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Oliver Glasner: „Der Sport wird in meinen Augen missbraucht“

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Von: Ingo Durstewitz

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Der Ex-Profi hat am Ball immer noch einiges drauf: Eintracht-Trainer Oliver Glasner.
Der Ex-Profi hat am Ball immer noch einiges drauf: Eintracht-Trainer Oliver Glasner. © Gerhard Schultheiß/Jan Huebner

Oliver Glasner, Trainer von Eintracht Frankfurt, weist die Kritik am kommenden Trainingslager im Emirat Dubai entschieden zurück.

Aus gegebenem Anlass, Weihnachten nämlich, wird sich Oliver Glasner ein bisschen Zeit nehmen, vielleicht einen guten Roten öffnen, sich auf die Couch lümmeln und in dem brandneuen Eintracht-Fotoband blättern. „In diesem Jahr“, nennt sich das opulente Werk, das den Frankfurter Europa-League-Triumph in überwältigenden, eindrücklichen Bildern zusammenfasst. Glasner, klar, hat als Trainer entscheidenden Anteil an diesem Meilenstein der Geschichte, und weil diese Nacht in Sevilla eine solch prägendes, ja wunderschönes Erlebnis war, hat er sich fest vorgenommen, „das alles noch einmal Revue passieren zu lassen“.

Im Alltag ist das schwer, man ist im Hamsterrad, hetzt von Spiel zu Spiel, gerade die Eintracht durch die Champions-League-Teilnahme. „Ich denke, man hat zu wenig Zeit, um es auch mal auszukosten“, bekundet der Coach. Die besinnlichen Feiertage will er daher zu einer gedanklichen Rückreise in den Mai nutzen. „Das, was wir da geschafft haben, kann uns keiner mehr nehmen“, sagt der 48-Jährige. „Die Erinnerungen werden für immer bleiben, alles andere ist vergänglich.“

Mit dem Testspiel am Freitag (20 Uhr) bei Atalanta Bergamo wird für den Europapokalsieger ein bemerkenswertes und höchst erfolgreiches Jahr zu Ende gehen, zwölf Monate, die gefühlt für ein ganzes Leben reichen. Daher ist der Österreicher gefragt worden, was er sich denn so wünsche für 2023. Glasners Antwort, ganz typisch: „Ich wünsche mir, dass die Spieler so mitziehen, wie sie es die ganze Zeit gemacht haben. Dann sind wir gut gerüstet.“

SMS an Djibril Sow

Die Eintracht hat ein bisschen was vor im neuen Jahr. Im DFB-Pokal trifft sie auf Darmstadt 98, in der Königsklasse auf den SSC Neapel, beide Opponenten will sie, logisch, nach Möglichkeit eliminieren. In der Bundesliga wollen die Hessen überdies Rang vier verteidigen, der Champions-League-Startplatz soll nicht mehr hergegeben werden. Genau deshalb will der Klub im Winter keinen Spieler abgeben. Auch nicht Djibril Sow, der umgarnt ist, nicht nur von Vereinen aus England. Der Schweizer Nationalspieler hat Begehrlichkeiten geweckt. Überraschend wäre es nicht, wenn der 25-Jährige den Verein verlassen würde – aber erst im Sommer. Es wäre die letzte Chance für die Eintracht, Geld mit ihm zu verdienen. Sows Vertrag läuft 2024 aus, und im Regelfall will es die Sportliche Leitung vermeiden, Spieler ablösefrei zu verlieren. Die Schmerzgrenze der Frankfurter soll bei 30 Millionen Euro liegen. Zukunftsmusik.

Glasner hat seinem Spieler nach der 1:6-Klatsche der Schweizer gegen Portugal im WM-Achtelfinale, die das Ausscheiden bedeutet, eine Nachricht geschrieben. „Gratulation zu einem außergewöhnlichen Jahr.“ Nicht nur mit der Eintracht, auch mit dem Auswahlteam: „Er ist ein fester Bestandteil der Nationalmannschaft, stand immer in der Startelf.“ Sows Antwort? „Er hat mir geschrieben: ,Ich freue mich aufs neue Jahr, dann werden wir die nächsten Erfolge mit der Eintracht feiern.’“ Glasner hat sich gefreut. Von wegen Abgang im Winter.

Am 3. Januar wird der Fußballlehrer seine Mannen wieder um sich versammeln, mit Ausnahme von Daichi Kamada. Der japanische Nationalspieler darf direkt von seinem Heimatland aus einen Tag später nach Dubai fliegen. Im Emirat bezieht die Eintracht für zehn Tage ihr Trainingsquartier zur Vorbereitung auf die zweite Saisonhälfte. Ein Trip, der gerade in diesen Zeiten heikel und politisch gesehen fragwürdig ist. Glasner sieht das komplett anders, verteidigt die Reise entschieden. „Es fliegen eine Millionen Deutsche nach Dubai in den Urlaub. Daher kann ich diese Diskussion gar nicht nachvollziehen“, sagt er. „Ich finde, dass das nicht unser Thema ist und auch nicht die Aufgabe des Sports. In meinen Augen wird der Sport da missbraucht. Wir sind nicht in der Position, uns rechtfertigen zu müssen.“ Glasner verweist auf Missstände in vielen anderen Ländern, „wo fangen wir da an, wo hören wir auf?“ Medienchef Jan Martin Strasheim weist in diesem Zusammenhang explizit auf die Städtepartnerschaft Frankfurts mit Dubai hin, die seit 2005 besteht. Der Trip in die Wüste wird auch nicht, etwa durch die DFL, bezuschusst und dient also keinen Promozwecken, sondern nur dem Training. „In puncto Wettersicherheit, Platzqualität und Infrastruktur finden wir dort optimale Bedingungen vor“, sagt der Coach. Bei aller Kritik, zur Wahrheit gehört tatsächlich: Die Eintracht schlug ihr Lager bereits fünfmal (2013 - 2017) im benachbarten Abu Dhabi auf. Der Aufschrei der Empörung blieb damals aus. Andere Zeiten. (Ingo Durstewitz)

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