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"Europa ist mein Traum", sagt Mijat Gacinovic.
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"Europa ist mein Traum", sagt Mijat Gacinovic.

Mijat Gacinovic

"So leicht schubst mich jetzt keiner mehr weg"

  • Ingo Durstewitz
    VonIngo Durstewitz
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  • Thomas Kilchenstein
    Thomas Kilchenstein
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Eintracht-Profi Mijat Gacinovic über seinen Weg zum Stammspieler, die Leader-Qualität von Kevin-Prince Boateng und die Entwicklung der Mannschaft, die er stärker erachtet als die in der vergangenen Saison.

Herr Gacinovic, hat Ihnen Kevin-Prince Boateng schon ein Essen spendiert? Er hat Ihnen schließlich Ihr erstes Saisontor     am Samstag in Gladbach förmlich gestohlen.
Bis jetzt noch nicht (lacht). Er hat sich später entschuldigt, aber ich habe das ja sowieso verstanden. Es war ja keine Absicht. Er dachte, er macht ihn ganz sicher rein, hätte mir auch passieren können. Das ist für mich kein Problem. Das ist Fußball.

Für Sie war aber klar, dass der Ball ins Tor gehen würde?
Ja. Das habe ich gesehen. Und ich habe auch gleich gedacht, dass Kevin im Abseits war. Ich habe kurz noch gehofft, dass es vielleicht doch kein Abseits war, dann hätte ich wenigstens die Vorlage zum 1:0 gegeben. Schade.

Sie sind seit zwei Jahren in Frankfurt dabei. Und gehören damit fast schon zu den dienstältesten Spielern. Wie hat sich ihr Standing innerhalb der Mannschaft verändert?
Ich versuche vor allem, den jüngeren Spielern zu helfen, etwa Luka Jovic, meinem Landsmann. Ich kenne ihn schon eine ganze Weile. Wir sprechen viel miteinander. Ich versuche, ihm zu helfen, weil ich weiß, wie schwer es für mich damals war, als ich kam und niemanden kannte und auch noch kein Deutsch sprach. Wir gehen zusammen Essen oder gucken Fußball bei mir. Es ist wichtig, dass er weiß, dass er hier Freunde hat. Es ist nicht einfach für einen jungen Spieler, sich in einem neuen Land zurechtzufinden. Es ist wichtig, dass jemand da ist, der helfen kann. Mir haben damals Slobodan Medojevic, Haris Seferovic, Aleksander Ignjovski und auch Lukas Hradecky sehr geholfen. Luka Jovic braucht, wie ich damals, noch ein wenig Zeit, aber er kann hier bestimmt einen großen Schritt nach vorne machen. Und er muss Deutsch lernen, das ist entscheidend, um in Deutschland Fuß zu fassen.

Sie selbst haben erstaunlich schnell und gut die Sprache gelernt.
Ja, aber ich habe immer noch Kurse. Bei der Grammatik hapert es noch. Ich kann mit jedem sprechen, verstehe alles, aber ich mache noch Fehler. Und ich will die Sprache so perfekt wie möglich lernen. Ich bin in einem Kurs mit David Abraham Marco Fabian und Ante Rebic. 

Kann Ante Rebic schon so gut Deutsch?
Ja. Er versteht viel, er war ja schon ein Jahr in Leipzig. Aber manchmal hat er nicht so viel Lust zu sprechen (lacht).

Ihr Einstand vor zwei Jahren bei der Eintracht stand unter keinem glücklichen Stern. Sie hatten kaum Pause, waren krank, dann verletzten Sie sich, erkrankten später auch noch am Pfeifferschen Drüsenfieber. Wie war diese Zeit?
Schwierig, klar. Ich kam in der Mitte der Vorbereitung. Die Mannschaft war schon gut in Schuss, als ich dazu kam. Für mich war das enorm schwer, weil das Tempo in der Bundesliga viel höher ist als in der serbischen Liga. Die ersten drei Monate habe ich bei Trainer Armin Veh keine Rolle gespielt, ich habe nicht gespielt, war nicht mal im Kader, verstand so gut wie nichts. Das war nicht einfach.

Apropos Veh: Jüngst hat Sie Ihr Ex-Trainer öffentlich schwer gelobt. Sie seien „sehr fleißig, sehr talentiert und entwickelten sich gut“, hat er gesagt.
Ja, das habe ich auch gelesen. Eigentlich gab es nie ein Problem mit Armin Veh. Nur die Sprachbarriere. Ich sprach noch kein Deutsch, er konnte nicht so gut Englisch. Wir konnten nicht reden. Aber er war immer gut zu mir, hat mich nie schlecht behandelt.

