+
Feiert das Tor zum Halbfinale: Sebastian Rode.

Eintracht - Benfica

Eintracht Frankfurts magischer Abend im Waldstadion

  • schließen
  • Daniel Schmitt
    Daniel Schmitt
    schließen

Eintracht Frankfurt setzt an einem perfekten Abend gegen Benfica Lissabon ein weiteres Glanzlicht - und freut sich auf die lange erträumte Partie gegen FC Chelsea.

Seit bald 15 Jahren hat Axel Hellmann einen ganz bestimmten Traum; zuweilen, „in schlechten Zeiten“, ist er allenfalls schemenhaft, nebulös auszumachen, die Konturen verschwimmen, seit Donnerstagabend, kurz vor 23 Uhr, aber so klar wie nie: Und wird jetzt gar Realität. Seit bald 15 Jahren träumt der Frankfurter Marketingvorstand davon, dass die Eintracht in einem Pflichtspiel gegen den FC Chelsea antreten darf. „Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, Eintracht Frankfurt in einem Halbfinale gegen Chelsea an der Stamford Bridge.“ Nicht nur der Vorstand, sondern vor allem die Fans fiebern der Begegnung entgegen, die Partie gegen Chelsea ist bereits jetzt ausverkauft.

Vorstand Hellmann wusste nach einem wieder mal magischen Abend im Frankfurter Stadtwald vorübergehend kaum wohin mit seinen Gefühlen, überwältigt war er, wie praktisch alle, die Zeuge dieses aufregenden Spektakels waren, von dieser ganz speziellen Atmosphäre, einer Intensität und Leidenschaft, die Berge zu versetzen schien. Oder wie Hellmann sagte: „Wenn die Lichter hier angehen, die Mannschaft dieses Choreographie sieht und die Euro-League-Hymne erklingt, dann fühlen sich die Spieler, als wären sie in einen Zaubertrank gefallen.“

Aber der Schluck aus der Pulle war gar nicht erforderlich. Dafür hatte diese Mannschaft eine Überdosis an Mentalität, Siegeswillen und Glaube zur Hand, sie hatte nie Zweifel aufkommen lassen, das 2:4 aus dem Hinspiel noch reparieren zu können. Und sie hatte alles in die Waagschale geworfen. „Jeder“, sagte der Torschütze zum entscheidenden 2:0, Sebastian Rode, „ist über seine Schmerzgrenze gegangen.“

Symptomatisch für diese Qualität steht der Auftritt von Simon Falette, zeitweise aussortiert und einer, der im Januar zuletzt spielen durfte (Siehe nebenstehenden Bericht), sich aber an diesem Abend zu einer „beeindruckenden Leistung“ (Trainer Adi Hütter) aufgeschwungen hat. Diese Mannschaft besticht durch unbändige Moral, Leidensbereitschaft, diese Mannschaft besteht im Grunde aus elf, ach was, 18 Mentalitätsspielern, die in den 90 Minuten auf dem Platz alles aus sich herausholt, was da ist.

Eintracht Frankfurt muss Ostermontag gegen Wolfsburg ran

Stellvertretend für alle brachte der erneut überragende Makoto Hasebe, mit 35 Jahren ältester Frankfurter Profi, den Spirit auf den Punkt: „Ich habe drei Weltmeisterschaften gespielt, bin Meister und Pokalsieger geworden - aber ich habe immer Hunger, deshalb will ich noch einen Titel holen.“ Zwei Spiele im Halbfinale, am 2. Mai in Frankfurt, und am 9. Mai in London, beide restlos ausverkauft, stehen noch an, ehe am 29. Mai in Baku das Finale angepfiffen wird.

Die Mannschaft hegt „ambitionierte Ziele“, sagt Hütter, in Europa, in der Bundesliga, wo man unter den ersten Vier bleiben möchte. Und der Erfolg ist keine Eintagsfliege, ist vielleicht mehr als ein Lauf, die Eintracht hat sich zu einer ernstzunehmenden Spitzenmannschaft gemausert.

