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Martin Hinteregger: „Ich nehme das Geschäft ein bisschen lockerer. Das ist nicht immer gut, aber auch nicht immer schlecht.“

Martin Hinteregger

„Ich habe meinen eigenen Kopf“

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Eintracht-Neuzugang Martin Hinteregger über Schlagzeilen, die ihm nicht gehören sollten, uralte Handys und Identifikation mit dem Klub.

Herr Hinteregger, nehmen Sie uns doch bitte mal mit auf die Reise: Was ist denn in diesen turbulenten Tagen passiert, als Sie in Augsburg suspendiert wurden und keine 48 Stunden später in Frankfurt einen Vertrag bis Saisonende unterschrieben haben.
Ich hatte gar keine Zeit zum Nachdenken, das war das Gute. Das war in der Kürze der Zeit natürlich sehr extrem. Gut war, dass das Spiel gegen Dortmund direkt vor der Tür stand und wichtig war auch, dass ich Trainer Adi Hütter noch aus Salzburg kenne. Ich weiß, wie er gerne spielt und auf was er Wert legt.

Und dann stand direkt das Duell mit Tabellenführer Dortmund an. Keine leichte Aufgabe für einen Neuen, noch dazu als Linksfuß auf der rechten Seite.
Ich habe mich noch nie so extrem auf ein Spiel vorbereitet. Ich weiß nicht, wie viele Videos ich mir von den Dortmundern angeschaut habe und auch Videos, wie zum Beispiel David Abraham das Spiel aufbaut. Das waren heftige Tage. Im Spiel selbst hatte ich nicht so das Vertrauen in meinen rechten Fuß, deshalb habe ich mich mehr auf das Verteidigen konzentriert. Fußballerisch war es eher so lala. Aber in der zweiten Hälfte wurde es besser.

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Wie schnell ging der Wechsel über die Bühne?
Am Dienstagmittag hatte ich das Gespräch mit den Augsburger Verantwortlichen, danach wusste ich, dass ich suspendiert bin. Am Mittwochabend habe ich mich dann mit einem Wechsel beschäftigt, weil da die Anfrage der Eintracht kam.

Sie haben Adi Hütter angesprochen. Er sagte nach dem Sieg und Ihrer überragenden Leistung in Hannover, dass Sie eine eigenständige Persönlichkeit seien und er wisse, wie man Sie anpacken müsse. Wie muss man Martin Hinteregger anpacken?
Ich hatte 13 Trainer, ich denke, zwölf würden mich liebend gerne wieder holen. Ich hatte mit allen ein sehr gutes Verhältnis. Natürlich bin ich eigen und habe meinen eigenen Kopf, ich bin vielleicht nicht so in der Fußballerschiene drin, sondern habe meine eigenen Gedanken abseits des Fußballs.

Wie genau meinen Sie das?
Ich nehme das Geschäft ein bisschen lockerer. Das ist nicht immer gut, aber auch nicht immer schlecht. Eigentlich mag ich es nicht, Schlagzeilen über mich zu lesen, deshalb passt die Position Verteidiger auch zu mir. Die Stürmer sollen ruhig die Schlagzeilen bekommen.

Das mit den Schlagzeilen hat zum Schluss in Augsburg ja nicht so gut geklappt. Sie sind ja über ihr mittlerweile berühmtes Zitat – „Ich kann nicht Positives über den Trainer sagen, aber ich werde auch nichts Negatives sagen“ – gestolpert.
Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich mich dazu nicht mehr äußern möchte. Dazu ist alles gesagt worden.

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Sie haben mal gesagt, dass Profifußball mit Spaß wenig zu tun habe, dass der Druck groß sei.
Ich meinte einfach, dass Profifußball nicht der Fußball ist, wie man ihn als Kind erlebt hat. Das kommt einfach durch den extremen Druck und die Erwartungshaltung, die riesig ist. Man spielt halt nicht einfach drauflos wie in der Kindheit. Wenn Sie also raus ins Stadion gehen und 50.000 Fans da sind, ist das eher eine Belastung oder empfinden Sie Freude? Natürlich Freude, ich denke: Wow, das ist geil. Weil es das ist, was ich als Kind erleben wollte. Es ist extrem schön, dass ich hier spielen kann, gerade in der deutschen Bundesliga. Ich habe früher immer gesagt, dass es für mich das Größte wäre, in der österreichischen Bundesliga zu spielen. Da könnte ich, dachte ich so bei mir, direkt aufhören (lacht). Danach wurde ich noch österreichischer Nationalspieler. Da dachte ich wirklich: Jetzt hast du es gepackt. Ich hatte nie das Ziel, der beste Fußballer zu werden. Vielleicht habe ich mir die Ziele zu klein gesetzt. Andererseits war es schon eine Leistung, es in die österreichische Bundesliga geschafft zu haben, ich komme ja aus einem kleinen Ort. Jetzt habe ich mehr als 200 Spiele für RB Salzburg vorzuweisen und fast 100 Bundesligaspiele auf dem Buckel. Das ist schon etwas, was mich stolz macht und wofür ich dankbar bin. Ich habe jetzt auch nicht mehr so das Gefühl, mir etwas beweisen zu müssen.

