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Startet jetzt bei den Lilien durch: Marcel Heller.

Marcel Heller

Mit langem Anlauf ins Glück

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Der Darmstädter Marcel Heller hat die Kurve bekommen und fiebert dem Derby bei seinem Ex-Klub Eintracht Frankfurt entgegen.

Marcel Heller schießen allerlei Erinnerungen in den Kopf, wenn er an Eintracht Frankfurt denkt. Quasi auf Knopfdruck. Es sind nicht nur Glanzlichter wie jenes gegen die mächtigen Bayern, als er dem damals noch blutjungen David Alaba Knoten in die Beine spielte. Nein, es sind „kleine Sachen“, wie der Darmstädter Flügelspieler formuliert. Sein erster Profieinsatz: „Gegen Schalke, zu Hause, da bin ich eingewechselt worden.“ Sein erstes Tor: „In Bielefeld, da habe ich das 4:2 gemacht.“ Oder auch seine schlimme Rückenverletzung, einen Riss in der Lendenwirbelsäule. „Das ist endgültig aufgebrochen, als ich in Hamburg einen Schlag darauf bekommen habe.“ Diese Blessur hätte seine Karriere beinahe beendet, ehe sie Fahrt aufgenommen hat. Das ist fast zehn Jahre her.

Heute steht Marcel Heller in den Katakomben des baufälligen Stadions am Böllenfalltor, es ist zugig und ungastlich. Doch hier ist der Ursprung seiner fußballerischen Auferstehung. In zwei Monaten wird er seinen 30.Geburtstag feiern. Er hat die Kurve bekommen, es ist alles noch mal gut gegangen. Heller weiß das. Er ist dankbar, sogar ein klein wenig demütig. „Meine Karriere war eine Berg- und Talfahrt“, sagt er. „Es ging sehr schnell bergauf, und dann habe ich gemerkt, wie schnell es nach unten gehen kann.“ Es sind keine vorgestanzten Sätze, es sind Sätze, die er genauso spürt, die er fühlt.

Damals, 2006, galt er als aufstrebende Nachwuchshoffnung, vielleicht als zukünftiger Star am Fußball-Firmament, ganz sicher aber als Sternchen. Er war das, was man an anderer Stelle auf dem Globus „The Next Big Thing“ nennt, frei übersetzt: Die nächste große Nummer.

Der frühere DFB-Sportdirektor Matthias Sammer hatte ihn geadelt, als eines der größten deutschen Talente bezeichnet und der Eintracht zur Verpflichtung des jungen Mannes gratuliert. Anfangs lief es vielversprechend, er kam zu seinen Einsätzen, wurde vom damaligen Trainer Friedhelm Funkel behutsam herangeführt. Aber der große Durchbruch blieb ihm verwehrt, woran auch die schwere Rückenblessur schuld war. Nicht nur, aber zu einem Gutteil. „Ich kann nicht sagen, was passiert wäre, wenn ich diese Verletzung nicht gehabt hätte. Man kann die Geschichte sowieso nicht neu schreiben.“

Später, 2010, reichte Marcel Heller das eine Spiel gegen die Bayern, um einen neuen Einjahresvertrag in Frankfurt zu ergattern. Michael Skibbe, der damalige Trainer, setzte das durch – und Heller anschließend fast ein Jahr auf die Tribüne. Das hat seine Laufbahn fast beendet. Heller tingelte durch die Holzklasse: In Dresden fühlte er sich nicht wohl, Alemannia Aachen meldete Insolvenz an. Marcel Heller war ganz unten angelangt. „Was hast du falsch gemacht?“, habe er sich zu dieser Zeit oft gefragt.

Aber er habe sich selbst Mut gemacht, sich an die Anfänge erinnert und an die Zeit, als ihn die Eintracht von den Sportfreunden Siegen holte. „Irgendwas müssen sie ja in mir gesehen haben.“ Er hat außerdem in den DFB-Auswahlmannschaften „mit Manuel Neuer, Mesut Özil oder Jerome Boateng zusammengespielt – es kann ja nicht alles falsch gewesen sein.“ Und als es dann scheinbar nicht mehr weiter nach unten ging, als seine Karriere ein Scherbenhaufen war und die Arbeitslosigkeit drohte, da kam der Anruf von Dirk Schuster. Ob er sich vorstellen könne, das neue Darmstädter Projekt anzuschieben. Heller konnte. Es blieb ihm ohnehin nichts übrig. Es war, wenn man so will, seine letzte Chance, die letzte Ausfahrt. Er ist richtig abgebogen.

Heute ist der pfeilschnelle Mann, so etwas wie der Speedy Gonzales der Bundesliga, in aller Munde. Er, der früher etwas hatte, was Trainer Schuster mal „Netzangst“ nannte, hat schon fünf Tore gemacht – so viele wie Alex Meier. Alle großen Magazine und Zeitungen haben ihm bereits Seitenaufmacher gewidmet. Auch den zwischenzeitlichen Hype hat er locker weggesteckt. „Ich kann das alles gut einordnen“, befindet er. Die harten Zeiten seien im Rückblick verdammt lehrreich gewesen. „Sie waren wichtig für meine Entwicklung, für meinen Kopf, für meine Persönlichkeit.“

Der Spätzünder hat in Darmstadt sein Glück gefunden. Er ist der, der heraussticht aus dem Kollektiv. Wenn man so will der kleine Lilien-Star, auch wenn er selbst das so nie durchgehen lassen würde. Und er ist ein besserer Spieler geworden, viel reifer, erwachsener, cleverer. Früher rannte er die Linie hoch und runter, und Spötter scherzten einst, erst der Fangzaun könne seine Soli bremsen. Wahrscheinlich sind es genau diese Menschen, die jetzt der festen Überzeugung sind, dass Marcel Heller in der momentanen Form aus dem Eintracht-Ensemble nicht wegzudenken sei.

Am Sonntag kehrt er nach Frankfurt zurück, er fiebert dem für ihn besonderen Spiel entgegen. Die Erinnerungen an diese Episode hat er nur in seinem Kopf; Trikots, Shirts, Hosen mit Eintracht-Emblem hat er schon vor einiger Zeit an Freunde verschenkt. „Bei mir lag das ja sowieso nur rum.“

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