Lesen Sie hierzu auch: Die Spieler in der Einzelkritik

Eintracht Frankfurt ist erstmals seit 39 Jahren wieder in ein Halbfinale eines europäischen Wettbewerbs eingezogen, beim letzten Mal, 1980, wurden die Bayern bezwungen, später dann der Uefa-Cup gewonnen. „Wir haben ein Glanzlicht für die Bundesliga auf europäischen Parkett gesetzt“, sagte Hellmann. Es mache die Eintracht stolz, Deutschland als einziger Klub europäisch zu vertreten, das waren sonst ja meist Bayern oder Dortmund. „Es war ein ganz großer Abend, sicher auch ein historischer“, stellte Hellmann fest. Und die Hessen, das darf nicht unerwähnt bleiben, zählen nicht unverdient zu den letzten vier Mannschaften, selbst wenn „wir die überraschendste sind“, wie Hütter sagte. Denn Eintracht Frankfurt sei ja „kein gewohnter Gast der europäischen Top-Wettbewerbe“, so Hellmann. „Aber vielleicht müssen wir uns langsam daran gewöhnen, dass wir das können.“

Eintracht-Coach Adi Hütter muss sich Zwicken, um die Erfolge zu glauben

Ungewohnt, aber „toll“, sei das Gefühl, am Karfreitag aufzuwachen und im Halbfinale zu stehen, sagte Hütter anderntags, der den Abend des Triumphs im Kreis einiger Freunde und bei einem Glas Wein ausklingen ließ. „Ich muss mich manchmal selbst zwicken, was wir in dieser Saison bislang erreicht haben, bislang ist das sensationell.“

Es war ganz sicher nicht das beste Saisonspiel der Eintracht, da gab es rassigere, aufregendere. Es war ganz sicher aber eines der schlaueren Spiele, „wir waren geduldig, clever und intelligent“, vor allem aber: „Taktisch total diszipliniert“. Denn in ein solches Spiel dürfe man „nicht kopflos“ gehen, sagte der Fußballlehrer, für den der Einzug ins europäische Halbfinale einer der größten Erfolge seiner Trainerkarriere ist. Ein Gegentor und das ganze Unterfangen wäre um ein Vielfaches schwieriger geworden. Es ging entscheidend darum, die richtige Balance zwischen Stabilität in der Defensive und dem erforderlichen Druck nach vorne zu finden. Das ist Eintracht Frankfurt über die Maßen gut gelungen, „deshalb war es ein perfektes Spiel“, sagte Hütter, zu Null und die erforderlichen zwei Tore erzielt. Und natürlich hatten die Frankfurter auch Glück,. Das 1:0 durch Filip Kostic entsprang einer klaren Abseitsstellung, es hätte niemals zählen dürfen. In der Europa League gibt es den Videobeweis erst im Finale. „Der Schiedsrichter“, sagte Rode „hat einen sehr guten Job gemacht - bis auf das 1:0.“ Aber Fortune gehört zuweilen auch dazu.

Viel Zeit, den süßen Triumph zu genießen, bleibt den Frankfurtern nicht. Am Ostermontag (20.30 Uhr) steigt das nächste „absolute Schlüsselspiel“ beim VfL Wolfsburg, dessen Atem die Eintracht im Nacken spürt. „Wir müssen die Köpfe nach der magischen Nacht frei bekommen“, sagt Hütter. Das dies bei diesem funktionierenden Team klappt, ist er sicher. Am eigentlich freien Freitag war der Großteil der Spieler trotzdem aufs Trainingsgelände gekommen. Sicher scheint: Diese Mannschaft ist noch nicht satt.

Zum Spiel

Wolfsburg: Pervan – Tisserand, Knoche, Brooks, Roussillon – Guilavogui – Rexhbecaj, Arnold – Steffen, Mehmedi – Weghorst.

Frankfurt: Trapp – Abraham, Hasebe, Ndicka – da Costa, Torro, Rode, Kostic – Gacinovic – Jovic, Rebic.

Schiedsrichter: Marco Fritz (Korb).

Es fehlen der Eintracht: Haller (Bauchmuskelverletzung), Fernandes (Gelb-Rot-Sperre), Hinteregger (Oberschenkelblessur), Tawatha (Sprunggelenks-OP), Stendera (Rückenprobleme).

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare