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Ab sofort in Eintracht-Hand: Frankfurts OB Peter Feldmann (rechts) übergibt den Stadionschlüssel an Vorstand Axel Hellmann.

Stadionprojekt

Leuchtturm im Stadtwald

  • Thomas Kilchenstein
    vonThomas Kilchenstein
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Der neue Stadionvertrag bietet dem Frankfurter Bundesligist ungeahnte Möglichkeiten. Bald soll die Arena 20000 Stehplätze fassen und „Fußball für alle“ bieten.

Wenn der Oberbürgermeister in den Stadtwald eilt, dann wird im Stadion sogar das Dach geschlossen. Das kommt bei Spielen von Eintracht Frankfurt eher selten vor, strenge Sicherheitsregeln sprechen häufig dagegen, am gestrigen Montag aber war der Rasen vor möglichem Regen geschützt. Das lag weniger an OB Peter Feldmann (SPD), auch nicht an Axel Hellmann, dem Vorstand des Bundesligisten Eintracht Frankfurt, sondern daran, dass im Moment gerade der alte Videowürfel abmontiert wird und durch eine neuen ersetzt werden soll. Allerdings nicht einfach nur erneuert: Dereinst wird Europas modernster Würfel unterm Stadiondach hängen, „ein 360 Grad Umlaufwürfel“, wie Hellmann sagte, dumm nur, dass jene Zuschauer in nächster Zeit fehlen werden, für die der Würfel installiert wird.

Aber dieser Würfel ist nur ein Mosaikstein - Eintracht Frankfurt und die Stadt Frankfurt planen einen auf die nächsten zweieinhalb Jahre angelegten Umbauprozess, an dessen Ende das einst mit Steuermitteln finanzierte Stadion als „Leuchtturm in Deutschland und Europa“ aufragen und als „Ort der Begegnung“ lebendig werden soll, wie Axel Hellmann ein wenig pathetisch sagte. Dazu haben die beiden Partner nach „langen emotionalen Gesprächen“ (Feldmann) einen neuen Pakt geschlossen, den bis 2035 datierten Stadionvertrag. „Was der Eintracht nutzt, nutzt auch der Stadt“, sagte der Oberbürgermeister. Seit dem 1. Juli ist Eintracht Frankfurt der Stadionbetreiber und nicht mehr, wie seit 2005, das Stadion Frankfurt Management (SFM). Am Montag überreichte Feldmann symbolisch den Schlüssel an Hellmann. „Nun kommt zusammen, was zusammen gehört“, sagte Feldmann.

„Hosen runter“

Mit dem neuen Stadionvertrag ist die Eintracht Herr in der Arena. Zwar zahlt sie acht Millionen Euro netto an Kaltmiete an die Stadt Frankfurt und übernimmt 90 Prozent der Betriebskosten. Zudem schultert der Klub den digitalen Ausbau und will dafür, wie angekündigt, etwa 30 Millionen Euro investieren. Dafür besitzt der Bundesligist 80 Prozent der Nutzungsrechte, also an 300 Tagen im Jahr. Diese Erlöse aus der Vermarktung fließen somit komplett in die Kassen des Klubs. Die Stadt darf die Arena an den übrigen Tagen nutzen. Weiterhin übernimmt die Stadt die Kosten für den Stadionausbau. Geplant ist, und zwar in den drei, vier Monaten in der spielfreien Zeit während der Weltmeisterschaft in Katar im Winter 2022, die Zuschauerkapazität von jetzt 51 500 auf 60 000 zu erhöhen, und zwar durch Stehplätze.

Im Gegenzug verpflichtet sich der Klub, die Preise für die kommenden fünf Jahre nicht zu erhöhen. Insgesamt werden 11 000 neue Stehplätze im Oberrang der Nordwestkurve entstehen, dadurch werde der Oberrang nach vorne verlängert. Insgesamt soll die WM-Arena mit den bisherigen gut 8000 Stehplätzen dann über knapp 20 000 Stehplätze verfügen. Es wird weiterhin Unter- und Oberrang geben, keine durchgezogene „Wand“, wie etwa in Dortmund. Und: Dem Ausbau werden Logen zum Opfer fallen.

Zudem ist vorgesehen, jeweils zweimal 1000 Plätze für Kinder und soziale Organisationen, bei Preisen von fünf und zehn Euro, bereitzuhalten. „Fußball für alle, auch mit kleinem Geldbeutel, soll möglich und bezahlbar sein“, sagte Hellmann. Für die Umbauten in der Kurve sind etwa zwölf, 13 Millionen Euro veranschlagt.

In den Verhandlungen ein Thema war auch eine sogenannte Pandemieklausel. Dabei „haben wir die Hosen runtergelassen“, sagte Hellmann, sie hätten dargelegt, mit welchen Einbußen tatsächlich gerechnet werden muss bei ausbleibenden Einnahmen. Der Klub werde weniger an Miete zahlen müssen, sollte die Pandemie anhalten. „Je mehr Zuschauer ins Stadion kommen, desto höher wird die Miete“ in dieser Ausnahmesituation sein, sagte Hellmann.

Eintracht Frankfurt jedenfalls ist gerüstet, sollten in absehbarer Zeit wieder Zuschauer in die Stadien dürfen. Hellmann, gewohnt vorausschauend, hat ein Szenario entworfen, das 16 000 bis 24 000 Fans einen Besuch ermöglichen könnte. Entscheidend seien freilich die Vorgaben der lokale Behörden, also der Gesundheitsämter und Politik. Man wolle vorbereitet sein, „wir brauchen einen guten Plan in der Tasche“, sagte Hellmann, der seit bald 20 Jahren in verschiedenen Positionen für die Eintracht arbeitet. „Aber so komplex wie bei Corona waren die Probleme nie.“

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