Eintracht Frankfurt

Luft geschnappt

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Der Erfolg über Werder Bremen war eminent wichtig fürs Frankfurter Selbstvertrauen und ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Sollte Fabian Veh noch kein Weihnachtsgeschenk für seinen Vater Armin haben, muss er sich in den nächsten Tagen auch nicht mehr groß anstrengen. „Du brauchst mir nichts mehr zu schenken“, rief Veh seinem Filius zu, der der Pressekonferenz nach dem 2:1 (1:1)-Sieg der Frankfurter Eintracht gegen Werder Bremen beiwohnte. Die drei Punkte gegen einen direkten Mitkonkurrenten seien das schönste Weihnachtsgeschenk gewesen, befand der Fußballlehrer. „Mir ist ein großer Stein vom Herzen gefallen. Ich bin sehr, sehr glücklich.“

Die Erleichterung nach dem schwer erkämpften, wegen der Mehrzahl klarster Chancen in der zweiten Halbzeit aber hochverdienten Sieg, war überall mit Händen zu greifen. „Dieser Sieg tut uns einfach gut“, fasste Veh zusammen. Lukas Hradecky, der famose Torwart, der die Eintracht mit guten Paraden im Spiel gehalten hatte, hatte durch den Erfolg „Hoffnung tanken“ können – und Haris Seferovic, der dreimal allein auf das Bremer Tor zugelaufen und jedes Mal gescheitert war (siehe S2 und S3), fand schlicht, dass „wir ein bisschen Luft geschnappt“ haben.

Balsam für die Seelen

Mit 17 Punkten gehen die Hessen nun in die Winterpause. Sie haben keine gute Vorrunde gespielt, das wissen alle, „schwere Zeiten“, hat Veh ausgemacht. Es war erst der erste Heimsieg nach dem formidablen 6:2-Erfolg gegen den 1. FC Köln, das war am 12. September, danach gab es eine Serie von 13 Pflichtspielen bei nur einem Sieg, in Hannover, am 24. Oktober. Der ganze Klub dürstete förmlich nach einem Erfolgserlebnis. Umso wichtiger sei es, mit „einem guten Gefühl in die Pause zu gehen“ (Veh). „Mit diesem Sieg schläfst du ruhiger. Mit diesem Sieg kehrt auch der Glaube an die eigenen Fähigkeiten zurück“, sagte Vorstandsmitglied Axel Hellmann.

Der Sieg war Balsam für die geschundenen Seelen, war prägend für die gesamte Stimmung in Klub und Umfeld. „Ich bin jetzt zuversichtlicher, dass wir es schaffen, drei Mannschaften hinter uns zu lassen als vorher“, bekundete Veh. Gerade am Trainer konnte man in den Minuten nach dem Schlusspfiff deutlich ablesen, wie sehr der Negativlauf der vergangenen Wochen an ihm genagt hat. Da war eine gehörige Last von seinen Schultern abgefallen. Veh wirkte deutlich aufgeräumter, entspannter als in letzter Zeit, kolossal erleichtert.

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Aber kaum einer weiß besser als Veh, dass dieser Erfolg in einem sehr leidenschaftlichen, intensiven Spiel zweier Teams, denen man nicht anmerkte, dass sie gegen den Abstieg spielten, allenfalls ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Eintracht Frankfurt schwebt immer noch in Gefahr, drei Punkte sind es bis zum Relegationsplatz, vier auf einen Abstiegsplatz. Da steht noch viel Arbeit ins Haus.

Ein Selbstgänger wird der Klasenerhalt nicht, dafür wirkt die Mannschaft weiterhin zu instabil. Aber es ist ein Schritt zurück in die richtige Richtung. „Da unten spielen jetzt zehn Mannschaften auf Augenhöhe gegen den Abstieg“, sagte Klubchef Heribert Bruchhagen, der es mal wieder wegen der Dramatik am Ende nicht oben auf der Tribüne ausgehalten hat und vorher in den Katakomben verschwunden war.

„Es wird nicht einfacher. Wir haben da unten starke Konkurrenz. Da schleppt man immer einen Rucksack mit sich herum“, sagte Armin Veh. Immerhin aber ist auch das Band zwischen Mannschaft und Fans wieder enger geknüpft worden. „Es herrschte eine positive Stimmung im Stadion. Das Publikum wollte den Sieg mit aller Kraft, auch das ist wichtig für die Rückrunde“, fand Axel Hellmann.

Die Partie hat aus Frankfurter Sicht ein paar positive Fingerzeige zu Tage gefördert. Etwa, dass Marc Stendera wirklich drauf und dran ist, diese Mannschaft zu führen. „Er ist ein intelligenter Spieler“, lobte Veh. Der gerade 20 Jahre alte Mittelfeldspieler war überall auf dem Spielfeld zu finden, er lief am meisten, gewann defensive Zweikämpfe und spielte prima Pässe in die Spitze. Oder Alex Meier, der aus seinem kleinen Loch heraus gekrabbelt ist. Er war es, der den eminent wichtigen Treffer zum 1:1 köpfte, 95 Sekunden nach dem 0:1 durch Claudio Pizarro (29.). Dadurch ließ er im Team erst gar keine Resignation aufkommen. Oder Stefan Aigner, der seinem ersten Saisontor genau 17 Spieltage hinterherlief. Kurz nach der Pause war es dann soweit, er bugsierte einen Querpass, ob gewollt oder nicht, per Lupfer aus vier Metern irgendwie ins Tor. „Wenn du im Fußball nicht nachdenken kannst, ist das manchmal besser, als wenn du allein auf das Tor zuläufst“, sagte er. Während der Hinrunde habe er sich selbst „immer mal wieder einen Stein in den Rucksack gepackt“, sagte Aigner. „Wir sind noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Mit 14 Punkten in die Rückrunde zu gehen, das wäre happig gewesen.“

Knapp 14 Tage haben die Frankfurter Freizeit, da „sollen sie mal an nix denken“, gab Veh mit auf den Weg. Das erste Training im neuen Jahr ist am 3. Januar, einen Tag später geht es für zehn Tage ins Trainingscamp nach Abu Dhabi – mit Selbstvertrauen und dem einen oder anderen neuen Spieler. Einem neuen Innenverteidiger und einer Kreativkraft. Beide haben die Hessen schon an der Angel. Beim Mexikaner Marco Fabian sind sie schon einen Schritt weiter, er soll heute vorgestellt werden. Im neuen Jahr will sich die Eintracht neu sortieren – und neu angreifen.

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