Einer der erfolgreichsten Momente in der Karriere des Marco Russ (re.): 2018 gewann er den DFB-Pokal. afp
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Einer der erfolgreichsten Momente in der Karriere des Marco Russ (re.): 2018 gewann er den DFB-Pokal. 

Eintracht Frankfurt

Marco Russ: Ein kerniger Typ

  • Thomas Kilchenstein
    vonThomas Kilchenstein
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Nach 22 Jahren bei Eintracht Frankfurt sagt der immer meinungsstarke Marco Russ leise Servus.

Es ist eine Weile her und Marco Russ hatte noch kaum einen Gedanken an das Ende seiner Laufbahn verschwendet, da beantwortete der Innenverteidiger die Frage, was er denn zu tun gedenke, wenn die Stiefel am Haken hängen, ein bisschen schnippisch: „Ich höre nicht auf und werde dann als Bäcker anfangen.“

Nun ist der Zeitpunkt tatsächlich gekommen, Marco Russ, seit 1996 – mit der kleinen Ausnahme von 2011 bis 2013 beim VfL Wolfsburg – immer bei Eintracht Frankfurt am Ball, wird seine Karriere mit dem heutigen Spiel gegen den SC Paderborn (15.30 Uhr/live bei Sky) beenden – und vermutlich nicht das Backhandwerk erlernen. Der Anfang August 35 Jahre alt werdende gebürtige Hanauer wird eine Aufgabe beim Klub erhalten, für den er, wie Trainer Adi Hütter jetzt sagte, „22 Jahre lang die Knochen hingehalten hat“. Was das genau ist, wird noch zu besprechen sein. Aber auf einen Typen wie Marco Russ, eine mit den Jahren gereifte Persönlichkeit und einer mit Ausstrahlung, will (und kann) Eintracht Frankfurt nicht verzichten. Der „Russer“ ist eine Identifikationsfigur, einer, der den Adler auf der Schulter trägt, der Eintracht Frankfurt wie kaum ein Zweiter verkörpert. 22 Jahre, davon 16 als Profi, sind eine lange Zeit. 304 Bundesligaspiele, 29 Pokalpartien und 14 Europa League-Begegnungen weisen den Hessen als rundweg gestandenen, mit allen Wassern gewaschenen Profi aus.

Und vielleicht kommt Marco Russ heute Nachmittag sogar noch mal zu einem Kurz-Einsatz, „aus Respekt“ (Hütter) wird er im Kader stehen, erstmals in dieser Saison. Es wird auf den Spielstand ankommen, denn Hütter ist ehrgeizig genug, auch gegen den „sympathischen“ Absteiger gewinnen zu wollen, um die Saison auf einem einstelligen Tabellenplatz abzuschließen. Angefasst wird der rustikale Verteidiger sowieso sein, es ist allemal eine Zäsur im Leben des Marco Russ, eine Ära geht zu Ende. Dass sein Abschied vor leeren Rängen und ohne Publikum eher leise über die Bühne geht, ist schade, aber den besonderen Umständen geschuldet.

Ein Leader geht

Still und zurückhaltend war Marco Russ ansonsten selten, in jungen Jahren sicherlich aufbrausend, kernig und wild, zuletzt aber differenziert und nachdenklich. Die Krebserkrankung, die im Mai 2016 unmittelbar vor dem ersten Relegationsspiel gegen den 1. FC Nürnberg diagnostiziert wurde, hat das Frankfurter Urgestein reifer werden lassen, vernünftiger, sein Blick auf die Welt ist, logisch, ein anderer geworden.

Mittlerweile gilt er als geheilt, sein umjubeltes Comeback auf dem Rasen feierte er im Februar 2017, 285 Tage nach seiner Operation, im Pokalviertelfinale gegen Arminia Bielefeld. Er weiß die Dinge jetzt anders einzuordnen. Das war nicht immer so: Russ hat sich vorher um manches nicht viele Gedanken gemacht, einmal musste er 160 000 Euro an Strafe zahlen, weil er wegen zu schnellen Fahrens nicht zu einer anberaumten Gerichtsverhandlungen erschienen war und statt dessen ein Freundschaftsspiel mit der Eintracht spielte. Dann legte er sich vor Jahren in aller Öffentlichkeit mit Ehrenspielführer Jürgen Grabowski an, den er als „Vollexperten“ herablassend bezeichnet hatte. Alte Kamellen, längst Schnee von gestern, das würde Marco Russ heute nie und nimmer passieren. „Er hat Spuren im Klub hinterlassen, er hat Geschichte geschrieben“, adelte Hütter den Familienvater.

Es war am 15. August des vergangenen Jahres, als die Achillessehne im rechten Fuß riss. Russ durfte mal wieder spielen, es ging in der Europa League-Qualifikation zu Hause gegen den FC Vaduz. Es ging um nicht mehr viel, das Weiterkommen war reine Formsache. Dann riss bei einem harmlosen Kopfballduell die Sehne, Russ musste vom Platz getragen werden. Eine viel schlimmere Verletzung für einen Profisportler gibt es kaum noch. Es war, man weiß es jetzt, der Anfang vom Ende, trotz eines Jahres der Schinderei um ein Comeback. Tatsächlich gehörte der Haudegen, seit seinem zehnten Lebensjahr bei Eintracht Frankfurt und damit der mit Abstand dienstälteste Spieler, schon damals nicht mehr zur Stammformation. Der Krebs, das Alter, die Konkurrenz – in den letzten vier Jahren kam Russ, der sein erstes Bundesligaspiel am 13. März 2006 gegen den MSV Duisburg als 20-Jähriger bestritt, nur noch auf 40 Pflichtspieleinsätze.

Das hindert ihn nicht, nach wie vor in der Kabine eine tragende Rolle zu spielen, innerhalb der Mannschaft genießt der Leader eine hohe Akzeptanz. Das Karriereende des Marco Russ ist für das Binnenklima bei Eintracht Frankfurt deshalb ein Verlust, weil neben ihm auch Gelson Fernandes und Jonathan de Guzman aufhören werden, beide heute ebenfalls im Kader – erfahrene Spieler, die den Weg vorgegeben haben, auf die gehört wurde. Diese Lücke ist schwer zu schließen. „Marco“, sagte jetzt Adi Hütter, „habe ich als sonnigen Typen mit klarer Meinung erlebt.“ Es klang wie ein Ritterschlag.

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