Umso beachtlicher ist die Entwicklung, die Sie in den letzten zwei Jahren durchlaufen haben: Vom schmächtigen Tribünenhocker zum Stammspieler im offensiven Mittelfeld.
Das war genau mein Ziel, das wollte ich schaffen: Stammspieler werden und wichtig für die Mannschaft sein. Und ich will immer noch besser werden. Dafür arbeite ich jeden Tag sehr hart. Und du musst stets alles geben: Wenn du zwei Spiele schlecht machst, findest du dich vielleicht auf der Bank oder gar auf der Tribüne wieder. Denn wir haben nicht nur 30 Spieler, sondern 30 gute Spieler. Da musst du in jedem Training kämpfen, musst zeigen, dass du da bist.

Inzwischen spielen Sie ja endlich nicht mehr auf der ungeliebten Position im defensiven Mittelfeld, sondern weiter vorne. Das tut Ihnen gut, oder?
In der Rückrunde musste ich auf der Sechs spielen, weil viele Spieler verletzt fehlten. Das ist nicht gerade meine Lieblingsrolle. Jetzt bin ich offensiver und das ist auch besser für mich und ich denke auch für die Mannschaft. Diese Position liebe ich. Früher in Serbien war ich mal Linksaußen, mal Rechtsaußen, mal auf der Zehn. Aber auf der Acht oder gar der Sechs habe ich nie gespielt. Aber ich habe jetzt mehr Erfahrung und spiele wieder weiter vorne, bin näher am Tor. Ein Tor ist mit in der Bundesliga in dieser Saison noch nicht geglückt, da war der Lattenschuss gegen Wolfsburg und die Sache in Gladbach. Aber das kommt noch. Andererseits: Beim letzten Spiel der serbischen Nationalmannschaft gegen Moldawien habe ich gespielt wie Timmy Chandler ...

... im Ernst, rechter Verteidiger?
Ja. Wir spielen in der Nationalmannschaft immer so ähnlich wie hier in Frankfurt, die Außenverteidiger stehen weit oben. Das hat mir gut gefallen. Ich habe ein Tor gemacht und ein weiteres vorbereitet. Aber in der Defensive hatte ich nicht so viel zu tun, Moldawien war nicht so gut. Tja, das zum Beispiel habe ich in Deutschland gelernt: Verschiedene Positionen zu spielen und defensiv nach hinten zu arbeiten. Ich kann jetzt mehr und länger laufen, mein Kopfballspiel ist besser geworden und ich hab gut fünf Kilogramm mehr Muskelmasse zu gelegt. Ich habe an meinem Körper gearbeitet.

Spüren Sie das auch im Spiel, also dass Sie sich nicht mehr so leicht umwerfen lassen.
Klar. Es ist ein himmelweiter Unterschied zwischen dem ersten Jahr Bundesliga und jetzt. So leicht schubst mich jetzt keiner mehr weg. Ich gebe immer 100 Prozent. Gut, wenn ein Brocken kommt, der ebenfalls 100 Prozent gibt, habe ich im Zweikampf vielleicht einen Nachteil. Aber ich bin schneller und flinker.

Nach den zwei Jahren ist doch auch Ihr Stellenwert innerhalb der Mannschaft ein anderer. Sie sind in der Team-Hierarchie ein paar Stufen nach oben geklettert.
Ich versuche einfach, mich einzubringen und den anderen zu helfen. Aber so machen es die anderen auch, das ist nicht so schwer bei uns. Wir haben nicht nur gute Fußballer, sondern auch gute Charaktere. Die Neuzugänge sind ebenfalls allesamt feine Jungs. Ich denke, dass Fredi Bobic (Sportvorstand; Anm. d. Red), Bruno Hübner (Sportdirektor; Anm. d. Red) und Trainer Niko Kovac sehr genau darauf achten, dass die Spieler auch charakterlich einwandfrei sind und nicht nur gut Fußball spielen können. Das ist sehr wichtig. Wir haben eine sehr gute Stimmung. Wenn das nicht so wäre, hätten wir ein Problem. Wenn eine Mannschaft fußballerisch gut ist, aber sich nicht versteht, dann ist es schwierig, das ist nicht gut. Stellen Sie sich vor, man mag sich untereinander nicht oder gönnt dem anderen etwas nicht, dann wird man nicht angespielt oder so etwas. Das wäre nicht gut. Aber so etwas gibt es hier nicht, ganz im Gegenteil. Wir sind wirklich eine richtig gute Truppe, die zusammenhält. 

Die Eintracht hat Kevin-Prince Boateng geholt, er soll hier der Anführer sein. Merkt man das bereits?
Ja. Auf jeden Fall. Ich denke, jede Mannschaft braucht einen Leader. Er ist ein  Leader. Nicht nur auf dem Platz, auch außerhalb. Er spricht mit jedem von uns, hilft uns. Auch mit mir hat er schon viel gesprochen. Für mich ist es gut, dass er da ist. Und er ist ein sehr guter Spieler, von ihm profitiert man auf dem Platz ganz besonders. Er pusht einen immer nach vorne, er treibt dich an, zieht dich mit. Aber immer positiv. Es ist echt super mit ihm. Man muss nur mal sehen, was er für eine tolle Karriere hat. Und er gibt immer 100 Prozent. Er ist ein richtiges Vorbild. Also, er ist nicht arrogant oder so was, er lässt nicht den Superstar raushängen, ganz im Gegenteil. Er ist ein Supermensch. 

