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„Es manchmal ganz gut, wenn man für ein, zwei Stunden mal etwas halbwegs Sinnvolles liest“, findet Stefan Reinartz.
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„Es manchmal ganz gut, wenn man für ein, zwei Stunden mal etwas halbwegs Sinnvolles liest“, findet Stefan Reinartz.

Interview Stefan Reinartz

„Man muss Entscheidungen nicht vom Geld abhängig machen“

Eintracht-Neuzugang Stefan Reinartz über die Chefrolle auf dem Platz, Benotungen für die Spieler, sein Psychologie-Studium und weshalb der Verdienst für ihn nicht die größte Rolle spielt.

Stefan Reinartz, 26, ist neu bei Eintracht Frankfurt, doch das merkt man gar nicht. Er ist im Mannschaftskreis voll eingebunden, so, als würde er schon drei, vier Jahre für die Hessen kicken. Der Mittelfeldspieler ist auch auf dem Platz schnell in die Chefrolle gewachsen, Trainer Armin Veh ist begeistert von seinem neuen Strategen. Umgekehrt gilt das übrigens ebenfalls. Reinartz hat Bayer Leverkusen nach 16 Jahren verlassen, um in Frankfurt einen Neustart zu wagen. Er hätte auch in die Premier League, etwa zu West Ham United, wechseln und deutlich mehr Geld verdienen können. Doch das wollte er nicht. Der dreifache Nationalspieler ist intelligent, offen, aufmerksam und hebt sich ein wenig ab. Im FR-Interview offenbart er manch bemerkenswerten Gedanken.

Herr Reinartz, Jupp Heynckes gilt ja als Ihr Lieblingstrainer. Wissen Sie eigentlich, dass er auch schon mal in Frankfurt als Coach gearbeitet hat?
Nein, das war mir nicht bekannt. Wann war das denn?

1994 bis 1995. Eine kurze Episode, nicht besonders erfolgreich. Er ist hier, mal vorsichtig ausgedrückt, nicht gerade wohlgelitten, er hat seinerzeit Anthony Yeboah, Jay-Jay Okocha und Maurizio Gaudino rausgeworfen.
Damals war ich fünf, sechs Jahre alt. Nein, da muss ich passen. Als er nach Leverkusen kam, war er wahrscheinlich schon altersmilde (lacht). Ich kann nur sagen: Er ist ein super Typ, hat eine tolle Mannschaftsführung, kann gut mit Menschen umgehen, er hat einfach Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Spielern. Das hat er ja dann später auch noch mal bei den Bayern bewiesen.

Ist es die große Kunst eines Trainers, die Spieler mitzunehmen?
Es gibt verschiedene Bereiche. Es kann Motivation sein wie bei Jürgen Klopp oder Taktik wie bei Thomas Tuchel. Oder die Mannschaftsführung. Das war sicher Jupp Heynckes’ große Stärke.

Was versteht man genau darunter? Die Spieler bei Laune halten und eine Wohlfühloase schaffen?
Ich würde sagen: Eine positive Atmosphäre schaffen. Ich habe den Eindruck, dass das älteren Trainern ein bisschen leichter fällt. Ich glaube, dass es damit zusammenhängt, dass sie nicht mehr jedes Detail auf die Goldwaage legen, sondern eher das Große und Ganze im Blick haben, dass sie vielleicht auch mal über Kleinigkeiten hinwegsehen, das Team schon an der langen Leine führen, aber genau wissen, wann sie einschreiten müssen. Man muss das Gespür dafür entwickeln, wann man der Mannschaft etwas zugesteht und wann nicht.

Ist das hier unter Armin Veh auch so?
Ja, das deckt sich total. Es erinnert mich absolut an Jupp Heynckes. Von der Teamführung, von der Trainingssteuerung, von den Schwerpunkten: sauberes Passspiel, Kombinationsspiel. Ich fühle mich da schon zurückversetzt. Das ist etwas Positives, es macht Spaß. Ich glaube, dass man das auch sieht und spürt. Es passt alles.

Ist diese Art und Weise des Fußballs eine, die Ihnen zusagt?
Auf jeden Fall. Im Moment ist in der Bundesliga ja so ein bisschen der Trend, auf Pressing und Gegenpressing und Umschaltmomente zu bauen. Da wird viel auf Hektik gesetzt. Ich glaube, Alexander Zorniger hat in Stuttgart jetzt sogar ausgerufen, dass das Spiel wild sein soll. Das ist okay, es kann auch effektiv sein. Ich bin tendenziell aber eher ein Freund davon, wenn man versucht, das Spiel sauber zu machen. Also nicht den Ball blind nach vorne spielt, um dann auf den zweiten Ball nachzupressen. Da bin ich eher Fan von unserer Spielweise. Oder auch der Gladbacher Spielweise, die über sauberes Passspiel kommt. Das gucke ich mir gerne an, und so spiele ich auch selbst sehr gerne.

Lesen Sie bitte weiter auf der nächsten Seite.

