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Mögen die Spiele beginnen

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Von: Ingo Durstewitz

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Das Warten hat ein Ende - endlich spielt Eintracht Frankfurt in der Champions League. Foto: Imago Images
Das Warten hat ein Ende - endlich spielt Eintracht Frankfurt in der Champions League. Foto: Imago Images © imago images / Mandoga Media

Mit Stolz, aber auch unbändiger Vorfreude startet Eintracht Frankfurt gegen Sporting Lissabon in die erste Champions-League-Saison der Vereinsgeschichte.

Vielleicht wäre die Geschichte anders geschrieben worden, wenn Eintracht Frankfurt nicht eine andere Abzweigung gewählt hätte, damals, vor 30 Jahren, Rostock, das Trauma. Die sicher geglaubte Meisterschaft verspielt am letzten Spieltag, 1:2 bei Absteiger Hansa, Fußball 2000 mit null Ertrag. Die Erinnerungen sind lebendig: Ralf Weber, Alfons Berg, der verweigerte Elfer, die zerstörte Kamera, der Pfostenschuss von Edgar Schmitt. Es sollte nicht sein, seinerzeit an der Ostsee, vor einer halben Ewigkeit, die so verdammt nah ist; ein Verein, eine Stadt in Schockstarre.

Neben dem emotionalen Knockdown und der Erfindung einer neuen Lebensweisheit („Lebbe geht weider“) hat dieser Hammerschlag die Frankfurter, was da niemand ahnte, brachial in ihrer Entwicklung gestoppt, ja sogar um Jahrzehnte zurückgeworfen. Die Eintracht, auch wenn das hypothetisch ist, wäre heute ein anderer Verein, wenn sie sich 1992 zum verdienten Meister gekrönt hätte. „Rostock hat dem Klub geschadet und zehn Jahre des Niedergangs eingeleitet“, sagt Vorstandssprecher Axel Hellmann heute, damals war er noch glühender Anhänger des divenhaften Vereins. Für ihn ist das Schockerlebnis verblichen, aber nicht ausradiert. „Rostock“, sagte er mal, „Rostock gibt es für mich nicht auf der Landkarte.“

Ganz nüchtern und in der Retrospektive betrachtet war das Scheitern vor drei Dekaden deshalb so bitter, weil sich der Fußball seinerzeit veränderte, die Eintracht wäre direkt dabei gewesen, als die Champions League eingeführt wurde, 1992/93, ein Millionenregen und noch mehr Renommee wären ihr sicher gewesen. Nährboden für eine prosperierende Zukunft. So aber stieg sie nur vier Jahre später kläglich ab, erstmals, ausgerechnet nachdem das berüchtigte Bosman-Urteil die Branche auf den Kopf stellte. Falsch abgebogen.

Mit reichlich Verspätung, nach 30 Jahren, vier Abstiegen (1996, 2001, 2004, 2011), einem Beinahe-Lizenzentzug (2002) und einem Relegationsspiel (2016), ist das hessische Aushängeschild der Balltreterei nun also dort angelangt, wo es einst schon mit eineinhalb Beinen stand: in der Liga der Champions, der Königsklasse. Mehr geht nicht im Klubfußball.

Zufall ist das nicht, es hatte sich angebahnt. Die Entwicklung seit dem Fast-Abstieg vor sechs Jahren ist atemberaubend: fünf Halbfinalteilnahmen, drei internationale Spielzeiten, zwei große Titel. Und: Schon 2021 hätte die Eintracht sich qualifizieren müssen für die royale Kaste, doch interne Querelen (Hütter/Bobic) ließen einen Sieben-Punkte-Vorsprung abschmelzen. So musste es schon der Europa-League-Triumph in diesem Jahr sein, der für die erstmalige Aufnahme in den elitären Zirkel sorgte. Für die Eintracht schließt sich ein Kreis, endlich – nach drei Jahrzehnten.