Auch in der serbischen Nationalmannschaft starten Sie durch, nicht nur als rechter Verteidiger. 
Ja, es läuft ganz gut. Ich war jetzt zwar im zweiten Spiel auf der Bank, im ersten Spiel gegen Moldawien war klar, dass wir offensiv spielen wollen. Und im zweiten in Irland wollten wir eher defensiv spielen, da war mir schon klar, dass ich eher nicht spielen werde. Wir sind Erster in der Gruppe, haben vier Punkte Vorsprung vor Wales, dem Gruppenzweiten. Wir brauchen noch zwei Punkte, dann sind wir bei der WM dabei. Wir haben eine super Mannschaft. Wir hatten ja schon immer gute Einzelspieler, aber früher war die Mentalität ein Problem. Aber jetzt achtet der Trainer sehr auf Disziplin, er ist streng, hat klare Vorstellungen. Es spielen nicht immer die Besten, sondern die, die sich am meisten reinhauen, die eine Top-Einstellung und einen eisernen Willen haben. Wir spielen trotzdem einen guten Fußball. 

Ist die Teilnahme an der WM in Russland  im kommenden Jahr ein Traum für Sie?
Natürlich, das ist mein großer Traum sogar. 

Sie haben ja alle serbischen Jugendteams durchlaufen, große Erfolge gefeiert, Europameister, Weltmeister. Das ist eine ganze Menge für einen jungen Spieler. 
Das stimmt. Wir hatten damals eine überragende Mannschaft, und der Trainer war super. Veljko Paunovic ist einfach ein unglaublich guter Coach und ein toller Mensch. Er ist jetzt in der MLS bei Chicago Fire, dort, wo Bastian Schweinsteiger spielt. 

Wie sehen sie die Eintracht-Mannschaft im Vergleich zur vergangenen Saison?
Ich denke, wir haben eine bessere Mannschaft als letzte Saison, wir haben drei gute Spiele gemacht, hätten mehr Punkte verdient. Aber das kommt schon noch. 

Der Spielstil hat sich verändert, es werden viele lange Bälle gespielt. 
Ja, weil wir zwei große Stürmer haben, die ballsicher sind. So ist es dann einfacher für uns. Wir müssen nicht jeden Ball von hinten abholen, so gehen wir vorne auf die zweiten Bälle. Das ist sogar viel einfacher für uns. Die beiden da vorne machen nicht jeden, aber viele Bälle fest. Und wir können nachrücken. 

Wie ist es um Ihren Fitnesszustand bestellt, Sie können ja eigentlich noch gar nicht topfit sein, weil Sie mit der U21 die Europameisterschaft spielten und erst später in die Vorbereitung eingestiegen sind. 
Ich bin noch nicht bei 100 Prozent, das stimmt. In Gladbach etwa war die schlimmste Zeit zwischen der 30. und 45. Minute, da hatte ich einen toten Punkt. Da fiel es mir schwer, da musste ich mich bis in die Halbzeit durchbeißen. Ich war froh, dass Pause war. Wir haben so viel Gas gegeben in der ersten halben Stunde, da war ich einfach platt. Nach der Pause ging es dann wieder sehr viel besser. Aber die Bundesliga ist sowieso hart. In jedem Spiel ist das Tempo extrem hoch, es ist schon sehr, sehr anstrengend. Da ist es egal, ob du gegen Bayern oder Freiburg spielst – jeder Gegner verlangt dir alles ab, weil alle topfit sind und Gas geben ohne Ende. 

Was sind Ihre Ziele mit der Eintracht in dieser Saison?
Ich denke, wir können besser abschneiden als in der letzten Saison. Mein persönliches Ziel ist, mit der Eintracht europäisch zu spielen. Das ist mein Traum. 

Sie haben ja Vertrag bis ins Jahr 2021, da haben Sie noch ein bisschen Zeit. 
Ich werde sicher noch hier bleiben, aber für mich ist auch klar, dass ich dann mal zu einem richtig großen Verein möchte. Aber nicht so schnell und nicht sofort, ich möchte mich hier noch entwickeln und besser werden. Das hier ist genau richtig für mich. Und wenn wir, die Eintracht, mein Berater, mein Vater und ich, merken, dass der Zeitpunkt gekommen ist, zu einem größeren Klub zu gehen, entscheiden wir das zusammen. Aber ich bin sehr zufrieden hier. 

Wer entscheidet am Ende?
Ich entscheide das mit meinem Vater zusammen. Er war früher selbst Profi, jetzt ist er Trainer, er hat alles erlebt. Ich vertraue ihm und kann mich auf ihn verlassen. 

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

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