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Eintracht-Trainer Oliver Glasner - der Leuchtturm

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Von: Thomas Kilchenstein

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Trainer Oliver Glasner hat Eintracht Frankfurt zu einem Spitzenteam entwickelt – und sich selbst zu einem der spannendsten Trainertypen Europas.

Frankfurt – Nach dem Husarenritt von Lissabon ist der Frankfurter Trainer gebeten worden, dieses ganz spezielle Jahr auf Europas Bühnen Revue passieren zu lassen, seit dem ersten K.o.-Spiel gegen Betis Sevilla im Frühjahr, über das Europa-League-Finale gegen Glasgow Rangers bis hin zum Erreichen des Achtelfinales in der Champions League. Das seien doch sicher die schönsten neun Monate seiner Karriere gewesen, wenn nicht seines Lebens. Oliver Glasner hat kurz gezuckt, die schönsten neun Monaten seien die gewesen, als seine Frau Bettina schwanger war und die Kinder auf die Welt gekommen waren. Diese Antwort war, sagen die, die den 48 Jahre alten Österreicher besser kennen, typisch für Glasner: Er weiß, was wirklich wichtig ist, selbst in diesen ganz besonderen Momenten.

Das heißt ja noch lange nicht, dass er die anderen Dinge auf die leichte Schulter nehmen würde. Keinesfalls. Glasner nennt sich selbst einen von Erfolg Getriebenen, einen Besessenen, ungeduldig bis zum Gehtnichtmehr. Er will immer besser werden, will seine Mannschaften auf ein höheres Level hieven. Er hat eine Idee, wie er Fußball spielen lassen will. Und die setzt er um. Torwart Kevin Trapp, einer der Leitwölfe, sagt, der Coach habe immer „einen klaren Plan“, wisse en detail, wie der Gegner zu bespielen sei.

Eintracht Frankfurt: Was für Glasner ganz wichtig war

Von seinem Weg lässt sich der Fußballlehrer, der vor elf Jahren nach einer lebensbedrohlichen Schädeloperation seine aktive Karriere beendet hatte, nicht abbringen. Dazu gibt es eine Geschichte: Beim VfL Wolfsburg, seiner ersten Trainerstation im Ausland, lief es in der Anfangszeit überhaupt nicht, im Gespräch mit Sportdirektor Jörg Schmadtke äußerte Glasner Zweifel, er fragte, ob er seine Herangehensweise ändern solle. Schmadtke riet ihm davon ab, „sonst schmeiß ich dich raus“. Bleibe standhaft, zieh dein Ding durch, habe ihm der Funktionär bedeutet. „Das war für mich ganz wichtig“, sagt Glasner.

Kein Zampano, aber ein Bessermacher: Eintracht-Trainer Oliver Glasner.
Kein Zampano, aber ein Bessermacher: Eintracht-Trainer Oliver Glasner. © dpa

Heute geht Oliver Glasner mit der Vorgabe in ein Spiel, es zu gewinnen, egal gegen wen es geht, egal ob zu Hause oder auswärts. Haltung solle seine Mannschaft zeigen, ihre Identität nicht verleugnen, „wichtig ist mir“, sagte er jetzt nach dem 2:1 gegen Sporting, „dass wir immer wir geblieben sind“. Es müsse klar sein, für was Eintracht Frankfurt stehe, halbgare Sachen, nicht Fisch, nicht Fleisch, mag Glasner nicht.

Glasner ist der Architekt dieses erstaunlichen Frankfurter Parforceritts durch Europa. Diese Mannschaft trägt seine Handschrift, jeder weiß, was zu tun ist. Er hat es geschafft, dass die Gruppe zusammenhält, sich gegenseitig unterstützt, Egoismen hintanstellt.

Eintracht Frankfurt-Trainer Glasner: Selbstkritik gehört dazu

Der Österreicher achtet sehr darauf, dass auch die weichen Faktoren stimmen, dass die Kabine ihm folgt. „Als Trainer bist du nichts, wenn du die Spieler nicht auf deiner Seite hast“, hat er mal gesagt. Da hilft es, wenn taktische Konzepte aufgehen, Umstellungen fruchten, etwa in Lissabon die Hereinnahme von Sebastian Rode und das Vorrücken von Daichi Kamada. „Es ist gut, wenn die Spieler merken, das Trainerteam erzählt keinen Unsinn“, sagte er mal. Schlau ist zudem, nach dieser Volte die Spieler zu loben, die die Vorgabe „unglaublich gut“ umgesetzt hätten. Seine enorm charakterstarke Mannschaft macht ihm das Arbeiten leicht, sie hat sein Ansehen gesteigert. Glasner gehört mittlerweile zu den spannendsten Trainertypen in Europa. Einst galt er als farblos, inzwischen, so titelte der „Spiegel“, habe er „das Leuchten gelernt“.

