Ein kluger Kopf, der auf dem Rasen kaum einer Diskussion aus dem Weg ging: Gelson Fernandes.
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Ein kluger Kopf, der auf dem Rasen kaum einer Diskussion aus dem Weg ging: Gelson Fernandes.

Einblicke

Nach dem Karriereende: Das neue Leben von Gelson Fernandes

  • Daniel Schmitt
    vonDaniel Schmitt
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Nach seinem Karriereende plant der ehemalige Eintracht-Profi Gelson Fernandes seinen nächsten Lebensabschnitt.

Gerade mal vier Tage nach dem emotionalen Abschied, nach den Tränen mitten auf dem Rasen des Frankfurter Stadions, begleitet vom lauten Beifall der Kameraden, begann schon das nächste Kapitel im Leben von Gelson Fernandes. Eines, in dem der 33-Jährige keine Trikots und Stollenschuhe mehr trägt, sondern Anzüge und Lacktreter. Wären anderen die gerade erlangte Fußballpension erstmal genießen und wohl einige Wochen lang urlauben würden, schlüpfte Gelson Fernandes sofort in sein neues Dress – und lud davon ein Bild in die sozialen Netzwerke hoch.

„Ich habe immer die Ärmel hochgekrempelt, und ich werde auch in Zukunft arbeiten. Man sagt oft, dass Fußballer nach dem Karriereende im Leben überfordert sind. Ich glaube nicht, dass das auf mich zutrifft“, erklärte der sympathische Schweizer nun in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“.

Erst vor wenigen Tage habe er im Wallis, seiner Schweizer Heimat, wo Frau Tiffany und das bald ein Jahr alte Töchterchen Sienna auch während Fernandes’ Zeit als Profi bei Eintracht Frankfurt wohnten, eine komplette Woche im Büro verbracht. „Ich bleibe nicht einfach daheim und schaue, was kommt. Ich hatte Lust zu erleben, wie sich das anfühlt. Ich kümmerte mich um Immobilien – am Freitag war ich fix und fertig.“

Gelson Fernandes war immer ein Mann, der es vermochte, auch nach links und rechts zu schauen und nicht ausschließlich in der Fußballblase vor sich hinzuleben. Integrität, Menschlichkeit, die Fähigkeit, ein Anführer und Vorbild zu sein – das zeichnete den Mittelfeldkämpfer aus, der insgesamt 520 Profipartien für zehn verschiedene Klubs – unter anderem 81 Begegnungen für die Eintracht – sowie 67 Länderspiele für die Eidgenossen absolvierte. Die FR bezeichnete ihn einst als „Außenminister“, konnte Fernandes doch in acht Sprachen kommunizieren und damit innerhalb einer Mannschaft als wichtiges Bindeglied agieren.

Rassismusvorfälle in Italien

„Ich war mehr als ein Spieler“, findet er selbst: „Ich coachte die Jungs vor einem Match, ich redete auf sie ein, motivierte sie ständig, ich tat alles für meine Mannschaft. Und sie hörten auf mich, weil sie wussten, dass ich viele Erfahrungen gesammelt habe.“ Auch negative Erfahrungen. So erinnerte sich Fernandes gegenüber der „SZ“ auch an schwierige Zeiten in Italien, bei Chievo Verona. Da sei der aus der Republik Kap Verde stammende Fußballer mehrmals mit Rassismus konfrontiert gewesen. „Nie im Stadion, aber außerhalb. Sie zerstörten mein Auto und schrieben darauf: ‚Negro di merda, geh nach Hause.‘ Und einmal erledigten sie vor meiner Haustür ihre Notdurft.“ Widerlich. Für künftige Rassismus-Fälle im Umfeld von Fußballspielen sei für ihn klar, „dass harte Sanktionen und hohe Geldstrafen ausgesprochen werden müssen. Es muss wehtun.“

Die Entscheidung zum Karriereende war bei Fernandes im Laufe der vergangenen Saison gereift, in der er nur auf elf Bundesligaeinsätze im Team von Trainer Adi Hütter gekommen war. Erst kassierte Fernandes im November eine unnötige Gelb-Rote-Karte beim Spiel in Freiburg, dann musste er kurz vor Weihnachten wegen eines grippalen Infekts passen, und schließlich zog er sich während des Januar-Trainingslagers in Florida einen Sehnenriss im Hüftbereich zu. „Ich möchte den richtigen Zeitpunkt aufzuhören, nicht verpassen. Ich möchte keine Belastung sein oder eine Saison erleben, in der ich mich irgendwie durchschleppen muss“, erklärte Fernandes gegenüber der FR schon im März. Zwar kehrte er noch mal für zwei Spiele nach der Corona-Pause zurück auf den Rasen, wieder stoppte ihn in den finalen Begegnungen seiner Karriere aber eine Wadenblessur. „Ich konnte nicht mehr auf diesem Niveau spielen.“ Der 30. Mai 2020, das mit 2:1 gewonnene Spiel in Wolfsburg, war das letzte als aktiver Spieler im Fußballgeschäft, dem er künftig eng verbunden bleiben will.

„Ganz bestimmt werde ich im Bereich Fußball etwas machen“, sagt Fernandes, die Immobilienbranche nutzt er einzig, um neue Eindrücke zu sammeln. „Ich hätte bereits jetzt als Sportchef einsteigen können. Ich lasse aber noch offen, was ich mache.“ Irgendwann, so verrät er, „möchte ich einen großen Traum verwirklichen – und mir einen Klub kaufen.“ Anzug und Lackschuhe würden dazu jedenfalls bestens passen.

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