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Stefan Aigner ist Stammspieler bei der Eintracht.

Interview Stefan Aigner

"In der Mannschaft steckt großes Potenzial"

Eintracht-Rechtsaußen Stefan Aigner über die zwei Gesichter des Frankfurter Bundesligisten, gemischte Gefühle während eines Spiels und seinen unwiderstehlichen Lauf.

Stefan Aigner, 27, hat bisher 85 Bundesligapartien bestritten. 80 für Eintracht Frankfurt und, was kaum einer weiß, fünf für Arminia Bielefeld. Das liegt schon ein paar Jährchen zurück, in der Saison 2008/2009 kam er auf fünf Kurzeinsätze mit einer Spielzeit von insgesamt 33 Minuten. Anschließend kehrte der Ur-Bayer zu seinem Heimatklub 1860 München zurück. Und als er selbst nicht mehr mit der großen Karriere rechnete, holte ihn Eintracht Frankfurt in die Bundesliga.

Seitdem ist der Spätzünder unverzichtbar, absoluter Stammspieler und prägende Gestalt. In seiner ersten Saison hat der Rechtsaußen alle 34 Spiele bestritten, neun Tore erzielt und sieben Vorlagen beigesteuert. In der zurückliegenden Runde kam er verletzungsbedingt „nur“ auf 28 Spiele (vier Spiele/sieben Vorlagen), aber gerade zum Ende der Saison hin bildete er mit Joselu ein gefährliches Angriffsduo. Auch in dieser Spielzeit läuft es gut, nachdem er anfangs wegen einer Knie-OP kaum ins Rollen kam. Er ist der beständigste Spieler, hat schon sieben Tore erzielt. Aigner, mit einem Löwenherzen unterwegs, macht oft den Unterschied.

Herr Aigner, Sie sind ja Torschütze vom Dienst bei Eintracht Frankfurt. Freuen Sie sich über ihre persönliche Leistung oder ärgern Sie sich eher, wenn die Mannschaft dann doch nicht so funktioniert wie erhofft?
Das Wichtigste ist, dass die Mannschaft gewinnt. Das steht über allem. Mir wäre es lieber gewesen, ich hätte jetzt in Mainz kein Tor geschossen und wir hätten dafür gewonnen, Aber, okay, so ist es nun mal. Wenn man gewinnt und trifft, dann ist das doppelt schön. Aber entscheidend ist, dass wir erfolgreich sind.

Würden Sie Eintracht Frankfurt zurzeit als erfolgreich einstufen?
Sagen wir es so: Ich bin nach dem Mainz-Spiel von einem Fernsehreporter gefragt worden, wie ich die Saison bisher einordne. Da habe ich geantwortet: Sehen Sie auf die Tabelle. Da sind wir auf Platz neun. Genau so ist die Saison.

Also mittelmäßig.
Wir sind Neunter, das ist genau im Mittelfeld. Und man muss festhalten, dass wir es oft verpassen, nach oben zu klettern, wenn wir eine gute Möglichkeit dazu hätten.

Aber die Stimmung scheint generell schlecht zu sein.
Das würde ich nicht sagen. Ich habe keine schlechte Stimmung bemerkt. Klar sind die Fans frustriert, wenn man oft die Chance hat, sich oben festzubeißen und man verpasst diese Gelegenheit dann wieder. Das war ja jetzt in Mainz nicht das erste Mal der Fall. Das ist ärgerlich. Aber wir machen das ja nicht mit Absicht.

Schaut man da auf die Tabelle und ärgert sich fürchterlich?
Nein, das macht keinen Sinn. Es sind ja nur zwei Punkte Rückstand auf Rang sieben. Jetzt kann man sich natürlich ärgern, dass wir in Mainz verloren und eine gute Chancen ausgelassen haben, den Bock umzustoßen. Aber man muss auch festhalten: Es ist noch nicht viel passiert, es ist nichts verloren. Deshalb ist es wichtig, dass wir an die Spiele wie gegen Wolfsburg und Schalke anknüpfen.

