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Ein Bild aus glücklichen Tagen: Eintracht-Fans schenken den Profis eine nette Erinnerung an die Europa League.

Zwischenbilanz

Mehr als nur ein Farbtupfer

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Eintracht Frankfurt blickt voller Stolz auf eine außergewöhnliche Hinrunde zurück. Kurze Winterferien sind ein Problem.

Nach dem letzten Pfiff in diesem Kalenderjahr hat Adi Hütter seine Crew in Fußballschuhen noch schnell in der Kabine versammelt, auch Physiotherapeuten, Fitnesstrainer, den übrigen Staff und die Sportliche Leitung. Der Eintracht-Coach hat sich im Heiligtum für das letzte halbe Jahr bedankt, „für begeisternde Spiele, für eine tolle Runde“, an seine Mannschaft gewandt befand er: „Danke für das Engagement und die Einstellung: Das war eine unheimlich tolle Hinrunde.“ Das gerechte, aber etwas zu hoch ausgefallene 0:3 gegen den Titelträger aus München konnte das rundweg positive Fazit nicht trüben. 

27 Punkte in der Bundesliga, eine fabelhafte Maximalausbeute in der Europa League (sechs Siege in sechs Partien), noch dazu in einer Hammergruppe mit dem Vorjahresfinalisten Olympique Marseille und dem Champions-League-Aspiranten Lazio Rom – die Eintracht hat sich rausgeputzt, sie kann sich sehen lassen, hat ihr Profi geschärft und grenzübergreifend für Furore gesorgt; sie steht für etwas, für ungezügelten, wuchtigen Offensivfußball. Die Frankfurter haben in der deutschen Premiumklasse 34 Treffer und auf internationalem Boden 17 Tore erzielt, sie haben sich der Offensive verschrieben. Das kommt gut an, gerade an einem Standort wie Frankfurt.

Probleme mit Verletzten

Dass den Hessen am Ende ein wenig die Puste ausging und sie quasi mit dem letzten Tropfen im Tank über die Ziellinie tuckerten, liegt in der Natur der Sache und ist bei diesen Belastungen nachvollziehbar. Die Müdigkeit und die sich erhöhende Zahl der Verletzten sind auch der Grund, weshalb sie nicht mehr so zwingend waren und „weniger Tore erzielt haben“, wie Hütter vorrechnete. Nur fünf in den letzten fünf Bundesligapartien. Das hat der Coach registriert, aber er kann es, siehe oben, erklären, weshalb es ihm erst einmal keine größeren Sorgen bereitet. Wichtig sei, dass die Mannschaft weiterhin „mutig“ bleibe, und es sei ebenfalls von Bedeutung, die Tormöglichkeiten in Zählbares umzumünzen. „Für den Aufwand brauchst du auch Ertrag, dann fällt vieles leichter.“  

Hütter hat in Frankfurt in seinem ersten halben Jahr sehr wohl Spuren hinterlassen, tiefe Spuren. „Ich habe gezeigt, dass ich in der Bundesliga arbeiten kann“, bekundete der Österreicher selbstbewusst, aber völlig zu Recht. Dabei war sein Start in Frankfurt äußerst schwierig, im Supercup setzte es ein 0:5 gegen die Bayern, in der ersten Runde des DFB-Pokals blamierte sich der Titelverteidiger beim 1:2 in Ulm bis auf die Knochen. „Krise schon vor dem Bundesligastart“, titelte die FR. Trainer Hütter wurde auf der Abschussliste der Wettanbieter nach ganz oben gesetzt, die Fußstapfen von Niko Kovac schienen mächtig groß, zumal für einen Bundesliganovizen aus Österreich. Und dann verlief ja auch der Start in die Bundesliga sehr holprig, nach fünf Spieltagen hatte die Eintracht vier Pünktchen gesammelt und war auf Rang 15 abgerutscht. Es schien unruhig und unangenehm zu werden. „Es hätte auch nach sieben Spielen vorbei sein können. Das ist mir klar, das gehört zum Geschäft“, sagte Hütter unlängst im großen FR-Interview. Umso höher ist diese Aufholjagd und der Aufschwung zu bewerten. „Wir haben uns von einem Abstiegskandidaten zu einem ernsthaften Kandidaten fürs internationale Geschäft entwickelt“, urteilte Hütter. „Wir haben uns aus dem Sumpf nach oben gearbeitet, das hat mich beeindruckt.“ Die Eintracht hat zwischenzeitlich einige Bestmarken pulverisiert, in der Gruppenphase der Europa League so gut abgeschnitten wie keine deutsche Mannschaft je zuvor, sie hat ein furioses Sturmtrio, das gefürchtet und gejagt wird, und sie hat in einem Spiel so viele Tore geschossen wie seit fast 40 Jahren nicht mehr, 7:1 gegen Fortuna Düsseldorf – inklusive Fünferpack von Luka Jovic, das hatte noch kein Fußballer mit dem Adler auf der Brust geschafft, kein Hölzenbein, kein Grabowski,  kein Yeboah. Diese neue Eintracht macht Spaß, sie ist mehr als nur ein Farbtupfer, hat ihren eigenen Stil und ihre eigene Identität. „Das Bild kann sich sehen lassen“, sagt Hütter.

Die Frage wird natürlich sein, ob sie ihr Level im neuen Jahr wird halten können. In den vergangenen zwei Jahren, man erinnert sich in Frankfurt dunkel, ist das Team in der Rückserie jeweils eingebrochen. Und nun? Trainer Hütter hat unlängst schon mal gesagt, dass er diese Gefahr eigentlich nicht sehe, weil die von ihm angeleiteten Mannschaften in der zweiten Saisonhälfte tendenziell eher besser geworden sind. Am Samstagabend lachte er, als er darauf angesprochen wurde. „Habe ich das wirklich gesagt?“ 

Grundsätzlich hat der 48-Jährige noch immer keine Bedenken, doch die kurzen Ferien bereiten ihm ein wenig Kopfzerbrechen, zwischen dem letzten Spiel gegen die Bayern und dem Trainingsstart am 3. Januar liegen nur elf Tage. Eine solch kurze Spanne hat der Vorarlberger während seiner Profizeit noch nicht erlebt. „Ich bin gespannt darauf, wie mir das gelingen wird“, sagte er. Illusionen gibt er sich keinen hin. „Die Mannschaft, technisch-taktisch auf ein neues Niveau zu bringen, das wird schwer.“ Es gehe eher darum, „unser Niveau zu halten“, denn klar sei: „Viel aufbauen kann man nicht.“

Im Eintracht-Zirkel wären sie schon froh, wenn ein erneuter Einbruch verhindert werden könnte, mit einer ähnlichen Punktzahl wie in der Hinserie hätten die Frankfurter sehr gute Chancen, sich wieder für den internationalen Wettbewerb zu qualifizieren. Das würden sie gerne schaffen, die Hessen, weil es sie strukturell und finanziell voranbringen und auch den Spielern bessere Perspektiven bieten würde. Hütter gibt ein klares Ziel für 2019 aus: „Die Art und Weise, wie wir bisher gespielt haben, gefällt mir. Ich wünsche mir, dass wir das so beibehalten.“ 

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