Vielleicht doch mal wieder in Europa vorbeischauen? Slobodan Medojevic hätte nichts dagegen.
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Vielleicht doch mal wieder in Europa vorbeischauen? Slobodan Medojevic hätte nichts dagegen.

Interview Slobodan Medojevic

„Mich schreckt nichts mehr“

  • Thomas Kilchenstein
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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Eintracht-Mittelfeldspieler Slobodan Medojevic über Verantwortung, die Nationalelf - und Felix Magath.

Slobodan Medojevic, 23, hat 31 Bundesligapartien absolviert, 28 davon für den VfL Wolfsburg, dem er sich im Januar 2012 anschloss. Seit rund einem Monat spielt der defensive Mittelfeldmann für die Eintracht, er hat einen Dreijahresvertrag unterschrieben. Medojevic, ein kluger Kopf, hat zu Beginn seiner Zeit in Deutschland die fremde Sprache gepaukt: „Zwei- bis dreimal pro Woche – anderthalb Stunden. Ich habe außerdem immer probiert, in der Kabine Deutsch zu reden, obwohl ich Englisch fast perfekt kann.“ Es hat sich gelohnt: Sein Deutsch ist ganz hervorragend.

Herr Medojevic, wir haben uns mal nach Ihrem Spitznamen „Medo“ erkundigt: Das bedeutet ja Bärchen. Das hat uns doch irgendwie verwundert.
(lacht). Das ist mein Spitzname, seit ich ein kleiner Junge bin. Ich bin fast wie ein Bärchen – wenn ich nach dem Training zu Hause auf der Couch liege und einen Film gucke.

Aber das muss sich für Sie doch lustig anhören, wenn die Kollegen auf dem Platz Bärchen rufen.
Ach was, das kenne ich gar nicht mehr anders. Seit ich sechs Jahre alt bin, werde ich so gerufen.

Ihr Spitzname passt nicht so ganz zu Ihrer Spielweise, auf dem Feld bevorzugen Sie eher die rauere Gangart.
Ja, das kann man so sehen, auf dem Platz bin ich ein harter Spieler, der alles für seine Mannschaft gibt. Da kenne ich keine Freunde.

Sie sind in Frankfurt schnell angekommen, es hat den Anschein, als seien Sie schon ewig hier.
Ich fühle mich richtig wohl, die Jungs haben mich sofort akzeptiert. Ich bin in Deutschland seit fast drei Jahren, und in der Bundesliga ist es fast überall gleich, die Abläufe sind ähnlich. Das macht es einem leichter.

Wie war die Umstellung damals von der serbischen Liga auf die deutsche? Haben Sie das ruckzuck geschafft?
Ich bin ein Typ, der eigentlich etwas Zeit braucht. Die Umstellung, als ich damals von Vojvodina Novi Sad nach Wolfsburg kam, ja, die war schon groß. Die Bundesliga, das ist ein ganz anderes Niveau, ein ganz anderes Tempo, es war eigentlich alles anders. Aber die Unterschiede zwischen Wolfsburg und Frankfurt sind nicht groß – da gibt es kaum welche. Ich habe mir hier von Anfang an vorgenommen, mich ganz schnell einzugliedern und einzubringen, denn mir war klar, dass ich nicht viel Zeit bekomme. Ich denke, es hat ganz gut geklappt.

Wie ist so ein Leben als Fußballprofi, der erst in ein anderes Land kommt und dann in dem fremden Land in eine andere Stadt. Braucht man da eine Eingewöhnungszeit? Oder ist das normal?
Bei mir ist es so, dass ich mich in der Stadt wohlfühlen muss. Ich gehe gerne, wenn es die Zeit zulässt, mit der Freundin, der Familie oder Freunden mal einen Kaffee trinken oder so. In Frankfurt hier ist alles super, ich war ein paarmal in der Innenstadt – mir gefällt es richtig gut.

Im Vergleich zu Wolfsburg ist das aber auch nicht schwer.
Okay, Wolfsburg ist kleiner, da hat man nicht so viele Möglichkeiten. Hier passt es einfach.

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Wo wir schon mal bei Wolfsburg sind: Sie kamen Anfang 2012 aus Novi Sad zum VfL – und trafen ausgerechnet auf Felix Magath. Erzählen Sie doch mal.
Das war eine schwere Zeit. Ich war in Serbien bei Vojvodina schon mit 19 Kapitän der Ersten Mannschaft, ich war Kapitän der U21 Serbiens, ich war mit dem damaligen Nationaltrainer in Kontakt, ich hatte die Aussicht, Nationalspieler zu werden.

Und dann?
Ich habe mich gleich am großen Zeh verletzt und musste einen Monat pausieren – und dann war es schwer, zurückzukommen.