Aber Druck ist ja trotzdem immer da, in Augsburg ging es gegen den Abstieg, in Frankfurt um die internationalen Plätze.
Klar. Ich sehe es aktuell so, dass ich dem Trainer und der Sportlichen Leitung um Fredi Bobic und Bruno Hübner etwas zurückgeben möchte. Ich möchte ihr Vertrauen mit Leistung zurückzahlen und ihnen zeigen, dass sie nicht falsch gelegen haben, mich zu holen. Das ist für mich extrem wichtig. Wenn sie mit mir zufrieden sind, dann bin ich es auch, dann weiß ich, dass ich gute Leistungen gebracht habe. 

Es gab eine Zeit, als Sie von Salzburg nach Gladbach gewechselt sind, da kamen Ihnen auch Selbstzweifel. Erzählen Sie mal.
Die österreichische Bundesliga ist mit der deutschen nicht zu vergleichen. Als ich nach Gladbach kam, das war im Januar 2016, war ich körperlich schlecht drauf, nicht in Form. Wir hatten keine Vorbereitungszeit, ich konnte das nicht aufholen, das war für mich zu viel.

Martin Hinteregger: „Man lernt mit jedem Tag.“

Hat Sie das mental belastet?
Damals schon, ja. Das war eine extrem schwierige Phase. Als ich dann im Sommer zurück nach Salzburg kam, da habe ich mir gedacht: Entweder du kurbelst deine Karriere noch mal an oder sie wird jetzt hier in Österreich bei einem kleineren Verein ausklingen. Ich habe es zum Glück noch mal geschafft. Ich konnte mich dann in Augsburg beweisen.

Und jetzt hat sich Ihre Laufbahn beschleunigt. Von einem Abstiegskandidaten haben Sie es quasi über Nacht zu einem Europa-League-Achtelfinalisten geschafft, der mit 13.500 Fans bald in San Siro aufschlagen wird, um Inter Mailand richtig auf den Zahn zu fühlen. Das muss man ja erst einmal verarbeiten.
Gerade am Anfang habe ich mir schon Gedanken gemacht und mich gefragt, ob es fair ist, dass ich jetzt in diesem Verein in der Europa League spielen darf. Das ist ja Wahnsinn. Und für meine ehemaligen Kollegen geht es um alles. Es tut mir weh, wenn sie verlieren. Aber es bringt nichts, sich mit diesen Gedanken zu befassen – mir nicht, der Eintracht nicht und Augsburg auch nicht. Deshalb versuche ich, das komplett alles auszublenden. Ich brauche meine ganze Kraft, um hier meine Leistung zu bringen.

Können Sie ausblenden, was im Sommer sein wird? Sie sind ja nur ausgeliehen, Augsburg wird, wie man hört, eine stattliche Ablösesumme verlangen, mehr als zehn Millionen Euro. Da ist ja nicht klar, was passiert.
Wenn es die schlechteste Option ist, dass ich zurück zu einem Bundesligaverein gehe, dann habe ich doch großes Glück.

Ist es vorstellbar, dass Sie zurück nach Augsburg gehen?
Das liegt nicht an mir. 

Sie sind ein zurückhaltender Mensch, demütig Ihrer Karriere gegenüber, aber Sie halten mit Ihrer Meinung nicht hinterm Berg. Unter anderem kritisierten Sie RB Leipzig mal, weil von dort aus Salzburg gesteuert werde. Sie sind also kein Leisetreter.
Es ist einfach so, dass ich nichts nach außen sagen kann, für was ich nicht stehe und was ich nicht so fühle.

Haben Sie jetzt ein Smartphone oder noch Ihr altes Klapphandy?
Das gibt‘s noch, das Klapphandy. Aber dadurch, dass die Eintracht fast alles über ihre interne App steuert, bin ich nicht umhin gekommen, mir eins zuzulegen.

Ist der Alltag ohne Smartphone heutzutage noch zu bewerkstelligen für einen jungen Mann?
Klar geht das. Ich verwende es jetzt hauptsächlich für die Eintracht-App oder für Telefonate via Internet in die Heimat, da fallen ja dann keine zusätzlichen Kosten an. Dafür ist es okay, aber ich nutze es nicht für Social Media.

Weshalb?
Wenn du einmal damit anfängst, verwendest du zu viel Zeit darauf. Und dann geht einiges an dir vorbei, was wichtiger ist.

Stattdessen spielen Sie, wie wir hörten, Ziehharmonika.
Ja, es ist eines der schwersten Instrumente, aber da bin ich mittlerweile ganz gut dabei, übe zurzeit eigentlich jeden Tag. Dafür brauche ich aber auch ein Ipad, weil ich einen Lehrer habe, der mich online schult (lacht).

Wie kommt man denn als Erwachsener darauf, Ziehharmonika zu lernen, wenn man es als Kind nicht schon gemacht hat?
Ich komme aus einer Musikerfamilie, meine Eltern sind in einer Trachtenkapelle. Und ich habe es als Kind verpasst, mehr mit Musik zu machen, weil ich halt viel Sport getrieben habe. Das hole ich jetzt nach.

Ist das eine Art Ausgleich?
Auf jeden Fall. Ich kann da auch Energie reingeben. Das ist mir extrem wichtig im Hinblick auf die Zeit nach der Karriere.

Sie haben den früheren Bundesligatrainer Roger Schmidt als wichtigen Faktor in Ihrer Karriere genannt. Weshalb?
Dank ihm ist meine Karriere so richtig losgegangen. Er hat mich damals in Salzburg zu dem Spieler gemacht, der ich heute bin.

Adi Hütter wird ja auch der Salzburger Schule mit Pressing und Druck auf den Gegner zugerechnet. Gibt es Parallelen?
Sie sind anders, aber von der Idee des Spiels sind sie ähnlich. Ich finde es wichtig, dass man nicht so viel rotiert und taktisch nicht immer was anderes macht.

Sie haben gesagt, dass Sie selbst überrascht waren, wie schnell Sie hier aufgenommen wurden. Weshalb hat Sie das überrascht?
Ich bin ein eher schüchterner Mensch, heimatverbunden. Und ich habe ja gewusst, dass ich in eine Mannschaft komme, in der 16 Nationalitäten vereint sind. Da habe ich schon gedacht, dass es vielleicht nicht so leicht werden würde mit der Integration. Umso positiver überrascht war ich, wie gut und schnell ich aufgenommen wurde. Alle sind offen, gleich auf mich zugegangen. Das hat mir imponiert. Und jetzt wird es immer besser, die Mitspieler werden vertrauter. Wenn ich im Training etwa gegen Ante Rebic spiele, dann sagt er mir, wie er im Spiel die Bälle braucht. Man lernt mit jedem Tag. Auch die Duelle mit unseren drei Stürmern bringen mich weiter, vor ihnen habe ich Riesenrespekt und schaue auch, dass ich im Training nicht alles gegen sie raushaue, denn wir brauchen sie ja noch (lacht). Verletzten sollen sie sich nicht. Generell muss ich sagen, dass im Training die Qualität ungeheuer hoch ist, so habe ich das bisher noch nicht erlebt in meiner Karriere.

Wie nehmen Sie Eintracht Frankfurt jetzt als internes Mitglied wahr?
Dass der Verein so extrem groß ist und ganz Frankfurt hinter dem Klub steht, das habe ich nicht gedacht. Welche Wirkung die Eintracht auf die Stadt hat – davon bin ich sehr angetan. Ich habe mir die Stadt angesehen, das gehört für mich dazu. Ich möchte erfahren, wie die Menschen ticken. Ich muss mich identifizieren, um meine Leistung bringen zu können.

Großer Wirbel

Der Wirbel war groß, den Martin Hinteregger in Augsburg mit einem einzigen Satz auslöste. Nach der 0:2-Niederlage bei Borussia Mönchengladbach sagte der 26-Jährige in Richtung FCA-Trainer Manuel Baum unverblümt: „Ich kann nichts Positives über ihn sagen – und werde auch nichts Negatives sagen.“ Die Aufregung war, Ende Januar, riesig. Der Verein suspendierte den Verteidiger daraufhin und belegte ihn mit einer empfindlichen Geldstrafe. 

Nur zwei Tage später wechselte der Österreicher nach Frankfurt. Und in Augsburg glaubten einige, er habe seinen Abgang provozieren wollen. Dem widersprach Hinteregger vehement: „Der Satz ist direkt nach dem Spiel aus der Emotion heraus gefallen. Ich bin ein Typ, der aus seinem Gemütszustand kein Geheimnis macht. Ich hatte niemals die Absicht, durch eine Aussage in der Öffentlichkeit einen Wechsel zu erzwingen. Wer mich kennt, weiß, dass ich so etwas nie machen würde.“ Zu diesem Thema möchte er sich mittlerweile nicht mehr äußern.

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