Am Mittwochabend (18.45 Uhr/Dazn) betritt sie im ersten Champions-League-Gruppenspiel gegen Sporting Lissabon die hell ausgeleuchtete Bühne, mit allerlei Brimborium und Pipapo. Dann wird auch die Sehnsucht vieler Menschen gestillt sein. „Mein persönlicher Traum ist es, irgendwann mal bei uns im Stadion die Champions-League-Hymne zu hören“, sagte Aufsichtsratschef Philip Holzer schon vor einiger Zeit. Lange muss er sich nicht mehr gedulden. „Wir werden“, kündigt Mittelfeldmotor Djibril Sow an, „Eintracht Frankfurt mit Stolz und Würde vertreten.“ So wie man es kennt von den Euro-Fightern der Neuzeit.

Nun fühlt sich die Gruppe mit Tottenham, Olympique Marseille und Sporting eher wie Europa League an, aber, hey, wen stört das wirklich, zumal diese Konstellation der Eintracht tatsächlich die Chance lässt, auch im neuen Jahr noch im erlauchten Kreis dabei zu sein – oder im schlechteren Fall in ihren Lieblingswettbewerb „abzusteigen“. Da wäre sie dann ja auch gleichzeitig Titelverteidigerin. Am 18. Mai dieses Jahres haben die Hessen in Sevilla Historisches geschafft, nun schlagen sie ein neues Kapitel ihrer Geschichte auf. Vorhang auf.

„Es ist die Belohnung für eine außergewöhnliche Saison“, befindet Trainer Oliver Glasner. „Das jetzt ist die Steigerung, wir wollen zeigen, dass wir zu Recht in der Champions League stehen.“ Im Waldstadion ist es bereits angerichtet, die Königsklasse ist allgegenwärtig, das bekannte Emblem allüberall, das Spiel steht unter dem Motto „Frankfurter Sternstunden“.

Und die Spieler sind schon ganz hibbelig. „Hier bei uns das Champions-League-Logo zu sehen – das ist ein Gänsehautmoment, etwas Einmaliges“, kommentiert Djibril Sow, der schon einmal, mit Young Boys Bern, im höchsten europäischen Klubwettbewerb angetreten ist. „Damals aber ohne Erwartungen“, wie er sagt. Das ist jetzt anders. Die Eintracht will nicht nur mitspielen, dabei sein ist für sie nicht alles. Das hat sie in der abgelaufenen Europa-League-Runde unter Beweis gestellt. „Wir wollen unseren Fußball vorführen, damit haben wir uns in Europa viel Respekt erarbeitet“, sagt der Schweizer.

Coach Glasner wird seine Mannschaft kaum verändern, Kapitän Sebastian Rode fällt für die kommenden beiden Begegnungen sicher aus, für ihn wird Zugang Eric Dina Ebimbe auflaufen. Ansonsten sind keine Änderungen zu erwarten. „Alle Spieler brennen“, sagt der Österreicher, der Sporting für eine harte Nuss hält, spielerisch ansprechend, aber auch aggressiv und widerstandsfähig. „Die Intensität in ihrem Spiel hat mich überrascht“, sagt Glasner, der daher auch mahnt: „Bei aller Euphorie: Wir sollten uns nicht auf den Text der Hymne konzentrieren, sondern auf unsere Leistung.“ Die müsse, klar, am oberen Limit sein.

Auf die Eintracht wartet ein wahres Mammutprogramm, 17 Spiele in gut zwei Monaten, alle vier Tage ein Wettkampf. Glasner sorgt sich da weniger um die körperliche Konstitution seiner Spieler, eher um die psychische Belastbarkeit. „Das sind alles Vollmaschinen, aber das Mentale ist die Herausforderung.“ Zur Verdeutlichung: Am Mittwoch wartet ein absolutes Glanzlicht, „ein emotionaler Ausreißer“, aber schon drei Tage später komme der VfL Wolfsburg nach Frankfurt: „Die sind schlecht gestartet und werden uns mit dem Messer zwischen den Zähnen begegnen.“ Darauf müsse man vorbereitet sein, „die geistige Frische ist die größte Herausforderung.“ In der Vorsaison war die Eintracht nicht in der Lage, diesen Switch zu schaffen, Platz elf in der Liga ist der Beleg.

Und nun? Djibril Sow sieht Großes heranwachsen. „Ich habe das Gefühl, dass die Grenzen nach oben für diese Mannschaft noch nicht bestimmt sind.“ Die Spiele mögen beginnen.

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