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Torschützenkönig trotz Widrigkeiten? Alexander Meier.

Saisonbilanz

Der Leitfaden fehlt gänzlich

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Auch am Ende der Saison 2014/2015 fragt man sich: Für was steht Eintracht Frankfurt eigentlich?

Der Masterplan sickerte schnell durch. Im Trainingslager in Donaueschingen vor der Saison verriet Sportdirektor Bruno Hübner zum ersten Mal, dass Thomas Schaaf eine etwas andere Rolle für Takashi Inui vorgesehen hatte, eine wichtigere, verantwortungsvollere. „Der Thomas sieht den Taka auf der Zehn“, erzählte der Manager. Da erntete er ungläubige Blicke.

Ob das mal gut geht, dachten die Zuhörer. Der zierliche Takashi Inui, das „zarte Geschöpf“ (Armin Veh), als Spielmacher in der Bundesliga – und wo sollte eigentlich Alexander Meier spielen? Das sollte sich bald als Kardinalproblem herausstellen. Denn schnell war klar, dass Meier eigentlich gar nicht spielen sollte.

Nach der Testspielpleite während der merkwürdigen Italien-Reise gegen Sampdoria Genua (2:4) war klar, dass Meier seinen Stammplatz los war. Dort wurde er in der Halbzeit ausgetauscht, und da spürte der Lange, dass er einen schweren Stand haben würde beim neuen Trainer. Der machte auch nicht Meier, sondern Kevin Trapp zum neuen Kapitän. Ohne es Meier übrigens vorher mitzuteilen.

Das neue Konzept greift nicht

Auch im ersten Pflichtspiel saß Meier draußen, beim Pokalspiel in Berlin kam er rein, machte sein Tor – und wurde anschließend von den 4500 Eintracht-Fans nach allen Regeln der Kunst abgefeiert. „Die Entscheidung, mich draußen zu lassen, war eine Entscheidung gegen mich“, stellte der Routinier kühl fest. Und als er dann gefragt wurde, was sich geändert habe, seit Thomas Schaaf das Sagen habe, antwortete er trocken: „Er ist mit uns nach Norderney gefahren.“ Sehr früh war zu erkennen, dass diese zwei nicht unbedingt auf einer Wellenlänge funkten. Und es dauerte tatsächlich bis zum vierten Spieltag auf Schalke, ehe die Tormaschine erstmals in der Startelf stand. Natürlich schoss er gleich ein Tor – noch weitere 18 folgten diesem Premierentreffer. Dieser Alex Meier konnte nicht mehr auf der Bank gelassen werden. Er hat Eintracht Frankfurt im Alleingang vor größerem Ungemach gerettet. Dass er sich am Samstag wahrscheinlich die Torjägerkanone holen wird, sei nur mal am Rande erwähnt. Als Teil einer Mittelklassemannschaft wohlgemerkt.

Schon damals, sehr, sehr früh, war zu erkennen, dass vieles nicht rund läuft bei Eintracht Frankfurt. Trainer Schaaf war angetreten, um der Mannschaft ein neues Spielsystem zu verpassen, ein anderes Konzept. Das Spiel sollte schneller, direkter und überfallartiger werden. „Wir sollen geradlinig spielen, über wenige Stationen nach vorne kommen“, sagte Marco Russ. Der auf Kombinationen und Ballbesitz fußende Veh-Fußball sollte ausgedient haben. „Wir sollen keine drei Meter Pässchen spielen, sondern den Ball in die Tiefe passen.“ So weit die Theorie. In der Praxis funktionierte nichts von alledem, in keiner einzigen Phase der Saison – heute ist davon schon lange keine Rede mehr. Im Grunde hat es Eintracht Frankfurt nicht geschafft, über die ganze Spielzeit hinweg ein System zu entwickeln, in dem sich die Mannschaft wohl fühlt, einen Wiedererkennungswert zu schaffen. Keiner weiß, wofür diese Mannschaft steht? Von Schaafs Philosophie ist längst nichts mehr übrig, sie ist ohnehin nie auch nur im Ansatz umgesetzt worden.

