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Und dann die Hände zum Himmel: Eintracht Frankfurt feiert den mühevollen, aber verdienten Sieg über Hannover 96.

Sieg gegen Hannover

Auf dem Weg nach Europa

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Eintracht Frankfurt gewinnt auch ein unansehnliches Kampfspiel gegen Hannover und zeigt bemerkenswerte Stabilität.

Ganz zum Schluss hätte der von einer Erkältung geschwächte Kevin-Prince Boateng das Sahnehäubchen auf die Torte setzen können, vielleicht sogar müssen. Es wäre verdient gewesen und auch zahlenmäßiger Ausdruck der Überlegenheit an diesem Nachmittag. Aug‘ in Aug‘ stand da der Frankfurter Chef mit dem famosen Hannoveraner Torwart Philipp Tschauner, Boateng hätte querlegen können, doch er entschied sich nach langem Sprint von der Mittellinie zum Schuss. Tschauner wehrte auch diesen Ball ab, es gab noch mal Ecke, dann war die Partie beendet – und Eintracht Frankfurt nach einem schwer erarbeiteten 1:0 (1:0)-Sieg weiterhin stabil unter den ersten Vier der Tabelle. Und langsam können sich die Hessen mit dem Gedanken anfreunden, in der neuen Saison ein paar mehr Spiele zu haben, noch dazu jenseits der Landesgrenzen.

Auch Platz sieben reicht

Sieben Punkte beträgt der Vorsprung auf Tabellenplatz sieben, auch der würde nach Lage der Dinge für das internationale Geschäft reichen. Allerdings „drohten“ dann zwei Qualifikationsrunden und die Playoffs, insgesamt also sechs Spiele, das erste am 26. Juli, elf Tage nach dem WM-Finale. Sollte sich freilich auch der Siebte qualifizieren, wonach es aussieht, weil die vier Halbfinalisten Bayern, Leverkusen, Schalke und Frankfurt wohl nicht schlechter als Platz sieben abschneiden werden, stiege der Sechste erst in der Gruppenphase ein, und die beginnt Mitte September. Ein durchaus lohnendes Ziel.

„Es tut gut, wenn wir auf die Tabelle schauen“, sagte ein entspannter Sportvorstand Fredi Bobic nach „dem Abnutzungskampf“ gegen Hannover 96. Auch er kann rechnen, auch er hat gesehen, dass Eintracht Frankfurt beste Aussichten auf ein Happy End hat.
 

Die Frankfurter spielen ihre beste Saison seit fast einen Vierteljahrhundert. Als sie zuletzt 42 Punkte am 25. Spieltag auf dem Konto hatten, trugen noch Yeboah, Okocha, Bein, Gaudino und Binz das Trikot mit dem Adler, wurde die Tabelle noch mit dem Zweipunktesystem errechnet. 42 Punkte war auch die Ausbeute im vergangenen Jahr – allerdings erst nach dem 34. Spieltag.
Jetzt stehen noch neun Partien aus, und es ist nicht zu erwarten, dass sich die Mannschaft mit dieser Punktzahl zufrieden gibt. Warum auch? Die anderen Teams, selbst die unmittelbaren Konkurrenten (der FC Bayern München immer ausgenommen), agieren derzeit nicht stabiler, auch die anderen unterliegen Schwankungen. Warum also sollte Eintracht Frankfurt nicht die Gunst der Stunde nutzen? Mittlerweile hat sich die Mannschaft zudem eine neue, bislang ungewohnte Heimstärke erarbeitet, sie holte 13 von 15 möglichen Punkten in diesem Jahr im Stadtwald. Den 21 Zählern aus der Fremde stehen inzwischen 21 Zähler im eigenen Stadion gegenüber.


Im Klub selbst gehen sie mit dem E-Wort sehr entspannt um. Es ist nicht bei Strafe verboten, darüber zu reden, aber wer es tut, spricht mit einer gewissen Gelassenheit darüber, es ist längst keine Utopie mehr. Das internationale Geschäft ist in greifbare Nähe gerückt, sogar die Champions League ist nicht illusorisch.


Zumal dann, wenn die Eintracht eben auch solche unansehnlichen Spiele für sich entscheidet wie am Samstag. Es war „ein dreckiger Sieg“, wie Linksverteidiger Timothy Chandler mit einigem Recht sagte, aber eben aufgrund der klareren Chancen – etwa durch Sebastien Haller, Jonathan de Guzman, Marius Wolf oder eben Boateng  – auch ein hochverdienter.

Keine schöne Partie

Spielerisch war es deutlicher schwächer als in den vergangenen Begegnungen, „das weiß ich auch“, räumte Trainer Niko Kovac ein. Aber das hat er dieses Mal absichtlich in Kauf genommen, um dem rustikalen Spiel der Hannoveraner etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen.
 

Es war keine schöne Partie, „es waren viel Kampf und Unterbrechungen dabei“, wie Bobic analysierte. Folgerichtig fiel das Tor des Tages nach einem Standard. Der nach monatelanger Pause erstmals und überraschend aufgebotene de Guzman hatte eine – allerdings unberechtigte – Ecke haargenau auf dem Schädel von Danny da Costa platziert, der das Tor des Tages (39.) erzielte. Dass es „kein ansehnliches Spiel“ war, wie Kovac betonte, sei ihm egal. „Es zählte nur der Sieg.“ Nur ein zweites Tor, um „das Ding zuzumachen“ (Bobic), habe gefehlt, deswegen habe das Team bis zum Ende „Stress gehabt“ (Gelson Fernandes) und einen Videoassistenten (der eine dreiste Schwalbe des 96ers Miiko Albornoz entlarvte) sowie einen Torwart Lukas Hradecky in der Nachspielzeit zum Erfolg benötigt.



Und wieder hatte Eintracht Frankfurt, wie vom Fußballlehrer gefordert, eine entsprechende Reaktion gezeigt. Nach dem schlechten Spiel in Stuttgart besannen sich die Frankfurter wieder auf ihre Urtugenden, Leidenschaft, Einsatz, körperlicher Präsenz und unbändiger Willen. „Das war fast Mann gegen Mann über den ganzen Platz“, sagte der Schweizer Fernandes, auch er durchaus überraschend in der Startformation.

Was das neue Selbstbewusstsein dieser Mannschaft beweist, ist auch die Tatsache, dass es der Eintracht erneut gelungen ist, nach einer Niederlage postwendend im nächsten Spiel mit einem Sieg zu antworten. Sieben Spiele hat die Eintracht in dieser Runde verloren, siebenmal konterten sie dieses Negativerlebnis mit einem Erfolg – auch das ist, bis auf Bayern München, keinem anderen Klub in der Liga vergönnt gewesen.

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