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Gute Stimmung beim Interview: Luka Jovic (links) mit Übersetzer Michel Juranic.

Luka Jovic

"Der liebe Gott hat mir dieses Talent gegeben"

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    Ingo Durstewitz
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Eintracht-Angreifer Luka Jovic über seinen ausgeprägten Torriecher, die Vergleiche mit Stürmerstar Falcao, den strengen Trainer Niko Kovac und weshalb seine Waden auch als Baumstämme durchgehen würden.

Herr Jovic, das wunderschöne Fallrückziehertor von Cristiano Ronaldo ist in aller Munde. Haben Sie auch schon mal solch ein spektakuläres Tor geschossen oder vielleicht ein ähnliches?
Tut mir leid, da muss ich passen. In eine solche Situation kam ich im Spiel leider noch nie, obwohl ich als kleiner Junge mit meinem Vater immer Fallrückzieher geübt habe. Aber im Ernstfall noch nicht. 

Ist Ronaldo für Sie ein Vorbild? 
Nein, für mich ist er kein Idol, aber auf jeden Fall ein Spieler, der mich tief beeindruckt. Er ist schon außergewöhnlich gut. 
 
Ihr Torriecher ist ja auch nicht schlecht, Sie stehen oft richtig. Ist das Intuition, Instinkt oder kann man so etwas lernen?
Ich denke, der liebe Gott hat mir dieses Talent und diesen Torriecher gegeben. Ich habe das in mir, schon immer. Natürlich habe ich immer Fußball gespielt und viel trainiert, aber so etwas kann man nicht erlernen. Ich überlege im Strafraum auch nicht großartig, wo ich hinzulaufen habe. Ich würde schon sagen, dass es ein Instinkt ist. 

Sie brauchen im Spiel auch keine Anlaufzeit, Sie sind sofort auf Touren, erzielen oft das 1:0.
Weshalb es so ist, weiß ich nicht. Aber ich hoffe, dass das so bleiben wird. Es ist für mich aber definitiv leichter, wenn ich von Anfang an spiele. 

Sie waren mit 16 Jahren, fünf Monaten und fünf Tagen der jüngste Torschütze der Vereinsgeschichte von Roter Stern Belgrad. Welche Erinnerungen haben Sie daran?
Das war für mich ein riesengroßes Ereignis, das ist nach wie vor unbeschreiblich, da fehlen wir die Worte, um dieses Gefühl auszudrücken. Dieses Datum ist auf allen Fußballschuhen, die ich trage, eingestickt. 

Welches Datum ist das?
28. Mai 2014.

Da waren Sie noch B-Jugendspieler. 
Ja, ich bin für diese eine Partie zu den Profis beordert worden, es war das letzte Saisonspiel, 3:3 gegen Novi Sad. Eine unglaubliche Geschichte. Danach bin ich dann fest in die Erste Mannschaft berufen worden. 

Wenn Sie schon mit 16 zu den Profis geholt wurden, dann müssen Sie ja ein außerordentlich großes Talent gewesen sein. 
Ich habe mich immer mit älteren Spielern messen müssen, war zwei, drei Jahre jünger als die anderen, weil ich immer ein, zwei Jahrgänge übersprungen habe. Ich habe da wohl schon ein wenig herausgeragt, habe immer sehr viele Tore geschossen, 35 Treffer waren keine Seltenheit. Ich habe ja auch mit Serbien bei der U19-Europameisterschaft in Ungarn im Jahr 2014 teilgenommen – als 16-Jähriger. 

Und sie haben dort natürlich auch ein Tor gemacht – den 2:1-Führungstreffer für Serbien beim 2:2 gegen Deutschland. 
Ja, das ist korrekt. Gerade bei Deutschland sind viele Spieler dabei gewesen, die jetzt auch bekannt sind und in der Bundesliga spielen: mein Mitspieler Marc Stendera etwa oder Niklas Stark, Davie Selke und Julian Brandt. 

Waren Sie als Jugendspieler auch schon solch ein Muskelpaket?
Nein, nicht in dieser Form (lacht). Aber bei den Profis habe ich schnell an Muskelmasse zugelegt, ich musste mich ja als 16-Jähriger behaupten und durchsetzen, weil ich gegen 35 Jahre alte Routiniers gespielt habe. Da musst du etwas tun, sonst wirst du halt einfach abgeräumt. 

Sie haben Waden und Oberschenkel wie Baumstämme: Das Produkt harter Arbeit oder auch von Gott gegeben?
Ich habe nie extra Training gemacht, das muss angeboren sein (lacht). 

Haben Sie schon früh gemerkt, dass Sie besser sind als Ihre Mitspieler?
Das kann man so sagen, da war ich noch sehr jung, so fünf Jahre alt. Mit acht Jahren bin ich schon von meinem Verein Loznica zu Roter Stern Belgrad gewechselt, mein Vater hat mich gefahren, 150 Kilometer. 

War Ihnen also schon früh klar, dass Sie alles auf die Karte Fußball setzen und Profi werden?
Ich habe meine Mittlere Reife gemacht, aber dadurch, dass ich schon mit 16 Profi wurde, war für alles andere ja auch keine Zeit mehr. Es war also abzusehen, dass Fußball mein Beruf wird. 