Gosens im Visier

Robin Gosens könnte in der Winterpause in die -Bundesliga wechseln. Laut „Kicker“ sollen Bayer Leverkusen, Borussia Mönchengladbach und Eintracht Frankfurt Interesse an dem Außenverteidiger von Inter Mailand haben. Bereits im Sommer hatte Leverkusen den 28-Jährigen im Blick, ein Wechsel scheiterte aber an den Forderungen von Inter, die 25 Millionen Euro an Atalanta Bergamo zahlten. Das könnte auch in Frankfurt - trotz des Überwinterns in der Champions League - zum Problem werden. Bedarf auf der linken Seite aber hätte die Eintracht definitiv. sid/FR

Andererseits dauerte es eine Weile, bis das Team ins Laufen kam. Der Bundesliga-Start war holprig, gegen Hertha, Köln, Wolfsburg, Bochum ließ man unnötigerweise Punkte, holte dagegen Siege gegen Leverkusen, Gladbach, Leipzig, Union Berlin. Die Leistungsschwankungen waren anfangs frappierend. Auch das hat sich auf hohem Niveau eingependelt, der Mann aus Riedau hat das Team zu einer verschworenen Einheit geformt.

Glasner ist ohne Zweifel standhaft, aber er ist nicht stur. Dass die Viererkette, dessen Verfechter er ist, nicht funktioniert, hat er spätestens nach der 0:3-Schlappe in Bochum schmerzhaft feststellen müssen. Dies Partie hatte er vercoacht, er hat dafür öffentlich Verantwortung übernommen. Er hat lange, vielleicht zu lange gezögert, Makoto Hasebe, den spielintelligentesten Profi, in die erste Elf zu nehmen. Aber er ist über seinen Schatten gesprungen. Er reflektiert sein Tun, ist selbstkritisch, lässt auch, wie nach der 0:1-Niederlage gegen Wolfsburg, seinen Frust ab („desaströs“, „Katastrophe“).

SGE-Coach Glasner: Nahbar und konfliktbereit

Dass die Mannschaft im Augenblick in aller Munde ist, als Spitzenteam gehandelt wird, trotz höchster physischer wie mentaler Belastung in jedem Spiel an Grenzen geht, überragend performt, kann sich der normal Gebliebene auf seine Fahne schreiben. Er findet Lösungen, zuweilen unerwartete: Er hat Kristijan Jakic auf die Libero-Position gestellt, und zuvor als rechter Verteidiger, er hat Eric Dina Ebimbe auf den rechten Flügel beordert, hat Jesper Lindström zu einem etablierten Stammspieler gemacht, und Daichi Kamada reifte unter ihm zu einem der besten Spieler der Bundesliga. Das alles ohne Filip Kostic, ohne den früher nichts lief.

Er hat den Kader hinter sich gebracht, selbst Rafael Borré, vor einem halben Jahr der Held von Sevilla und mittlerweile Reservist, hält er bei der Stange. Weil er auf Menschen zugeht, kommunikativ ist, solche Dinge spürt. Glasner weiß, wie Spieler zu behandeln, zu packen sind. Er ist nahbar, ohne Dünkel, offen, auch im Privatleben. Er fühlt sich wohl in Frankfurt, genießt den Kontakt mit den Menschen, sei es im Apfelweinlokal oder nach dem Triumph von Sevilla im Bierkönig von Mallorca. „Anderen Menschen Freude bereiten, das ist für mich eine der schönsten Sachen, die ich machen kann“, hat Oliver Glasner gesagt.

Aber der Mann kann auch anders, kann bestimmend sein: Als im Sommer über einen möglichen Verkauf von Kamada spekuliert wurde, hat der Coach ein Machtwort („Er bleibt“) gesprochen und den Konflikt mit Sportvorstand Markus Krösche ausgehalten.

Nun hat sich Oliver Glasner ein weiteres Ziel gesetzt: Er will Eintracht Frankfurt das Image der launischen Diva nehmen. Zuzutrauen ist es ihm. (Thomas Kilchenstein)

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