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Ist diese Unbeständigkeit eine Frage der Qualität oder eine Frage der Mentalität?
Wir haben eine gute Mentalität in der Mannschaft. Vielleicht ist es so, dass wir gegen die Mannschaften, die uns haushoch überlegen zu sein scheinen, dass wir da gute Spiele machen und überraschen, aber gegen die Mannschaft auf unserer Augenhöhe tun wir uns schwer. Vielleicht kommen diese Teams eher über das Kämpferische, da müssen wir eher das Spiel machen. Vielleicht liegt uns das nicht so. Ich weiß es nicht.

Jetzt kommen aber vier solcher Gegner: Hamburg, Köln, Paderborn, Stuttgart.
Dann müssen wir es jetzt eben besser machen (lacht). Es ist ja auch so: Wenn du zwei Spiele verlierst, bist du im Abstiegsstrudel. Wenn du zwei Spiele gewinnst, bist du auf Europa-League-Kurs. Nehmen Sie Werder Bremen: Die haben fünf Spiele hintereinander gewonnen und haben auf einmal zwei Punkte mehr als wir. Oder Dortmund, die lange Zeit so tief da unten drin hingen, die haben jetzt drei Spiele gewonnen und sind plötzlich schon knapp hinter uns. Es geht so schnell. Du hast wenige Mannschaften, die konstant ihre Spiele gewinnen. Und wenn es Mannschaften schaffen, machen sie gleich einen großen Sprung. Es gelingt uns zurzeit noch nicht, zwei, drei Spiele hintereinander zu gewinnen.

Hat man in einem Spiel ein Gefühl, wie es laufen oder ausgehen könnte? Gibt es da Knackpunkte? Spürt man sofort: Heute geht was oder nicht?
Natürlich merkt man das. Gegen Wolfsburg war sofort klar, dass was geht an diesem Tag. In Mainz zum Beispiel war es ja eher so, dass es lange ausgeglichen war. Dann kriegst du direkt nach der Halbzeit zwei Tore. Und dann zieht es dir natürlich erst mal die Beine weg. Ich habe mich extrem geärgert nach dem Spiel. Aber es bringt ja auch nichts, viel darüber zu reden. Wir müssen es mal umsetzen. Aber generell muss ich sagen: Man kann es kaum erklären. Man verliert im Spiel dann einfach den Faden, man kriegt es nicht mehr so hin, man kommt total vom Weg ab. Warum, weiß ich nicht. Man kann nicht alles erklären. Ich kann auch bis heute nicht erklären, weshalb wir vor zweieinhalb Jahren alle Gegner einfach an die Wand gespielt haben. Es klappte, es funktionierte einfach alles. Und dann ist man kaum aufzuhalten.

Haben Sie das Gefühl, dass sich etwas verändert hat nach der Mainz-Pleite?
Inwiefern?

Na ja, Sportdirektor Bruno Hübner etwa ist näher an die Mannschaft gerückt, hat sich erst den Schiedsrichter zur Brust genommen, anschließend Alex Meier. Da scheint ein anderer Ton zu herrschen.
Nach dem Spiel waren doch alle enttäuscht und mit ihren Emotionen dabei. Ob dann jeder wirklich alles so gemeint hat wie er es gesagt hat, weiß ich nicht. Das gehört im Sport dazu. Wir sind eine Mannschaft, ein Team, wir müssen zusammenhalten. Ich sehe das auch nicht so negativ. Wenn wir gegen den HSV gewinnen, sieht die Geschichte wieder anders aus.

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Was auffällt: Es wird auch aus dem Mannschaftskreis immer wieder mal in der Öffentlichkeit Kritik an den Mitspielern geübt.
Dazu kann ich nichts sagen. Ich bin keiner, der einen Mitspieler an den Pranger stellt. Kritik sollten wir intern üben. Wenn aber ein Trainer oder ein Manager solche Kritik übt, ist das deren gutes Recht. Das sind die Chefs. Wir als Spieler sollten uns schon zurückhalten. Man sollte nicht alles schwarz malen, wenn man ein Spiel verliert, sondern weiter optimistisch nach vorne schauen.

Hat sich an der Spielweise der Mannschaft wieder etwas geändert? Geht Ihr nicht mehr so früh drauf wie zu Eurer besten Zeit? Zieht Ihr euch mehr zurück?
Eigentlich nicht. Sieht es von außen so aus?