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Und es wurde deutlich, dass es schwer werden würde auf den Feldern der Bundesliga. Schon nach dem dritten Spieltag und einem böse dahin gestolperten 0:1 gegen Augsburg stellte die FR die Frage: „War das jetzt nur ein Ausrutscher oder gibt es strukturelle Defizite?“ Und: „Ist es der Weisheit letzter Schluss, Takashi Inui mit der verantwortungsvollen Aufgabe zu betrauen, das Spiel zu machen? Gegen Augsburg war er damit überfordert. Und Lucas Piazon ist in dieser Form keine Hilfe für die Mannschaft, das reicht nicht für die Bundesliga.“

Die Mannschaft zeigte immerhin Behauptungswillen, gegen Mainz und Köln steckte sie Rückschläge weg und raffte sich zu ordentlichen Leistungen auf. Die waren der Kraft, der Power und der individuellen Qualität (Meier, Seferovic, Aigner) geschuldet, weniger der spielerischer Klasse. Es war zu erkennen, dass grundsätzlich etwas nicht stimmte. Das 4:5 gegen den VfB Stuttgart, das deutschlandweit als großes Spektakel gefeiert wurde, war im Grunde ein Armutszeugnis für eine professionelle Fußballmannschaft. „Die Mannschaft hat keine Struktur und Linie“, schrieb die FR. „Sie hat keine Stabilität, die Mannschaft hat nichts, auf was sie sich zurückziehen kann, das Fundament fehlt.“ Schaaf müsse an einem Defensivkonzept feilen, das Mittelfeld verdichten. „Er muss der Mannschaft eine Hilfe sein, ihr etwas an die Hand geben, auf das sie sich zurückziehen kann.“ Und: „Eintracht Frankfurt sollte wieder versuchen, Fußball zu spielen, zu kombinieren. Schon jetzt ist all das, für was Eintracht Frankfurt stand, eingerissen worden.“

Schaaf verschließt sich nicht

Das schafften die Frankfurter kurzzeitig. Nach dem Tiefpunkt gegen Hannover 96 (0:1) ist das Team auf den Trainer zugegangen und hat ihn gebeten, das Spielsystem zu modifizieren. Schaaf war so klug, mit dem Team diesen Weg zu gehen, sich nicht zu verschließen und auf seinem Konzept zu beharren. Die Mannschaft wollte wieder mehr Initiative zeigen, den Gegner früher attackieren, das eigene Spiel weiter nach vorn verlagern. „Das hat uns immer ausgezeichnet“, sagte Rechtsaußen Stefan Aigner. „Das ist die Spielweise, die wir am besten können“, bekundete Verteidiger Bastian Oczipka, „wenn wir vorn draufgehen, ist es für uns einfacher.“

Und so schwang sich die Eintracht zu einem bemerkenswerten Zwischenhoch auf, sie spielte plötzlich rassigen, rasanten Fußball, der Ball lief phasenweise wie in alten Tagen. Die Frankfurter hatten auch Erfolg damit, 3:1 in Gladbach, 2:0 gegen Dortmund, 5:2 gegen Bremen. Auch die Niederlage in Hoffenheim (2:3) war ein tolles Spiel. So machte Eintracht Frankfurt Spaß.

Doch nach der Winterpause ist davon nichts mehr geblieben. Viele Spieler behaupten nach wie vor, im Wintertrainingslager in Abu Dhabi habe sich das Klima schon verschlechtert. Eine wirkliche Mannschaft, eine Einheit ist dieses Team und ihrer Trainer nicht mehr. Seitdem hat die Eintracht einige Glanzlichter zu Hause geschafft, aber viele schlappe Auftritte und Totaleinbrüche in der Fremde hingelegt. Bisher stehen 40 Punkte, das ist okay, aber in dieser Saison wäre sehr viel mehr drin gewesen.

Es bleibt dabei: Diese Spielzeit ist keine gute.

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