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Verantwortlich für den Bereich Sport bei der Eintracht: Fredi Bobic.

Interview Fredi Bobic

"Du musst was tun"

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    Ingo Durstewitz
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Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic über die Multi-Kulti-Debatte, seine guten Beziehungen zu Real Madrid oder den FC Chelsea und weshalb er Giovane Elber immer wieder mal anruft.

Von seinem Apartment in Sachsenhausen genießt Fredi Bobic, seit 1. Juni Sportvorstand der Frankfurter Eintracht, den Blick auf die Skyline und den Main. „Das hat schon was“, sagt der 44-Jährige mit echter Begeisterung in der Stimme. „Ich fühle mich sehr wohl in der Stadt.“ Er ist angekommen in Frankfurt, „von Tag zu Tag fühle ich mich mehr als Eintrachtler“. Für die FR hat er sich in seinem Büro bei einer Tasse Kaffee viel Zeit genommen. Und zum Abschied zeigt er auf das Vermächtnis seines Vorgängers: das Eintracht-Jacket von Heribert Bruchhagen, das auf einem Kleiderständer hängt. „Das wird immer hier bleiben.“

Herr Bobic, Hand aufs Herz und mit einem bisschen Abstand: Wie haben Sie dem Auftaktspiel gegen Schalke 04 entgegengeblickt? Mit Vorfreude, Sorge, einem mulmigen Gefühl oder gar etwas Angst? Schließlich hatte sich die neue Eintracht in Magdeburg ja nicht gerade mit Ruhm bekleckert.
Ich war relativ ruhig. Das Magdeburg-Spiel konnte man nicht mit dem Charakter eines Bundesligaspiels vergleichen. Das war uns klar, und genau so war das Spiel dann auch. Die Pokal-Begegnung war das erwartet schwere, komplizierte Spiel, aber Bundesliga, das wussten wir, würde etwas ganz anderes werden. Dass wir dann gegen Schalke so einen raushauen, war nicht unbedingt zu erwarten. Aber dass wir ein gutes Spiel machen würden, davon war ich überzeugt.

Sie haben keine Nervosität oder Anspannung verspürt, dass es schiefgehen könnte? Sie haben immerhin den Verein binnen zwei, drei Monaten komplett umgekrempelt. Und keiner wusste, wo die Mannschaft genau steht.
Aber ich habe doch gesehen, wie die Mannschaft gearbeitet hat in der Vorbereitung. Und auch das Funktionsteam. Ich hatte ein gutes Gefühl, ich habe etwas gespürt, was sehr positiv war.

Aber im Umfeld war doch Skepsis und Nervosität vorhanden.
Ich konzentriere mich auf das, was für mich das Wichtigste ist: ,Was passiert in der Mannschaft und was passiert um die Mannschaft herum?‘ Wenn ich mich mit irgendwelchen Stimmungen auseinandersetzen würde, wäre das nicht produktiv. Und ich muss auch ehrlich sagen: Mir persönlich gegenüber hat sich kaum einer negativ geäußert. Viele fanden das extrem spannend, was wir machen. Es war wohl eher so, dass viele dachten: ,Was passiert da jetzt wirklich? Kann das funktionieren oder nicht? Eigentlich interessant, aber auf der anderen Seite doch risikoreich.‘ Ich fand das gut und auch nachvollziehbar.

Jetzt sind Sie erleichtert?
Vor allem hat es mich gefreut, weil so ein Spiel den Jungs einfach gut tut. So ein Start kann für die erste Zeit beflügeln, er beschleunigt den Prozess. Und als ich damals hörte, dass wir zu Hause gegen Schalke 04 beginnen, da habe ich direkt gesagt: geil. Es ist besser als gegen eine Mannschaft zu starten, die vielleicht nicht so hoch gehandelt wird. Da hätte jeder gesagt: ,Das müssen sie aber gewinnen.‘ So haben wir gleich einen richtigen Gegner vor die Brust gesetzt bekommen. Da hatte ich sowieso ein gutes Gefühl, weil ich zweimal zum Auftakt gegen Schalke spielen musste und beide Male gewonnen habe (lacht).

