesehen hat, kann nicht sagen, dass das so vor sich hin plätschert.“

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