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Völlig losgelöst: Der Moment, da Eintracht Frankfurt den Einzug ins Berliner Pokalfinale geschafft hat.

Sieg gegen Gladbach

Wie im Märchen

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Eintracht Frankfurt macht sich mit großer Willenskraft an die Verwirklichung eines großen Traums.

Hinterher hat Niko Kovac gesagt, er sei beim Elfmeterschießen, dem erlaubten Glücksspiel unter freiem Himmel, entspannt gewesen, so richtig tiefenentspannt. „Mein Puls war während des Spiels höher als beim Elfmeterschießen.“ Er sei aber nicht deswegen so locker gewesen, weil er sicher sei, es zu gewinnen, sondern „weil ich sowieso nichts mehr beeinflussen kann“. Dem Coach blieb nichts anderes übrig als Daumen drücken – am Ende schnurrten mehr als zwei Stunden intensiven Pokal-Fußballs auf zwei Paraden seines Torwarts Lukas Hradecky und eines Volltreffers von Branimir Hrgota zusammen. 7:6 hatten die Hessen das packende Shootout gewonnen, 1:1 hatte es nach 120 Minuten gestanden. „Um ins Finale einzuziehen, braucht man ein Quäntchen Glück“, sagte Niko Kovac, schon ins schwarze Endspiel-T-Shirt („Finale – Adler im Anflug“) gezwängt. Und dieses Glück war zu Eintracht Frankfurt zurückgekehrt. Oder wie Vorstand Fredi Bobic sagte: „Das ist wie ein Märchen.“

Eintracht Frankfurt war sicher nicht der große Favorit auf das Erreichen des Endspiels am 27. Mai in Berlin. Auch die fünf Pokalrunden wurden nicht mit großer Souveränität bewältigt, allein drei Elfmeterschießen brauchten die Frankfurter zum Weiterkommen, das gab es erst einmal, 1997 schaffte das der VfB Stuttgart und wurde prompt Pokalsieger. Dazu gab es zwei dünne Siege gegen Zweitligisten. Aber dieses Halbfinale bei Borussia Mönchengladbach entschädigte für vieles. Das Weiterkommen war auch deshalb nicht unverdient, weil die Frankfurter gerade im ersten Abschnitt ihre mit Abstand beste Leistung dieses Jahres abriefen.

Kovac hatte sein Team bestens präpariert und motiviert. Er zeigte vor der Partie Videoausschnitte von besonders schönen Aktionen, er appellierte sehr eingehend an die eigene Stärke. „Der Glaube an das Positive kann so viel bewegen“, sagte er. Jeder müsse sich fragen, ob er bereit sei, alles für das große Ziel zu geben. Darüber hinaus war es der Eintracht gelungen, die Talfahrt mit zehn Spielen ohne Sieg zu stoppen. Der Sieg am letzten Samstag gegen den FC Augsburg hatte Kräfte freigemacht, er wirkte wie eine Erleichterung, er hatte Fesseln gelöst – wie man jetzt hatte sehen können. Eintracht Frankfurt hat gerade noch rechtzeitig die Kurve bekommen.

Der Erfolg vom Niederrhein war vor allem einer des Willens. „Wir haben gefightet wie Adler eben fighten“, frohlockte Bobic. „Berlin wird Eintracht Frankfurt in bester Form erleben.“ Diese Leidenschaft, diese Präsenz auf dem Rasen erinnerte Niko Kovac in Teilen an die Relegationsspiele vor knapp einem Jahr. „Ich muss die Willensleistung und die Mentalität meiner Mannschaft hervorheben. Wir haben es mehr gewollt, ins Finale einzuziehen, wir wollten es unbedingt.“ Fast jeder Frankfurter Profi ging mindestens bis zur Schmerzgrenze, oft darüber hinaus, die meisten waren richtig platt. Bestes Beispiel war Rechtsverteidiger Timothy Chandler, der nach abgewehrten Schüssen mehrmals angeknockt zu Boden ging, sich mühsam aufrappelte, um sofort zum nächsten Kopfball hochzusteigen. Zeitweise habe er „den Ball doppelt gesehen. Aber der Trainer hat gesagt: Über meinen Kopf kann auch ein LKW fahren“, erzählte Chandler später, der beim letzten Elfmeter, ähnlich wie Kollege Taleb Tawatha, der Torschütze zum 1:0 (15.), gar nicht hinschauen mochte: „Ich habe einfach in die Luft geguckt.“