Also ist diese Mannschaft für Sie gar keine Wundertüte?
Sehen Sie, ich kann doch verstehen, dass da manch einer gar nicht weiß, was dabei rauskommt. Einfach aus dem Grund, weil viele Spieler gar nicht bekannt waren. Aber wir, Bruno Hübner, Ben-Manga, das Trainerteam und ich, hatten ein gutes Gefühl bei den Entscheidungen, die wir getroffen haben. Und die Vorbereitungszeit hat uns bestätigt. Wir waren überzeugt von dem, was wir machen, und diese Überzeugung haben wir auf die Mannschaft übertragen. Natürlich kann man immer mal falsch liegen, auch bei uns kann der eine oder andere nicht die Entwicklung nehmen, die wir uns vorstellen. Aber trotzdem finde ich die Mischung superspannend. Und wenn ich sehe, wie die Jungs miteinander umgehen, ist das absolut positiv.

Ist Ihnen deshalb diese Multi-Kulti-Debatte so ein bisschen auf den Zeiger gegangen?
Ich finde, sie war unnötig. Ich musste dann schon schmunzeln, welche Spieler auf einmal Ausländer sein sollten.

Sie meinen, dass manch einer Timothy Chandler plötzlich zum US-Amerikaner gemacht hat?
Zum Beispiel, ja. Das ist komplett ein Frankfurter Junge. Oder wenn Michael Hector zum Jamaikaner gemacht wird. Da ist selbst der Vater in England geboren, die Großeltern stammen aus Jamaika. Okay, er spielt für Jamaikas Nationalmannschaft, weil er vielleicht in England nicht spielen würde. Aber da ist mir doch vieles zu sehr hingedreht worden, um eine Story daraus zu machen. Und generell: Nehmen Sie die Dortmunder: Die hatten, bevor sie Götze und Schürrle für ein paar Euronen geholt haben, auch nur ausländische Toptalente geholt, für viel Geld natürlich. Ich finde, dass dieses Denken: Deutsch oder international überbewertet wird. Es geht darum, ob ein Spieler Qualität hat oder nicht. Da ist es mir egal, woher er kommt. Natürlich ist es mir auch am liebsten, wenn die Spieler aus Deutschland kommen, wir sondieren immer zuerst den deutschen Markt und schauen, was national möglich ist. Wenn da eben nichts möglich ist, müssen wir uns international umsehen. Bei uns waren es auch wirtschaftliche Zwänge. Wir mussten schauen, wie können wir es schaffen, mit den Mitteln, die wir haben, eine gute Mannschaft zusammenzustellen. Denn die Investitionsmöglichkeiten waren extrem bescheiden, da haben ja Zweitligisten mehr ausgegeben.

Im Winter ist ja etwas zu viel ausgegeben worden.
Mag sein, aber für uns war klar, dass wir keine Spieler verkaufen wollten, die zwar begehrt sind, aber den wichtigen Stamm bilden. Ob das nun Lukas Hradecky, David Abraham oder Alex Meier ist. Dann würden wir Substanz verlieren. Wir wollen wieder Achsen aufbauen, das wird für die Zukunft sicherlich wichtig sein.

Sie sagten, dass man ein Haus erst bewerten könne, wenn man es auch von Innen gesehen hat. Musste hier bei der Eintracht mehr restauriert werden, als Sie dachten?
Es war schon einiges. Wir haben sicherlich einiges angestoßen, was dem einen oder anderen risikoreich vorkommt, aber Fakt ist doch auch: Du musst was tun, wenn du Tabellensechzehnter warst in der letzten Saison. Generell muss hier eine andere Denke rein, da mussten wir einiges anschieben. Auch im infrastrukturellen Bereich mussten wir einige Investitionen tätigen.

