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Eintracht: Matchball vergeben, mal wieder

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Von: Thomas Kilchenstein, Ingo Durstewitz

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Zum Haareraufen: Jesper Lindström hätte der Mann des Spiels werden können. Wurde er aber nicht, mal wieder.
Zum Haareraufen: Jesper Lindström hätte der Mann des Spiels werden können. Wurde er aber nicht, mal wieder. © imago images/Jan Huebner

Eintracht Frankfurt kann eine Führung trotz vieler Chancen erneut nicht ausbauen und muss deshalb mit einem 1:1 beim FC Augsburg zufrieden sein.

Augsburg – Zwei Minuten waren noch regulär zu absolvieren in der eiskalten Augsburger Betonschüssel, als Jesper Lindström sich weigerte, zum Mann des Spiels zu werden, mal wieder. Der schnelle Däne, seit ein paar Wochen in bester Verfassung und ein offensiver Lichtblick, kennt sich ja bestens aus mit vergebenen Möglichkeiten. Streng genommen sind es ja nicht nur einfach Möglichkeiten, die er verbaselt, es sind Hochkaräter, Chancen wie auf dem Präsentierteller und von einer Güte, die man als Bundesligaangreifer mit Ambition verwerten muss.

In Augsburg also stand der dünne Mittelfeldspieler in der 88. Minute frei vor Torhüter Rafal Gikiewicz, Daichi Kamada, der umtriebige, feingliedrige Japaner, hatte ihn perfekt von links freigespielt, der Augsburger Verteidiger war ausgerutscht, Lindström hatte alle, aber wirkliche alle Optionen: Hoch ins Eck etwa, oder zwischen die Beine des Tormanns, flach neben den Pfosten, ein Lupfer - doch der 21-Jährige traf die einzig falsche Entscheidung, er bolzte den Torwart an. Vertan die prima Gelegenheit zum bestmöglichen Zeitpunkt, Eintracht Frankfurt zu drei sicherlich verdienten Punkten zu verhelfen.

Eintracht Frankfurt: Sieg in Augsburg wäre drin gewesen

Ein Sieg von Eintracht Frankfurt beim FC Augsburg wäre allemal drin gewesen, gerade im zweiten Abschnitt dominierten die Hessen doch deutlich. Sie hatten, nicht nur durch Jesper Lindström, die klar besseren Torchancen - und müssen trotzdem letzten Endes ihrem jungen Grünschnabel Diant Ramaj im Tor Dank sagen, wenigstens einen Punkt in Augsburg geholt zu haben. Denn in der Nachspielzeit parierte der Ersatzmann für den wegen einer Corona-Infektion fehlenden Kevin Trapp reaktionsschnell gegen den frei vor seinem Tor auftauchenden Florian Niederlechner (siehe auch Bericht Seite S 2). Ums Haar hätte Eintracht Frankfurt dieses Spiel sogar noch verloren.

Diese Augsburger Großchance war es dann auch, die den Frankfurter Trainer Oliver Glasner nach den 90 Minuten ein wenig ratlos zurückließ. „Ich kämpfe noch mit mir um die Einordnung dieses Unentschiedens“, sagte er unmittelbar nach Spielschluss, mit dem Punkt könne und werde man leben müssen. Allerdings ärgerte er sich gleich doppelt, einmal über den sehr legeren Umgang mit den eigenen Möglichkeiten, auch der fahrig wirkende Almamy Touré hatte beste Gelegenheiten (54. und 60.), Tore zu erzielen, zum anderen darüber, so ein Spiel nicht „auch mal zu Null nach Hause zu spielen“. Auch Kapitän Sebastian Rode, der fast 80 Minuten durchhielt und ein starkes Spiel ablieferte, war hin- und hergerissen, sein Fazit falle „zwiespältig“ aus, im zweiten Abschnitt sei man „schon etwas besser gewesen“, Augsburg aber immer gefährlich geblieben. Die Eintracht hatte 53 Prozent Ballbesitz, schoss 14-mal auf das gegnerische Tor. Nach nur einem Zähler aus den ersten beiden Rückrundenpartien ist der Kontakt zu den internationalen Plätzen allerdings nicht enger geworden. „Mit der Leistung können wir leben“, suchte und fand Coach Glasner mühsam dennoch das Positive.