Armin Veh hat kürzlich gesagt, Sie seien sein Quarterback. Können Sie sich damit identifizieren?
Es hat auf jeden Fall jetzt erst einmal dazu beigetragen, dass ich jeden Tag in der Mannschaft aufgezogen und mit irgendwelchen Vornamen angesprochen werde, die irgendwelche Quarterbacks in der NFL haben, die ich alle nicht kenne (lacht). Aber im Ernst: Ich glaube schon, dass ich ein Spiel vernünftig von hinten aufbauen kann. Ich denke, ich habe ein ganz gutes Gespür dafür entwickelt, wann man das tun sollte und wann nicht. Es ist zwar super, jeden Ball vorne reinzuspielen, aber es muss für eine Mannschaft nicht immer intelligent sein, permanent nach vorne zu spielen. Es ist wichtig, auch mal den Rhythmus zu wechseln. Wir haben das, zum Beispiel, gegen Leeds in der ersten Hälfte, schon ganz gut gemacht, da haben wir auch mal hinten herum gespielt. Das hat mir gut gefallen.

Der Trainer hat Sie ja auch so ein bisschen mit Pirmin Schwegler verglichen.
Pirmin ist ein guter Spieler, der in Leverkusen damals Simon Rolfes vor sich hatte. Aber er hat ein sauberes Passspiel, ist spielintelligent. Es hat mich nicht groß gewundert, dass er sich hier durchgesetzt hat.

Was war für Sie ausschlaggebend, Bayer Leverkusen nach 16 Jahren zu verlassen?
Irgendwann stand für mich fest, dass ich mal weg will. Der Gedanke war schon länger in meinem Kopf. Weil ich eben auch so lange da war. Jeder Verein hat ja so seine eigene Geschichte, und die Leverkusener Geschichte wiederholt sich ja so ein bisschen. Immer will man mal den ganz großen Coup landen, was leider nicht geklappt hat, obwohl wir konstant unter die ersten Fünf gekommen sind. Irgendwann habe ich gedacht, dass ich mal was Neues brauche und nicht immer dieselbe Geschichte erleben will.

Sie haben schon mal gesagt, dass in Frankfurt die Aufmerksamkeit größer sei als in Leverkusen.
Klar, sehen Sie sich doch nur mal den Pressespiegel an, wie dick der hier ist. In Leverkusen ist er so dünn wie bei Viktoria Köln.

Sie gelten ja als Spieler, der auch mal nach rechts und links schaut. Sie haben auch ein Fernstudium begonnen. Erzählen Sie doch mal.
Ja, ein Fernstudium in Psychologie. Aber das liegt momentan auf Eis. Ich habe mir aber fest vorgenommen, es bis zu meinem Karriereende durchzuziehen.

Ist solch ein Studium wichtig für Sie, um auch mal etwas anderes zu erfahren?
Als Fußballer gewöhnt man es sich im Mannschaftskreise ja an, den ganzen Tag irgendwelchen Blödsinn zu erzählen. Da ist es manchmal schon ganz gut, wenn man für ein, zwei Stunden mal etwas halbwegs Sinnvolles liest. Von daher ist es nicht schlecht, ab und zu was anderes zu machen.

Um den Horizont zu erweitern?
Ach, es ist ja nicht so, dass auf meinem Grabstein stehen muss: ,Da hat er was für seinen Horizont getan.‘ Aber man sollte den Kopf schon mal anstrengen. Es ist so wie im Urlaub: Wenn man da den ganzen Tag nur rumliegt, fühlt man sich auch nicht erholt.

Lesen Sie gerne?
Ja.

Auch Zeitungen?
Klar. Die „Süddeutsche“. Tut mir leid für Euch, aber die finde ich am besten.

Interessieren Sie sich für Bewertungen Ihrer Leistung?
Ein Stück weit schon. Aber mich interessiert eher, wie einer zu seiner Bewertung kommt. Ob es da bestimmte Kriterien gibt oder ob das nur aus der Laune heraus geschieht. Vor ein paar Jahren hat Renato August noch bei Leverkusen gespielt, er hat mal in einem einzigen Spiel in fünf verschiedenen Zeitungen fünf verschiedene Note bekommen: 2+, 3, 4, 5, 6. Also die Bandbreite reichte von: „War der schlechteste Spieler auf dem Feld und sollte besser nie wieder gegen den Ball treten“ bis zu: „War der überragende Spielmacher und jeder Angriff lief über ihn.“ Das finde ich schon schwierig.

Wir diskutieren in der Redaktion auch mal kontrovers, und manchmal haben wir den Fall, dass ein Stürmer quasi nicht mitspielt, aber das entscheidende Tor schießt. Wie bewertet man so was?
Das ist höllisch schwer. Das gab es doch bei Mario Gomez mal bei der EM, als er in der Vorrunde drei-, viermal getroffen hat, aber sonst nicht viel gemacht hat. Wie bewertest du so was? Der Trainer hat es damals so bewertet, dass er ihn erst einmal hat nicht mehr spielen lassen.

