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Eintracht Frankfurt: Kleinmachen ist nicht mehr

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Von: Ingo Durstewitz

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Eintracht Frankfurt saugt Selbstvertrauen aus der Nullnummer gegen Tottenham Hotspur und will im Rückspiel am kommenden Mittwoch den Grundstein fürs Achtelfinale legen.

Frankfurt – Die Worte des Frankfurter Torstehers Kevin Trapp waren gewiss nicht despektierlich gemeint und auch nicht provozierend, sie kamen einer perfekten Zustandsbeschreibung gleich, hörten sich aber irgendwie doch merkwürdig an. „Ich glaube“, sagte der 32-Jährige nach der Nullnummer im dritten Champions-League-Spiel der Eintracht-Geschichte gegen Tottenham Hotspur, „dass ich keinen einzigen Ball halten musste.“

Gegen den Topfavoriten der Gruppe D wohlgemerkt, den englischen Spitzenklub aus dem Norden Londons, der in seinen Reihen den „Weltklassestürmer Harry Kane“ (Eintracht-Trainer Oliver Glasner) und den besten Torschützen der Premier League aus der Vorsaison, Heung-Min Son, vereint hat. Und dann als Schlussmann quasi beschäftigungslos – das ist nicht so schlecht für einen Königsklassenfrischling, das verdeutlicht, dass Eintracht Frankfurt mithalten kann in der royalen Kaste. Nicht unterschlagen werden sollte dennoch: Gefährlich waren sie immer, die Spurs, ein, zwei Treffer hätten sie erzielen können, wenn sie eben besser gezielt hätten, weshalb es dem Frankfurter Keeper auch „nicht langweilig“ war. Wäre ja noch schöner.

Fand vor allem am Offensivspiel noch ein bisschen Anlass zu Kritik: Eintracht-Trainer Oliver Glasner.
Fand vor allem am Offensivspiel noch ein bisschen Anlass zu Kritik: Eintracht-Trainer Oliver Glasner. © Laci Perenyi/Imago

Eintracht Frankfurt hatte Chancen auf den Sieg

Auch die Eintracht hätte den ersten Sieg im zweiten Königsklassenheimspiel für sich verbuchen können, im zweiten Abschnitt war sie aktiver, gefährlicher, Ansgar Knauff und Jesper Lindström versiebten aussichtsreich, U-21-Nationalspieler Knauff hatte sicher die größte Chance des Spiels, scheiterte aber am französischen Nationalkeeper Hugo Lloris. Kann passieren. Und so endete diese Partie im Waldstadion vor natürlich ausverkauftem Hause leistungsgerecht torlos, was sich erst einmal ziemlich fad anhört, aber gar nicht so fad war. „Es war ein 0:0 auf hohem Niveau“, fand Kevin Trapp.

Es war fürwahr ein rassiges Spiel auf hohem taktischen und physischen Niveau. Die Engländer brachten forsche 120 Kilometer auf den Platz, die Eintracht nur drei Tage nach dem aufwendig erspielten Erfolg gegen Tabellenführer Union Berlin sogar noch drei Kilometer mehr. „Gratulation an die Spieler“, sagte Coach Glasner zur Willensleistung. „Das hat viele Körner gekostet.“

Für Eintracht Frankfurt ist in spannender Gruppe noch „alles möglich“

In Staffel D ist nun alles drin, mit vier Punkten liegt die Eintracht punktgleich mit Tottenham auf Rang drei, trotz der 1:4-Abreibung bei Olympique Marseille führt Sporting Lissabon das Klassement weiter an. „Es ist brutal eng, brutal spannend“, sagt Kapitän Sebastian Rode. So wertet es auch Glasner: „Es ist eine ausgeglichene Gruppe, jedes Spiel stand auf des Messer Schneide. Wir hätten jedes gewinnen, aber auch verlieren können. Alles ist möglich.“

Schon am Mittwoch kommt es auf der Insel zum Rückspiel, „richtungsweisend“, sagt Kapitän Sebastian Rode und gibt dem Duell den Charakter eines K.o.-Spiels – „und da waren wir immer sehr gut“. Der fast 32-Jährige vergleicht die Konstellation mit dem Europa-League-Achtelfinale 2019 gegen Inter Mailand, „da sind wir auch mit einem 0:0 nach Italien geflogen“ – Luka Jovic schoss die Eintracht dann im ehrwürdigen San Siro in die nächste Runde. So weit wäre die Eintracht dieses Mal nicht, selbst wenn sie in London gewinnen sollte, was angesichts der Klasse des Kontrahenten schon schwierig genug ist.

Eintracht Frankfurt ist „jetzt voll drin“

Das Spiel gegen Tottenham hat klar gezeigt: Um auf diesem Level konkurrenzfähig zu sein, müssen die Frankfurter an ihr Limit gehen, alles raushauen, was sie im Tank haben, aber auch diszipliniert und mutig sein. Das haben sie in Marseille und nun auch gegen die Spurs geschafft. „Das ist Fußball auf höchstem Level, Tottenham ist ein Kaliber wie Bayern oder Dortmund“, analysiert Leitwolf Rode. „Da entscheiden Kleinigkeiten.“ Die Eintracht hat sich angepasst an das Niveau. „Wir sind jetzt voll drin, wir sind voll da.“ Das Achtelfinale lockt.

Das Team von Eintracht Frankfurt konnte sich steigern

Die Stoßrichtung stimmt, „wir haben einen sehr guten Weg eingeschlagen“, betont Keeper Trapp. „Wir haben uns entwickelt, spielen mit viel Selbstvertrauen, es ist eine Selbstverständlichkeit in unserem Spiel.“ Wohin die Reise letztlich gehe, ist auch jetzt nicht absehbar, der Torwart erinnert nicht zu Unrecht daran, dass nach der Niederlage gegen Wolfsburg „schon von Krise“ die Rede war. Das liegt gerade mal drei Wochen zurück. Seitdem ist die Mannschaft weitergekommen, hat sich signifikant gesteigert. „Es wird aber auch mal wieder Dellen geben“, mahnt die Führungskraft im Kasten. „Aber wenn wir mutig sind und uns nicht kleinmachen, haben wir auch gegen große Mannschaften gute Chancen.“

Fußballlehrer Glasner sieht Verbesserungspotenzial, gerade in der Offensive. „Da haben wir nicht unser bestes Spiel gemacht“, urteilte der 48-Jährige, ohne das als Kritik an den Angreifern werten zu wollen. „Wir waren aber von der Verteidigungsintensität überrascht.“ Gerade Mittelstürmer Randal Kolo Muani. In der Champions League, führt der Trainer aus, werde zudem noch schneller gespielt. „Es gibt selten mehr als zwei Kontakte, man hat kaum Zeit, daran müssen sich die Jungs gewöhnen.“ Das sei aber ein normaler Lernprozess.

Bevor es zum „geilen Spiel“ (Rode) nach London geht, steht aber die Pflicht gegen den Bundesligaletzten aus Bochum an. „Auf Samstag liegt jetzt klar unser Fokus“, betont Glasner, der sicher auf Randal Kolo Muani (Sperre) verzichten muss, vielleicht aber wieder auf Mario Götze bauen kann. Der Österreicher überlegt, im Westen der Republik den einen oder anderen zu schonen und „frische Spieler“ zu bringen. Das birgt die Gefahr eines Leistungsabfalls, für die Reservisten wie Lucas Alario aber auch die Gelegenheit, sich zu bewähren. Sollten sie als Chance begreifen. (Ingo Durstewitz)

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