Wenn man sich umhört, dann heißt es oft, die Zeit des Aussitzens sei nun vorbei.
Das weiß ich nicht, ich schaue nicht nach hinten. Denn ich kann dazu nichts sagen, und zurückschauen bringt sowieso nichts. Mein Motto ist: Lasst uns nach vorne schauen und versuchen, die Konzepte umzusetzen, um den Verein fit für die Zukunft zu machen. Dazu brauchen wir aber etwas Zeit.

Wo sehen Sie die Eintracht in zwei, drei Jahren?
Wenn wir ein guter Bundesligist sind, der stabil in der Tabelle steht, haben wir einiges erreicht. Wir sind gesund und solide, aber wir müssen wachsen. Und uns von Innen heraus etwas verändern für die Zukunft. Es muss immer Druck auf der Pipeline sein. In allen Bereichen. Nur dann kannst du was erreichen. Es gibt Wachstumsmärkte und Wachstumschancen, auch für uns.

Heribert Bruchhagen, Ihr Vorgänger, hat immer gesagt, die Bundesliga sei zementiert. Und Mittelfeld sei für die Eintracht erstrebenswert. Das hat viele, die auch mal gen Europa schielen wollten, im Laufe der Jahre genervt. Wie stehen Sie dazu?
Realistisch gesehen hat er ja Recht. Wir können ja nicht sagen, wir greifen morgen Europa an. Wie denn? Mit was denn? Aber trotzdem will ich mich damit nicht zufrieden geben. Dieser Geist muss spürbar sein. Ich möchte in jedem Büro merken, dass man mehr will.

Also sind Sie mit Mittelmaß nicht zufrieden?
Sportlich gesehen ist das erst mal absolut in Ordnung. Aber insgesamt wäre ich damit nicht zufrieden. Es geht jetzt nicht um Visionen. Ich muss mich jetzt hier nicht hinstellen und sagen: ,In fünf Jahren wollen wir in die Champions League.‘ Das sind schöne Sprüche und damit machst du die Leute verrückt, aber es bringt doch nix. Ich habe das Ziel, immer besser zu werden, sich immer weiterzuentwickeln. Und das fordere ich auch von meinem Team ein. Wenn du im Fußball zufrieden bist, dann bist du gleich in der zweiten Liga.

Und nächstes Jahr folgt dann der nächste Umbruch?
Das weiß ich nicht. Ich hatte meinen Scouts jetzt mal ein paar Tage freigegeben, aber danach geht es gleich los. Da steht der Winter auf dem Plan und schon der Sommer 2017.

Jetzt schon?
Natürlich. Du musst vorbereitet sein, das ist das Wichtigste. Die Spieler müssen durchgescoutet und gesehen sein. Wir haben auch jetzt keinen Spieler geholt, den nicht einer von uns live gesehen hat. Und es kann dann durchaus Transfers geben, dass wir einen Spieler mal für zwei Jahre holen, weil du einen Jugendspieler mit 16, 17 hast, der vielleicht noch zwei, drei Jahre braucht, bis er oben ankommt. Und wir haben ja auch ein paar Leihspieler, da muss man die Entwicklung beobachten. Den einen oder anderen von ihnen werden wir vielleicht ersetzen müssen, aber wir werden genauso versuchen, manchen Leihspieler von Eintracht Frankfurt zu überzeugen, wenn wir von ihm überzeugt sind. Dann muss man natürlich schauen, ob wir die finanziellen Mittel haben, um so etwas überhaupt stemmen zu können.

Sie sagten, ein gutes Netzwerk sei das wichtigste in Ihrem Job. Wie baut man das auf?
Es war ja nicht so, dass ich zwei Jahre auf den Malediven auf der faulen Haut lag. Ich bin um die ganze Welt geflogen, war bei Sitzungen, Konferenzen, Vereinen. Man darf keine Angst haben, mit Menschen in Kontakt zu treten. Es ist wichtig, dass man sich kennt, vielleicht besucht man sich dann auch mal. Und das hilft total.