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Sie waren auch mal ein Jahr Co-Trainer bei der B-Jugend. Hat Ihnen das etwas gebracht?
Es war spannend und interessant. Es macht aber auch nur Sinn und Spaß, wenn man regelmäßig dabei ist. Es hat mir insofern was etwas gebracht, dass ich gemerkt habe, dass man relativ schnell in das Muster verfällt, in das man selbst mal erzogen wurde vom Trainer. Manchmal habe ich dann aus Reflex denselben Blödsinn gecoacht, den mir einer vor 15 Jahren mal zugerufen hat. Und dann habe ich abends darüber nach gedacht und mich gefragt: Macht das überhaupt Sinn? Da ist mir aufgefallen, wie leicht man solche Automatismen von der vorherigen Generation übernimmt – ohne sie zu hinterfragen. Das kann ein Problem sein, wenn irgendwelche Sachen seit Jahrzehnten durchgezogen werden.

Streben Sie nach der aktiven Laufbahn eine Trainerkarriere an?
Ich denke schon, dass ich den Job mal machen werde für eine bestimmte Zeit. Aber das wird sicher nicht so lange sein. Ich finde den Job total spannend, weil es viele Spannungsgrößen rund um den Beruf gibt. Die Mannschaft, Personalpolitik, Presse, Erfolgsdruck. Und du musst die richtigen Entscheidungen treffen. Aber weil man es nicht perfekt machen und man keinem so richtig gerecht werden kann, ist es auch total nervenzehrend. Und das würde ich nicht ewig machen wollen.

Armin Veh sagte ja auch mal, er sei ausgebrannt gewesen.
Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, dass es in 15 Jahren gang und gäbe ist, dass das ein Trainer nur drei Jahre machen kann und dann ein halbes Jahr Pause braucht. Das halte ich nicht für unrealistisch.

Sie hätten auch nach England gehen können, dort gibt es doch sehr viel mehr Geld zu verdienen. Warum sind Sie nach Frankfurt und nicht auf die Insel gewechselt?
Wenn ich 19 gewesen wäre, wäre ich wahrscheinlich nach England gegangen. Aber jetzt habe ich schon ein paar Jahre in der Bundesliga gespielt und ein paar Euro verdient, da sollte das dann nicht mehr so den Ausschlag geben, wenn man schon gutes Geld verdient und was auf die Seite gelegt hat. Natürlich kann auch Geld mal eine Rolle spielen, wenn man finanzielle Sicherheit gewinnen will. Es gibt Lebensumstände, da kann ich das nachvollziehen. Wenn Arturo Vidal wegen der Kohle wechselt, dann weiß ich aber auch, dass er halb Santiago damit füttert. Aber wenn man viele Jahre in der Bundesliga gespielt hat und dann einer in die Emirate wechselt, da kann ich nur die Augen verdrehen. Unser Lebensalltag verbessert sich doch nicht mehr dadurch, ob wir jetzt eine Million Euro verdienen oder vier Millionen. Das ist alles extrem viel. Wer acht bis zehn Jahre in der Bundesliga spielt, sollte mit dem Geld durchkommen. Da muss man Entscheidungen nicht mehr vom Geld abhängig machen.

Sie befassen sich auch mit den Begebenheiten rund um den Fußball, den TV-Vertrag in England etwa.
Ich habe jetzt gelesen, dass die Engländer dadurch in Zukunft wahrscheinlich noch risikoreicher wirtschaften werden. Sehe ich auch so. Wenn du nicht musst, musst du ja auch keine Strategien entwickeln. Ich denke, das wird dazu führen, dass die Deutschen noch intelligenter wirtschaften und handeln werden. Natürlich kommen die Engländer dann mal mit der Peitsche und kaufen einen Spieler für viele Millionen raus. Aber ich sehe nicht, dass die Engländer auch nur im Ansatz so gut arbeiten wie die deutschen Klubs.

Armin Veh sagte, in der absoluten Spitze werden es die Bayern schwer haben.
Das ist die Frage. Wenn es darum geht: Wer verpflichtet Lionel Messi, dann werden es die Bayern schwer haben, weil die Engländer noch mehr Geld haben. Die Bayern werden noch cleverer sein müssen. Es war ja nie so, dass der beste Spieler der Welt in einer deutschen Mannschaft gespielt hat. Sehen Sie sich doch die Bayern an, sie haben sich auch vieles selbst zusammengefügt: Sie haben Thomas Müller aus der eigenen Jugend geholt, Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger. Dann noch Arjen Robben und Franck Ribéry geholt. Das passt halt. Sie haben nie im allerobersten Segment gefischt. Trotzdem haben sie es geschafft, in der Champions League immer verdammt weit zu kommen und sie sogar zu gewinnen. Es gibt also auch andere Wege, um sehr erfolgreich zu sein.

Interview: Ingo Durstewitz

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