Dieses Halbfinale, das spielerisch nur 45 Minuten einiges bot, dafür umso mehr von Spannung und Dramatik lebte, hatte viele „wunderbare Geschichten“ geschrieben, wie Bobic sagte. Etwa die von Marco Russ, der vor einem knappen Jahr an Krebs erkrankt war und an alles dachte, nur nicht an Fußball. Der mittlerweile 31-Jährige, neben dem noch verletzten Alex Meier der einzige, der schon beim Finale 2006 dabei war, als die Eintracht knapp gegen Bayern München verloren hatte, trat als Letzter der ersten fünf Schützen an. Hätte er nicht getroffen, wären die Hessen ausgeschieden. Wer ihn danach sah, wie er die Augen schloss und dem Himmel dankte, konnte in etwa ermessen, welch Last von seinen Schultern gefallen war. „Es ist noch kein Jahr her, dass ich diese Diagnose bekommen habe, dass ich nun im Endspiel stehe, ist Weltklasse. Da werden einige Jungs staunen, das ist ein Ereignis, das über Deutschland hinaus geht. Ein echtes Highlight nochmal zum Ende meiner Karriere.“ Vielleicht kann einer wie Marco Russ dieses Finale mehr genießen als jeder andere.

An Statur in diesem Halbfinale, das Helden gebar, hat auch Bastian Oczipka gewonnen. Nicht nur, dass der mittlerweile 28-Jährige einen bärenstarken Innenverteidiger mit den meisten Ballkontakten gab, er war es auch, der sich zum allerersten Strafstoß traute. Oczipka, neben Meier und Russ der dienstälteste Profi der Hessen, war sich seiner Verantwortung vollauf bewusst, „ich wollte vorangehen.“ Eiskalt schoss er den Ball ins Tor. „Wenn man auf die gegnerische Kurve zuläuft und der Torwart Sommer noch ein bisschen das Äffchen macht, ist es besonders geil, wenn man dann verwandelt.“

Das Erreichen des Finales „in meiner Heimatstadt“ (Kovac), das die bekannt reisefreudigen Eintracht-Anhänger zu einem echten Heimspiel machen dürften, gehört für den Frankfurter Coach sicher zu den größten Erfolgen seiner noch jungen Trainerlaufbahn. Schon im vergangenen Jahr mit der Eintracht den Klassenerhalt geschafft zu haben, war eine bemerkenswerte Leistung, die jetzt noch einmal getoppt wurde. Da ist es freilich ein klein wenig ärgerlich, dass der Verlierer des Endspiels, anders als früher, nicht automatisch für die Europa League qualifiziert ist. Die Eintracht müsste also im Falle einer Finalniederlage schon mindestens Siebter in der Bundesliga werden, um doch noch international spielen zu dürfen.

Eintracht Frankfurt wird also trotz des Meilensteins Berlin die restliche Bundesligasaison keineswegs austrudeln lassen. „Wer Trainer Kovac kennt, braucht sich darüber keine Gedanken zu machen“, sagte Bastian Oczipka. Der 45 Jahre alte Fußballlehrer ist bekannt dafür, praktisch niemals locker zu lassen. Außer vielleicht nach einem denkwürdigen Pokalhalbfinale, da gab sogar Kovac grünes Licht für eine Partynacht, die erst am Morgen gegen 5 Uhr in der Früh endete. „Meine Spieler können tun und lassen, was sie wollen. Wenn man ins Endspiel kommt, will man das feiern.“ Erst am gestrigen Nachmittag bat der Coach seine frischen Helden zum Training, Training? „Naja, wir werden versuchen zu trainieren.“

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