1. Startseite
  2. Eintracht

Martin Hinteregger: Das eigene Ich überlisten

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Daniel Schmitt

Kommentare

Für Martin Hinteregger schließt sich in London ein Kreis.
Für Martin Hinteregger schließt sich in London ein Kreis. © IMAGO/Revierfoto

Für Martin Hinteregger schließt sich ein Kreis. Der Österreicher hat den London-Fluch wohl endgültig besiegt. Ebenso wie die Eintracht in London sich selbst besiegt hat. Ein Kommentar.

London, das war, ist und wird immer ein besonderer Ort für Martin Hinteregger, den Verteidiger von Eintracht Frankfurt, bleiben. Einer, an dem selbst Kanten wie er weich werden. Zwei Bilder zeugen davon, sagen mehr als die berühmten Tausend Worte, verbinden Frust und Freude.

Damals, Mai 2019, Stamford Bridge, der weinende „Hinti“ in den Armen der Fans – bewegend, unvergesslich, traurigschön. Diesmal, April 2022, London Stadium, der lächelnde „Hinti“ in den Armen der Fans – bewegend, unvergesslich, wunderschön. Für Martin Hinteregger, man ahnt es, hat sich ein Kreis geschlossen. Er, der selbst mit einer starken Leistung voranging im dritten Europa-League-Halbfinalspiel seiner Karriere, hat den London-Fluch wohl endgültig besiegt. Ebenso wie die Eintracht in London sich selbst besiegt hat.

Was das bedeuten soll? Nun: Natürlich haben die Hessen faktisch gegen West Ham United gewonnen, mit 2:1, sie haben dafür aber erst einmal den inneren Kampf gegen sich selbst aufnehmen müssen, gegen die Bundesliga-Eintracht, die die in der Rückserie kaum besser ist als Absteiger Fürth, die die hierzulande teils schauerlichen Fußball anbietet. Sie mussten wieder anspielen gegen das eigene Ich, es austricksen, irgendwie. Es ist ihnen gelungen.

Ja, in Europa kann die Eintracht es einfach. Wieso, weshalb, warum? So richtig greifbar ist das alles nicht. Kevin Trapp, der Torwart, berichtete nach dem Erfolg gegen West Ham, der freilich längst nicht den Finaleinzug garantiert, von einer Unterredung mit Teamkollege Djibril Sow. Sie hätten da also in der Kabine gesessen, die beiden Führungskräfte, und sich selbst wieder mal gefragt, wie das denn immer auf Knopfdruck so gut funktionieren könne. Die Antwort: unwissendes Schulterzucken, zufriedenes Lächeln, ist am Ende halt auch egal. Zumindest jetzt, in dieser Phase der Saison, in der es nicht mehr um Grundsatzanalysen geht, sondern nur noch um eins: den historischen Triumph, die Heldenreise bis zum Griff an den Pott.

Das Spiel bei West Ham kann jetzt nicht mal in die Reihe der so oft zitierten magischen Nächte einsortiert werden, dafür war zu wenig Zauber, waren zu wenige Frankfurter Fans im Stadion, auch war zu viel harte Arbeit. London war anstrengend für alle Anwesenden - für Trainer, Spieler, Fans. Sekunden dauerten Minuten, Minuten gefühlte Stunden.

Es ist die kaum erklärbare Regel geworden, dass die Eintracht in ebensolchen Situationen wächst – mehr noch: über sich hinaus wächst. Sie spielt dann besser als sonst, entwickelt Kräfte, die sie über weite Strecken der Saison nicht hat. Das ist eine Qualität, klar, diese maximale Fokussierung, getragen vom Gefühl eines ganzen Klubs, von der inneren Überzeugung der Eintracht-Gemeinde, sich in den richtigen Momenten selbst überlisten zu können. Und für Martin Hinteregger ist es vor allem eins: wunderschön. Beiweisbild anbei.

Auch interessant

Kommentare