Weshalb?
Das Training war speziell, es war zu hart für mich. Es war eine schwere Zeit. Ich habe mir damals aber gesagt, es ist besser, dass so etwas passiert, wenn du 19 oder 20 Jahre alt bis, als wenn du 27 bist. Ich habe mir geschworen, dass ich einfach weitermache und immer 100 Prozent gebe. Dann bekomme ich etwas zurück. So denke ich.

Haben Sie irgendwann gezweifelt und gedacht: Oh, Mann, warum habe ich mir das angetan?
Ich bin kein Typ, der zurückblickt. Ich habe damals nicht gewusst, ob es eine richtige oder falsche Entscheidung war, ich habe mich damit nicht beschäftigt. Ich habe mir nur gesagt: „Jetzt bist du hier, jetzt machst du das Beste daraus.“ Ich habe nie aufgegeben.

Felix Magath kommt nicht nur auf die harte Tour, er erzeugt auch ein Klima der Angst. Haben Sie das erlebt?
Ach, wissen Sie, ich möchte gar nicht mehr so viel darüber sprechen. Nur so viel: Es war eine neue Situation für mich.

Sie waren viele Spieler in Wolfsburg. 28, 29, 30?
Fast 30 Spieler in jedem Training. Keiner wusste, ob er spielt, auf der Bank oder auf der Tribüne sitzt. Das hat sich jede Woche geändert. Das war für die ganze Mannschaft schwer, für mich natürlich auch. Ich war ja neu in einem fremden Land.

Hatte die Zeit ihre guten Seiten?
Auf alle Fälle. Man kann diese Zeit mit nichts anderem vergleichen. Ich denke, bis ich meine Karriere beende, werde ich so etwas nicht mehr erleben. Mich kann nichts mehr schrecken oder erschüttern. Ich werde nie mehr sagen: „Oh, das war aber ein superhartes Training.“ Oder: „Das ist aber ein harter Trainer.“ Nein, das habe ich hinter mir (lacht).

Sie haben ja auch schon unter Dragoslav Stepanovic trainiert.
Ja, das stimmt. Ich war 18 Jahre alt, er hat mir trotzdem sofort die Chance gegeben, Stammspieler zu werden. Er war nur drei Monate da, aber es hat richtig viel Spaß gemacht. Stepi ist ein super Typ, positiv verrückt. Über ihn kann ich nur positiv sprechen. Er hat immer super Stimmung in die Mannschaft gebracht. Ich habe mich neulich mit ihm unterhalten, als wir mit Wolfsburg hier gespielt haben. Das hat mich echt gefreut. Stepi ist klasse.

Sie waren 16, als Sie in Novi Sad in der Ersten Mannschaft debütierten?
Korrekt. Ich war früh dran, ich habe schon mit 13, 14 gemerkt, dass da was gehen könnte in Richtung Profifußball.
Obwohl Ihre Eltern darauf bestanden, dass Sie die Schule beenden.
Ich habe das Gymnasium beendet. Das war auch mir wichtig.

Sie waren immer Kapitän. Sind Sie ein Leadertyp?
Ich war wirklich immer Kapitän. In der Jugend, bei den Profis, in den U-Nationalteams. Ich bin ein Typ, der Verantwortung übernehmen will. Ich mache das gerne. Wenn du Verantwortung übernimmst, kannst du zeigen, was du kannst. Nur nebenherlaufen, nein, das ist nichts für mich.

Weshalb hat es mit der Nationalmannschaft nicht geklappt?
Tja, das war komisch. Ich war, nachdem Dieter Hecking kam, fast die ganze Zeit Stammspieler in Wolfsburg – ich habe trotzdem keine Einladung bekommen. Ich war enttäuscht, weil ich der Überzeugung bin, dass ich es verdient gehabt hätte. Aber in Serbien laufen die Dinge anders. Da ist vieles speziell. Ich möchte darauf aber nicht näher eingehen.

Jetzt ist Dick Advocaat Nationaltrainer. Haben Sie da bessere Chancen?
Ich hoffe es sehr. Es ist mein großes Ziel.

War es für Sie ein Schritt zurück, von Wolfsburg nach Frankfurt zu gehen?
Nein. Es kann sogar ein Schritt nach vorne sein. Wir haben sehr viel Potenzial. Wir brauchen Zeit, uns zu finden, klar. Aber ich denke, wir können viel erreichen. Ich bin ein Typ, der immer gewinnen will. Egal, ob wir gegen Bayern München oder einen niederklassigen Gegner spielen. Und ich habe gespürt, dass die ganze Mannschaft so eine Einstellung hat.

Viel erreichen, was meinen Sie damit?
Es ist noch zu früh, über Ziele zu sprechen, aber ich denke, wenn es weiterhin so positiv läuft, können wir unter den ersten Acht landen. Und wenn wir die Chance bekommen, einen internationalen Startplatz zu erreichen, dann sollten wir da sein und angreifen.

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

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