Der Präsident von Roter Stern, Zvezdan Terzic, sagte dann bald: „Jovic wird mal der beste Torjäger Europas.“ Große Worte. 
Ich weiß. Zvezdan Terzic ist für mich ein großes Vorbild, er hat mich immer gefördert und mir geholfen. Ich bin ihm sehr dankbar für das, was er für mich getan und wie er mich unterstützt hat. Und eines Tages, wenn die Zeit gekommen ist, werde ich zu Roter Stern zurückkehren. 

Aus Dankbarkeit?
Roter Stern ist einfach mein Verein. 

Sie gelten ja sogar als Falcao Serbiens. Der Vergleich mit dem Stürmerstar aus Kolumbien ist ja so etwas wie ein Ritterschlag. 
Das kann man so und so sehen. Natürlich ist das ein Vergleich, der mich stolz gemacht hat. Andererseits hat mir das Ganze geschadet. Denn jeder hat von mir auf einmal erwartet, dass ich in jedem Spiel drei Tore schieße. Das war dann halt nicht so. Ich bin ja auch ein anderer Spieler. Die Erwartungen sind sprunghaft gestiegen, sie waren zu groß. Der Vergleich mit Falcao war nicht gut für mich. 

Und dann sind Sie, als 18-Jähriger, zu Benfica Lissabon gewechselt. Ein Sprung in eine andere Welt. 
Das war nicht einfach, es war eine schwere Zeit. Ich war alleine dort, klar, meine Eltern haben mich besucht. Auch meine Freundin war mit, aber immer nur für drei Monate. Ich muss ehrlich sagen: Als ich Roter Stern verlassen habe, habe ich drei Tage geweint. 

Weshalb sind Sie dann gegangen? 
Das ist eine lange Geschichte. Nur so viel: In Serbien leben die Vereine von dem Verkauf der Spieler. 

Wie war die Zeit bei Benfica?
Sie war sehr lehrreich, ich habe mit vielen großen Spielern zusammengespielt, Benfica ist ein großer Verein. Aber ich habe nicht so oft spielen dürfen, das war schade. 

Sie haben dann nur noch in der Zweiten Mannschaft gespielt. Weshalb?
Es war meine Schuld. 

Es hieß, Sie hätten nicht so professionell gearbeitet.
Das kann man so sagen. Ich bin hier in Frankfurt in einem Monat mehr gelaufen als in Lissabon in einem ganzen Jahr. Ich habe mich dort nicht so professionell verhalten, das muss ich einräumen. 

Aber unter Niko Kovac wird man schnell ein Fußballer mit professionellem Verhalten.
Das ist so. Niko ist Niko. Ich brauchte genauso jemanden wie Niko Kovac, der mich aufgeweckt hat. Ich habe Niko Kovac zu verdanken, dass ich jetzt den Erfolg habe. Er fordert das Maximum, und er holt das Maximum aus einem heraus. 

War das für Sie am Anfang eine Umstellung? Niko Kovac bemängelte anfangs Ihr laxes Defensivverhalten und forderte mehr Laufarbeit ein. 
Ich wusste, dass ich was ändern musste. Ich bin jetzt auch älter geworden und nehme das an. Ich habe jetzt den nächsten Schritt gemacht, der erste war von Roter Stern zu Benfica, der zweite war hierher. Das war genau richtig, das habe ich gebraucht. 

Sie sind bis 2019 ausgeliehen, die Eintracht hat eine Kaufoption für Sie. Wenn Sie frei entscheiden könnten: Würden Sie gerne nach Lissabon zurückkehren oder lieber in Frankfurt bleiben?
Mein Ziel ist, zu spielen. Und mir gefällt es hier sehr gut, ich fühle mich wohl, ich würde gerne hier bleiben. Aber ich will gar nicht so viel darüber nachdenken, ich will einfach nur meine Arbeit machen. Alles andere kommt von selbst. 

Sie haben mittlerweile sogar Sebastien Haller, den Frankfurter Königstransfer, auf die Bank verdrängt. 
Das ist im Fußball manchmal so. Ich habe meine Chance genutzt, als sie kam. Mal hat der eine eine bessere Phase, mal der andere. Das ist keine große Sache. Das gehört dazu. 

Sie haben nach Bayern-Stürmerstar Robert Lewandowski die beste Torquote gemessen an den Spielminuten. Macht Sie das stolz?
Ich wäre froh, ich wäre auf dem Level wie Lewandowski und hätte seine Torquote. Aber das sind Dinge, über die zerbreche ich mir nicht den Kopf. Ich will einfach spielen und meinen Job machen.

Die Weltmeisterschaft steht vor der Tür. Wie groß ist Ihre Hoffnung, noch auf den serbischen Zug gen Russland aufzuspringen?
Ich weiß, dass es da Gespräche gab. Und wenn es so ist, dann wäre das natürlich schön. Aber auch hierüber möchte ich mir keinen Kopf machen. Ich will mich auf die Eintracht konzentrieren und mithelfen, unsere Ziele zu erreichen. 

Das da lautet: Champions League oder Europa League?
Kein Kommentar. Der Trainer bringt mich um (lacht). 

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein, Übersetzung: Michel Juranic.

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