Von Zeit zu Zeit, ja schon.
Wir versuchen eigentlich schon, vorne drauf zu marschieren. Wir haben nur gesagt, dass wir uns auch mal fallen lassen, wenn wir das Pressing nicht durchziehen können, weil ein Spieler zum Beispiel nicht hinkommt. Dann sollen wir uns fallen lassen, um nicht ins offene Messer zu laufen. Aber unsere grundsätzliche Marschroute ist schon, dass wir vorne draufgehen.

Haben Sie noch Hoffnung, die Spitzenplätze angreifen zu können?
Ich habe immer Hoffnung. Und ich spiele Fußball, um ein Ziel zu erreichen und um den maximalen Erfolg zu haben. Ich bin keiner, der sagt: Wenn wir Zehnter werden, bin ich zufrieden. Jetzt ist erst mal das HSV-Spiel wichtig. Gewinnen wir, können wir zumindest mal wieder nach oben blinzeln. Verlieren wir, müssen wir aufpassen, nicht hinten reinzurutschen.

Jetzt fehlen Carlos Zambrano und Haris Seferovic. Ein großer Nachteil?
Darüber müssen wir ja nicht sprechen, das sind zwei ganz wichtige Spieler. Aber wir haben auch schon oft bewiesen, dass wir Ausfälle kompensieren können, wenn wir es müssen.

Wie sehen Sie die generelle Entwicklung? Sie haben verlängert, auch Bamba Anderson und Kevin Trapp. Bei Carlos Zambrano und Bastian Oczipka strebt die Eintracht eine Weiterbeschäftigung an. Ist das der richtige Weg?
Ich denke schon. Es wäre positiv, wenn wir Spieler wie Carlos oder Basti halten könnten. Wir sind eine richtig gute Truppe, wir verstehen uns super. Und das ist oft mehr wert als andere Dinge. Wir passen gut zusammen, wir haben ein gutes Klima. Je länger wir zusammen spielen, umso besser kann es werden.

Denken Sie, diese Saison ist Ihre bislang beste in der Bundesliga ist?
Ach, das weiß ich nicht. Ich habe halt einen Lauf, und den will ich noch weiter mitnehmen. Aber noch mal: Mir ist es wichtiger, dass die Mannschaft erfolgreich ist. In Mainz konnte ich mich nicht über mein Tor freuen, im Gegenteil: Es hat mir echt gestunken, wie wir verloren haben. Ich sage immer: Man kann ja verlieren, wenn man gut spielt. Nehmen Sie unser Spiel in Hoffenheim, dieses 2:3. Ich glaube nicht, dass uns da jemand böse war, weil wir verloren haben. Denn da haben wir alles rausgehauen, was wir drin haben. Aber es ärgert mich, wenn wir solche Spiele vergeigen wie in Mainz, denn in der Mannschaft steckt großes Potenzial. Wir rufen es nur zu selten ab.

Sie sagten selbst, Sie haben einen Lauf: Wie macht der sich bemerkbar? Dass die Brust immer breiter wird, alles von alleine geht?
Sagen wir mal so: Wenn du keinen Lauf hast, suchst du keinen Abschluss, dann legst du zurück oder machst irgendwas, was eigentlich überhaupt nicht funktionieren kann. Und wenn du einen Lauf hast, dann schießt du halt einfach. Und oft geht er rein (lacht).

Aber manche einfachen Dinge klappen trotzdem nicht. Wir kommen ja irgendwie nicht über Ihren missratenen Pass auf Seferovic in Freiburg hinweg. Der war eigentlich so einfach, drei Meter flach rüber, es wäre das 2:0 gewesen, Ihr hättet sich nicht 1:4 verloren, und wer weiß, welche Wendung diese Saison dann genommen hätte.
Ja, ich weiß. Klar. Aber so ist es nun mal, ich kann das auch nicht erklären, aber so war es halt. Das hat mich extrem gewurmt. Aber ich bin keine Maschine. Es sollte nicht passieren, aber es passiert halt. Aber das Wichtigste ist, dass man trotzdem immer weiter macht und sich nicht entmutigen lässt. So bin ich gestrickt.

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

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