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Ein magischer Moment

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Von: Thomas Kilchenstein, Ingo Durstewitz

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© Jan Hübner

Alexander Meier reichen fünf Minuten, um seinen Wert für die Eintracht unter Beweis zu stellen.

Am frühen Abend, als ihm eine ganze Stadt zu Füßen lag, ist Alexander Meier mit seinem Hund Alf, einem Retriever, am Mainufer Gassi gegangen. Alles andere hätte auch verwundert. Alex Meier mit einem Bierglas in der Hand in einem Szenelokal anzutreffen, wäre unvorstellbar gewesen. Dabei hatte der Mann, der eine Institution bei Eintracht Frankfurt ist, ein paar Stunden zuvor für einen wahrlich magischen Moment gesorgt, für einen sagenhaften Moment, den es so in seiner Dramaturgie nur im Fußball gibt, und wenn ein Drehbuchautor es gewagt hätte, ein solches Skript vorzulegen, es wäre ihm wegen erhöhter Kitschgefahr wahrscheinlich um die Ohren gehauen worden. Es lief die Nachspielzeit, als sich David Abraham in ungewohnten Gefilden weit in der Hamburger Hälfte auf und davon machte und eine sehr gefühlvolle Flanke schlug. Ganz hinten stand Alex Meier, der mit der linken Innenseite den Ball zum 3:0 ins HSV-Tor schoss - und das Stadion im Stadtwald explodierte förmlich, es gab kein Halten mehr, „40 000 Zuschauer“, übertrieb später Präsident Peter Fischer gewohnt wortgewaltig, „haben geweint“. Selbst beinharte Ultras in der Nordwestkurve heulten Rotz und Wasser, bei gestandenen Männern in der Vorstandsloge liefen die Tränen nur so. „Das ist ein Fußballmärchen, das ist ein  wirklich großer Moment“, sagte Vorstand Axel Hellmann.  

Es war fürwahr ein epochaler Moment, ein Augenblick für die Geschichtsbücher, mit Gänsehautfeeling und überbordenden Gefühlswallungen inklusive. Ausgerechnet Alex Meier, der Mann, der seit einem Jahr kein Spiel mehr bestritten hat, der nach drei Fuß-Operationen und einer Borreliose-Erkrankung so lange auf Eis gelegen hatte, ausgerechnet Alex Meier kehrt mit diesem Volltreffer derart spektakulär auf die große Bühne zurück. Und es gab keinen an diesem sonnigen Nachmittag – die Hamburger vielleicht ausgenommen –, die Alex Meier nicht dieses Tor gegönnt hatten. Selbst Schiedsrichter Deniz Aytekin konnte sich, da waren nur noch Sekunden zu spielen, eine respektvolle Bemerkung zum 35-Jährigen nicht verkneifen. „Vielen Dank, dass ich so was noch erleben durfte“, sagte der Unparteiische, der - ein Kuriosum am Rande - auch beim letzten Spiel von Alex Meier dabei war: beim Finale in Berlin im vergangenen Jahr. Seitdem hat der gebürtige Buchholzer nicht mehr gespielt für die Eintracht - bis zu diesem Samstag.

Von den Fans bekam Meier hinterher den Spielball überreicht. Ohnehin hatten sie dem Fußball-Gott einen „grandiosen Empfang“ bereitet, wie Meier sagte. Schon beim Verlesen des Kaders kochte das Stadion, ebenso, als Meier zum Warmmachen ging, und als er dann endlich in der 87. Minute den Rasen betrat, brodelte die Arena. Und alle wussten: Wenn einer phänomenal zurückkommen kann, dann „der Lange“. Selbst Trainer Niko Kovac, wahrlich kein ausgesprochener Meier-Freund, konnte hinterher nicht anders als respektvoll zu konstatieren: „Alex Meier ist Eintracht Frankfurt, er genießt Kultstatus.“

Die Frage ist nur: Wie lange noch. Seine Zukunft ist offen, sein Vertrag läuft im Sommer aus, Meier, seit 2004 im Klub, will auf jeden Fall weiterspielen, „am liebsten bei der Eintracht“. Doch bislang kam von der Sportlichen Leitung noch kein entsprechendes Signal, im Gegenteil. Fredi Bobic und Bruno Hübner stehen dem Ansinnen eher skeptisch gegenüber. Zu einer möglichen Vertragsverlängerung von Meier befragt, sagte Sportvorstand Bobic am Flatterband betont kühl nur: „Wir sollten das Spiel in Schalke diskutieren oder das Pokalfinale.“ In der Personalie Meier gelte es „Realismus walten zu lassen und nicht Fantasie und Herzschmerz“. Hübner hat schon vor drei Jahren den Daumen gesenkt. Wenn Meier nicht treffe, sei er eher unauffällig, die Kollegen im Sturm müssten für ihn mitlaufen. „Diese Kröte müssen wir schlucken. Die schlucken wir ja auch gerne.“ Aber schon damals stimmte diese Aussage nicht, Meier spulte, wie alle anderen auch, regelmäßig ein entsprechendes Laufpensum ab.

Eine Vertragsverlängerung ist für den Klub ohne Risiko

Aber vielleicht hat der neue und noch zu findende Trainer ja eine andere Auffassung. Und es ist ja auch nicht so, dass Meier, der in 336 Spielen für Eintracht Frankfurt 119 Tore erzielt hat, leistungsmäßig hinterherhinken würde. Er ist ganz sicher nicht schlechter als Branimir Hrgota, Aymen Barkok, Daichi Kamada oder Marijan Cavar. Warum also sperrt sich die Sportliche Führung gegen eine Weiterbeschäftigung der Klub- Ikone? Gerade im Hinblick auf ein mögliches Erreichen der Europa League mit entsprechenden Qualifikationsrunden, könnten die Hessen einen erfahrenen Mann gut gebrauchen, einen, der den Jungen als Vorbild dient und die er anleiten könnte. Selbst in diesen fünf Minuten, in denen er am Samstag spielte, hat er vor seinem Tor Mijat Gacinovic den richtigen Laufweg gezeigt. „Wenn Alex gesund ist, tut er jeder Mannschaft gut“, brach Marco Russ eine Lanze für den Kapitän. „Ich bin pro Alex Meier.“ Eintracht Frankfurt sollte eine Möglichkeit finden, den Spieler für ein weiteres Jahr zu binden. Der Verein geht damit kein Risiko, Meier würde auch einen leistungsbezogenen Vertrag akzeptieren. Er muss ja nicht als gesetzter Stammspieler in die Saison gehen, aber für solche Momente, wie am Samstag um 17.20 Uhr, ist der Vollblutfußballer immer gut. Und so viele Gesichter und Identifikationsfiguren hat der Klub ja nicht. Das sollte man in dieser schnelllebigen Zeit – und gerade bei Eintracht Frankfurt, wo die Fluktuation der Spieler sehr hoch ist - nicht außer Acht lassen. Die Eintracht hat, gerade noch rechtzeitig, den Stimmungs-Turnaround geschafft. Sie reist nun mit breiterer Brust nach Schalke und zum Pokalfinale. Dank des Sieges – und dank Alex Meier, dem Unersetzlichen.

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