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Marco Russ (rechts), hier gegen den Schlaker daniel Caligiuri, greift erneut nach dem Pokal.

Marco Russ

Das nächste Spiel des Lebens

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Marco Russ steht zum dritten Mal im Pokalfinale, doch für den Eintracht-Haudegen hat sich 2017 der Kreis geschlossen.

Fast die gesamte Saison über, zu etwa 90 Prozent, glaubt Marco Russ, habe Eintracht Frankfurt eine extreme Borstigkeit und Widerstandsfähigkeit ausgezeichnet. „Wir sind fies in den Zweikämpfen, eklig auf dem Platz“, findet der Innenverteidiger. Diese Herangehensweise, die dem ins Schlingern geratenen Bundesligisten in den zurückliegenden Begegnungen so ein bisschen abhanden gekommen ist, werde man am Samstag in Berlin beim DFB-Pokalfinale wieder auf den Rasen werfen. Davon ist der alte Haudegen im Adler-Dress überzeugt. „Wir wollen den Bayern von Anfang an die Freude am Spielen nehmen, sie sollen ins Grübeln kommen, sie sollen sich über unsere harte Gangart ärgern. Darin sehen wir unsere Chance.“ 

Die Chance, dass am Ende wirklich die Eintracht-Spieler den Pokal in den Himmel stemmen, beläuft sich unbestätigten Hochrechnungen zufolge dennoch auf Ziffern im Promillebereich. Doch Marco Russ, 32 Jahre alt, mit einer bewegten Geschichte im Gepäck und sehr viel reifer und reflektierter als noch vor wenigen Jahren, lässt sich vor dem klassischen David-gegen-Goliath-Duell nicht ins Bockshorn jagen. „Wir freuen uns mega auf dieses Spiel“, sagt er. „Wir sind positiv.“ Dass die Bayern der riesengroße Favorit sind und als „übermächtig“ (Russ) hingestellt werden, sei ja gut und schön, „aber wir sehen eine große Chance. Wir trauen uns zu, zu überraschen.“ 

Der Abwehrspieler, der in sein drittes Endspiel geht, erinnert an sein erstes Finale 2006, natürlich ebenfalls gegen die Bayern, das unter Friedhelm Funkel 0:1 verloren ging. Damals spielten bei den Hessen etwa Daniyel Cimen, Aleksandar Vasoski, Benjamin Huggel, Marko Rehmer oder auch Stefan Lexa, ordentliche, rechtschaffene Akteure, aber eben doch allenfalls im mittleren Segment anzusiedeln. „Da war der Unterschied zwischen den Bayern und uns viel krasser als jetzt“, betont Russ – obwohl die Dominanz der Münchner im Laufe der vergangenen Jahre ja definitiv sehr viel größer geworden ist. 

Für den Routinier ist klar, dass man sich darauf einstellen müsse, oft und lange hinterher zu laufen, „aber auch Stuttgart hat mit gefühlt 20 Prozent Ballbesitz bei den Bayern mit 4:1 gewonnen“. Ein 1:0 würde am Samstag auch schon genügen. 

Die Mannschaft, sagt der Mann aus dem eigenen Stall, habe die Enttäuschung über den Tiefschlag auf Schalke abgehakt. „Wir waren ständig oben dabei. Natürlich ist man dann sauer und verärgert, aber vor der Saison lauteten die Prognosen Platz 14 oder 15.“ Und überhaupt: Seit die Mannschaft am Dienstag, dem ersten Trainingstag, wieder zusammengekommen ist, „ist nur noch Berlin das Thema“. 

Marco Russ wird alles aufsaugen, noch einmal, wie letztes Jahr schon, obwohl er da gar nicht gespielt hat. Berlin müsse man erlebt haben, um in etwa erahnen zu können, welche Kraft und Anziehung dieses Ereignis hat. Es ist etwas ganz Spezielles, etwas, das sich aber auch nicht richtig greifen lässt. „Es ist alles anders: Wir spielen in anderen Trikots, fliegen schon am Donnerstag hin, man bekommt mit, dass die Fans schon jetzt wieder nach Berlin pilgern. Es sind, wie ich gehört habe, auch welche mit dem Fahrrad gefahren“, erzählt der Hanauer Bub. Vor einem Jahr waren 50.000 Eintracht-Anhänger in der Hauptstadt zugegen. Dieses Mal werden es nicht viel weniger sein. 

Auch für Marco Russ ist das Finale natürlich etwas Besonderes, wobei es 2017 fast noch emotionaler war. „Für mich hat sich letztes Jahr der Kreis geschlossen“, sagt er. Zwölf Monate zuvor, 2016, fast auf den Tag genau, habe er die schockierende Krebsdiagnose erhalten. Und dann war er wieder dabei, im Pokalfinale gegen Borussia Dortmund, als gesunder Mensch. „Das Spiel seines Lebens“, titelte die FR damals. „Deshalb war das für mich eine runde, abgeschlossene Sache.“ 

Dieses Mal sind die Chancen sehr viel größer, dass er von Beginn an spielen wird, er ist fit und in Topform. „Ich werde es einfach genießen“, sagt Russ. Besonders oft wird er vermutlich nicht mehr ins Finale kommen. „Aber das“, sagt er lächelnd, „habe ich letztes Jahr auch gedacht.“ 

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