Dass trotz des corona-bedingten Fehlens der beiden wichtigsten Frankfurter Spieler - neben Trapp konnte auch Filip Kostic nicht mitmachen - die Eintracht diese Begegnung für sich hätte entscheiden müssen, war weitgehend Konsens im Frankfurter Lager. Man hätte leicht das 2:0 erzielen können, „Deckel drauf“, wie Glasner sagte, und dann wäre die Partie vermutlich entschieden gewesen. Es war erneut Lindström, der nach 29 Minuten und einem sensationellen Pass von Djibril Sow und feinem Tempodribbling nur den Pfosten traf. Kurz zuvor hatte Kamada die Hessen artistisch in Führung gebracht, Lindström und Rafael Borré hatten die entscheidenden Vorarbeiten geleistet (22.). Einen Fehler des Augsburgers Niklas Dorsch hatten die Drei lehrbuchhaft konternd zum 1:0 genutzt.

Eintracht Frankfurt beim FC Augsburg: „Wild-Wild-West“

Ein wenig erinnerte dieser Spielverlauf bei den bayerischen Schwaben an die jüngste Heimpartie vor einer Woche gegen Borussia Dortmund (2:3). Auch da hatte es Eintracht Frankfurt verabsäumt, den Sack rechtzeitig zuzumachen, auch da war es vornehmlich Jesper Lindström, dem vor dem Tor die Nerven einen Streich spielten. Überspitzt formuliert hätte die Eintracht mit einem vor dem Tor abgezockteren Lindström fünf Punkte mehr auf dem Konto haben können. Andererseits hatte vor zehn Wochen kein Mensch in Frankfurt dem 21-Jährigen eine solche Leistungsexplosion zugetraut, nicht nur wegen seiner bislang vier Tore und drei Vorlagen. Jesper Lindström hat sich dank seiner Schnelligkeit gepaart mit feiner Technik zu einem echten Aktivposten bei der Eintracht gemausert. Er sowie Borré und Kamada sorgen inzwischen für die besonderen Momente bei den Hessen, als Vierter gesellt sich in der Offensive im Normalfall Kostic dazu, ein Quartett, das allemal für den Unterschied sorgen kann.

Bei aller spielerischen Überlegenheit bekamen die Frankfurter dieses Spiel doch nie gänzlich unter Kontrolle, allenfalls zeitweise. Viel zu häufig wurde es „Wild-Wild-West“, wie Timothy Chandler, der Kostic nie ersetzen konnte, hinterher sagte, zu selten hatten die Gäste die erforderliche Ruhe. Von dieser Unruhe, die durch viele Diskussionen, Nickligkeiten und enervierende Entscheidungen des Schiedsrichters Sven Jablonski in die Begegnung getragen wurden, ließen sich die Frankfurter anstecken, das „zu billig“ kassierte Ausgleichstor habe, so Glasner, Augsburg beflügelt. Michael Gregoritsch (38.) nutzte einen schweren Stellungsfehler von Ramaj zum listigen Schuss ins kurze Torwarteck und zum 1:1.

Einzelkritik

Eintracht Frankfurt: Kamada glänzt in Augsburg wenigstens kurz

Gerade in der starken Phase nach der Pause hatten es die Hessen nicht geschafft, den „Matchball“ zu platzieren, wie Glasner analysierte. Er meinte dabei die „vielen im Ansatz guten Situationen“, aber eben auch, dass diese vielversprechenden Konter nicht gut genug ausgespielt oder zu schlampig abgeschlossen wurden. Gerade auf der linken Seite, dort, wo normalerweise Kostic marschiert, war Raum vorhanden. Ihn hatte dieses Mal ein viel stärkerer Gegner ausgebremst.

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