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Lukas Hradecky: Finnen-Spinne in der Krise

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Von: Ingo Durstewitz

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Leverkusens Torhüter Lukas Hradecky.
Leverkusens Torhüter Lukas Hradecky. © dpa

Leverkusens Lukas Hradecky kommt zum fünften Mal nach Frankfurt – nie stand der Keeper so unter Druck wie am Samstag.

Wer aus sicherer Entfernung, sagen wir aus Frankfurt, dem Wirken des Lukas Hradecky unterm Bayer-Kreuz in Leverkusen zuschaut, der ist ein wenig verdattert, irgendwie ungläubig staunend. Kann das die Spinne sein, dieser Teufelskerl in der Kiste, der mit seinen langen Armen und Beinen so vieles rausfischt, was gar nicht rauszufischen ist? Der die Stürmer zur Verzweiflung bringt mit seinen Reflexen? Der in seiner Frankfurter Zeit, immerhin drei Jahre, vielleicht gerade mal eine Handvoll Fehler machte, was wahrscheinlich noch deutlich zu hoch gegriffen ist.

In Erinnerung geblieben ist eigentlich nur sein Flutschfinger-Anfall von Bremen, April 2018, als ihm eine Flanke durch die Hände und ins Tor glitt, was die Niederlage bedeutete. Sowie eine Hinausstellung in Leipzig, Januar 2017, als er erst ausrutschte und den Ball dann außerhalb des Strafraums mit der Hand spielte. Rote Karte nach 131 Sekunden. Die Eintracht ging 0:3 unter. Passiert. Aber sonst? Nichts. Nur Fehlerloses, Tadelloses.

Lukas Hradecky, inzwischen auch schon 32, zeigte über drei Spielzeiten hinweg konstant gute Leistungen, auf höchstem Niveau. Er machte sogar den prominenten und nicht minder exzellenten Kollegen Kevin Trapp vergessen. Er hatte die „großen Handschuhstapfen“, wie es die Finnen-Spinne im lustigen Deutsch ausdrückte, perfekt ausgefüllt. Trapp steht längst wieder zwischen den Frankfurter Stangen, er war Hradeckys Vorgänger und sein Nachfolger, als dieser zu Bayer Leverkusen wechselte, vor vier Jahren mittlerweile. Und dieser Lukas Hradecky, der da jetzt das Heiligste hütet bei Bayer 04, stürzt auf einmal von Panne zu Panne, die „Rheinische Post“ bezeichnete ihn vor nicht mal zwei Wochen gar als „Risikofaktor“. Seltsam.

Slapstick, gleich zweimal

Der große Finne macht derzeit die schwierigste Phase seiner Karriere durch, eigentlich ging es ja immer nur aufwärts für den Nationalkeeper. Von Bröndby nach Frankfurt, 2015, Stammtorwart auf Anhieb, Leistungsträger, Charakterkopf, Publikumsliebling, Abschied mit dem großen Pokalsieg gegen die Bayern. Weiter nach Leverkusen, dort eine ähnliche Entwicklung: Platzhirsch, Führungskraft, verehrt von den Fans, sogar Kapitän. Ausgestattet mit einem Rentenvertrag bis 2026, dann wäre er fast 37. Und plötzlich, aus heiterem Himmel, hält er nicht mehr wie früher, der lebenslustige Typ aus Turku, allein in dieser Saison sind ihm hanebüchene, unglaubliche Fehler unterlaufen, und zwar in einer Häufigkeit, die verwundert.

Gleich zu Beginn der Saison hagelte es bei der Pokalblamage in Elversberg vier Gegentreffer, dann flog er in Dortmund vom Platz, gegen Hoffenheim kassierte in einer Halbzeit drei Dinger. Den Auftakt in der Champions League verbockte er ganz alleine: Mit einem schon abgefangenen Ball plumpste er ins eigene Tor, 0:1-Niederlage in Brügge. Eine ähnliche Slapstickeinlage lieferte er beim 0:4 gegen die Bayern, als er Thomas Müller den Ball vor die Füße patschte und ihn dann noch durch die Hosenträger bekam. Sogar dem Torschützen war das unangenehm. Auch in Bremen patzte er böse, 0:1-Pleite.

Missgeschicke, die Punkte kosteten, die den ganzen Klub mit hinein in die Krise stürzten. Hradecky, der Anführer, als Sinnbild, als Gesicht der Misere. Sein Notenschnitt im Fachmagazin „Kicker“: 3,75 in der Champions League, in der Bundesliga 3,69. Damit ist er Letzter des gesamten Klassements.

Das rief dann sogar unlängst den Geschäftsführer Fernando Carro auf den Plan, der im Stammtisch bei Sport 1 schon ein wenig Druck aufbaute: „Wir stehen hinter ihm. Aber in der Häufigkeit und in der Konzentration ist das eigentlich nicht zu akzeptieren.“ Es wurde gar schon über eine Ablösung im Tor spekuliert, doch Bayer 04 hatte vor der Saison bewusst darauf verzichtet, eine starke Nummer zwei zu verpflichten. Nachvollziehbar: Hradecky spielt ja eh immer, fast immer gut, ist nie verletzt, eine Klasse für sich. Und dann das.

Die Situation nagt an dem großen Sympathieträger; er ist nachdenklicher geworden, das Tief setzt ihm zu, selbst ihm, dem so herrlich unverstellten, lebenslustigen und natürlichen Burschen. Aber er weiß, dass er nur durch diese Phase kommt, in dem er den Kopf oben hält und sich irgendwie die Sicherheit holt, die das Selbstvertrauen wieder wachsen lässt. Das Mentale spielt eine große Rolle im Sport, gerade bei Torhütern. Insofern war auch für ihn der Trainerwechsel von Gerardo Seoane hin zu Xabi Alonso so etwas wie ein Neuanfang. Alles auf null, und wieder von vorne. Denn Hradecky ist und bleibt ein verdammt guter Torhüter.

Das will er am Samstag in Frankfurt zeigen, wo er noch viele Freunde hat und gerne gesehen ist, bei Alex Meiers Abschiedsspiel stand er neulich in der Kiste. Er ist damals schweren Herzens gegangen, vor allem aber, um deutlich mehr Geld zu verdienen. Das ist nichts Verwerfliches. Ob für ihn der Schritt aus der Krise ausgerechnet an seiner alten Wirkungsstätte klappt? Die Zahlen sprechen nicht unbedingt dafür, mit Leverkusen spielte er viermal in Frankfurt, die Bilanz: vier Niederlagen, 2:5, 1:2, 0:3, 1:2. Keine Statistik, die Mut macht.

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