Auch aktuell?
Ja klar. Real Madrid, Manchester United, Chelsea – es hilft, wenn man miteinander im Gespräch ist. Viele Transfers verlaufen auf persönlicher Basis. Und wenn dann Vertrauen da ist, dann sagt die andere Partei schon mal: ,Euch geben wir den Spieler gerne.‘ Die großen Vereine können sich zehn Klubs aussuchen, wo sie ihre Spieler hin verleihen können. Da kommt es schon auf das persönliche Verhältnis an. Und natürlich werde ich dann demnächst in diese Städte fliegen und mich persönlich bei den Verantwortlichen bedanken. Das kostet mich vielleicht einen Tag, aber das gehört sich so. Und man muss auch an die Zukunft denken.

Ist Überzeugung wichtiger oder Tempo?
Beides. Tempo ist schon wichtig. Wenn man lange rummacht und zögert, dann ist das nicht gut. Und Überzeugung ist ebenfalls entscheidend, auch dem Spieler gegenüber. Nehmen Sie Michael Hector. Er kam schon eine Woche vorher für zwei Tage mit seinem Vater nach Frankfurt. Sie waren sehr gründlich und wollten alles wissen, auch was Eintracht Frankfurt ist und für was der Klub steht. Wir haben ihm alles gezeigt, vom Museum bis zur Kabine. Und da ging es noch gar nicht um Geld.

Wie klopft man ab, ob ein Spieler charakterlich passt?
In persönlichen Gesprächen und auch im Umfeld des Spielers. Da fragt man schon Sachen ab wie: ,Was ist das für ein Typ, was hat er für eine Mentalität, hat er noch zehn Leute im Schlepptau? Ist er mental vielleicht zu schwach?‘ Da gehört auch ein Netzwerk dazu. Ich habe mich zu meiner aktiven Zeit mit meinen ausländischen Mitspielern gut verstanden. Und ich kann heute alle anrufen: In Brasilien Carlos Dunga oder Giovane Elber. Oder Zvonimir Soldo für den Balkan-Raum, Pavel Pardo für Mexiko. Auch in Afrika kenne ich genügend ehemalige Mitspieler, die mir ehrlich Auskunft geben. Und im Juli war ich sogar für fünf Tage in Paraguay.

In Paraguay? Das hat die Öffentlichkeit gar nicht mitbekommen.
Ja, da war hier das Turnier in Duisburg. Ich war aber in Paraguay, es war tierisch kalt, und ich wollte einen Spieler live sehen, mir ein Bild machen. Ich habe mich dann noch mit Roque Santa Cruz getroffen, der mir auch noch etwas über den Spieler erzählen konnte. Aber es hat letztlich nicht geklappt.

Wie entscheiden Sie, wenn Sie einen Riesenkicker mit charakterlichen Schwächen vor sich haben?
Der Charakter entscheidet, denn den kannst du nicht ändern. Charakter und Mentalität sind sehr wichtig, gerade für einen Klub wie die Eintracht. Jungs, die beißen, die mehr wollen und sich präsentieren wollen, sind uns wichtiger. Ich kann ihnen als Plattform einen tollen Traditionsverein, ein volles Stadion und die Bundesliga bieten. Natürlich sind wir manchmal nur Durchgangsstation, aber das muss uns keine Angst machen.

Weil Sie gerade Traditionsvereins ansprachen: Frankfurter Fans, der Tradition sehr verbunden, stieß es sauer auf, dass Sie vor einigen Monaten in einer Kolumne schrieben, RB Leipzig sei eine Bereicherung für die Bundesliga.
Das Thema langweilt mich, ehrlich gesagt. Denn es ging da um die Stadt und nicht um RB. Der Deutsche Fußball-Bund wurde 1900 in Leipzig gegründet, der VfB Leipzig war 1903 Meister, da ist Tradition in der Stadt. Fakt ist: Jeder Manager sagt: ,Leipzig wird auf Dauer funktionieren, weil die Infrastruktur und die Größe stimmen, weil die Stadt dahinter steht.‘ Es ging mir um eine realistische Einschätzung der Leipziger Entwicklungsmöglichkeiten. Und die sind einfach so, wie ich es ausführte.

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

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