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Die Kunst des Pragmatikers

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Von: Ingo Durstewitz

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Abwehrchef, Windhund und Stabilisator: David Abraham (links), eine Klasse für sich.
Abwehrchef, Windhund und Stabilisator: David Abraham (links), eine Klasse für sich. © dpa

Eintracht-Trainer Niko Kovac orientiert sich strikt am Machbaren ? das sieht nicht schön aus, ist aber erfolgreich.

Der frühere Nationalspieler und heutige Fernsehexperte Dietmar Hamann gibt beim Bezahlsender Sky eine rundweg gute Figur ab – und das liegt eher an seiner fundierten Expertise als am weinroten Wollpulli, in den der Abokanal seinen Fachmann schlüpfen lässt (alle anderen tragen übrigens ein schickes Hemd). Besonders stylisch ist das nicht, analytisch hochwertig hingegen sehr wohl. Nach der Sonntagspartie zwischen Hertha BSC und Eintracht Frankfurt urteilte Didi Hamann gewohnt zielsicher. Die Eintracht, bedeutete der 44-Jährige, habe eine gewachsene, gefestigte und stabile Truppe beisammen, die von einem herausragenden Spieler angeführt werde: David Abraham, in Abwesenheit von Alexander Meier auch Kapitän des Ensembles. Sein Wert? Unermesslich. Seine Leistung in Berlin? „Eine Eins mit Sternchen.“ Kann man so sehen.

Niko Kovac schätzt Spieler wie Abraham

Der Abwehrchef hat beim 2:1-Auswärtserfolg im Olympiastadion mal wieder eine beeindruckende Vorstellung gezeigt, mehr als 75 Prozent seiner Zweikämpfe gewonnen und viele Brandherde im Keim erstickt. Mit seiner enormen Schnelligkeit kocht er fast alle Stürmer ab, an ihm kommt kaum einer vorbei.

Trainer Niko Kovac nannte den 31-jährigen Argentinier einst „unsere Lebensversicherung“, nach dem Dreier in der Kapitale fand der Fußballlehrer erneut lobende Worte: „David ist ein absoluter Führungsspieler, er hält den Laden zusammen.“ Wenn man beobachtet, mit welch Intensität und Leidenschaft er jedes einzelne Training bestreite, dann sei das bewundernswert. „Er gibt immer Gas – trotz seines Alters.“ Niko Kovac schätzt Spieler wie Abraham, die mehr machen – ohne zu murren. Abraham, der mittlerweile zentral verteidigt, um noch schneller nach allen Seiten eingreifen zu können, ist der Prototyp eines selbstlosen Schaffers mit tadellosem Arbeitsethos. So einen wie ihn würde Kovac erschaffen, wenn er ihn nicht schon hätte. Klonen geht ja nicht.

Wer sich auf die Spuren von 22  Punkten nach 14 Bundesligapartien macht, der kommt an Typen wie Abraham nicht vorbei. Die Organisation und die Kompaktheit in der Defensive sind die Gründe dafür, dass sich die Hessen ein dickes Polster zum Relegationsrang (zehn Punkte) angefuttert haben und der Rückstand zum Champions-League-Qualifikationsplatz nur zwei Zähler beträgt. Die Frankfurter sind der Konkurrenz aus dem hinteren Mittelfeld fußballerisch nicht überlegen, aber sie investieren noch ein Tick mehr, haben einen unbeugsamen Willen und können ihre Gegner durch ihre Robustheit und Körperlichkeit verwunden. Es gab Zeiten, da wäre ein Eintracht-Team nach einer völlig missratenen Anfangsphase wie jener in Berlin samt verdientem Rückstand noch auseinandergebrochen oder hätte die Partie zumindest 0:2 verloren. Das ist nicht so lange her.

Heute aber fängt sich die Mannschaft, sie macht einfach immer weiter, drückt und drängt und holt sich die Spielkontrolle Stück für Stück zurück. Das ist ein Qualitätsmerkmal. Genauso wie die Abwehrarbeit: Nach der Berliner Drangperiode musste Eintracht-Torwart Lukas Hradecky nicht einen einzigen gefährlichen Schuss mehr parieren. Die Eintracht stellt nicht nur das beste Auswärtsteam der Liga, sondern mit 14 Gegentoren auch die zweitbeste Abwehr nach den Bayern (elf). In 14 Begegnungen kassierte die Eintracht nie mehr als zwei Gegentore – genauso wie die Bayern. Das ist kein Zufall.

Im umgekehrten Fall haben die Hessen auch nie mehr als zwei Treffer erzielt, das hat sonst nur der 1.FC Köln geschafft. 16 geschossene Tore sind nun nicht die Wucht, nur die heißen Abstiegskandidaten oder jene am Rande des Tabellenkellers haben weniger gemacht. Auch das ist kein Zufall, es ist das Produkt des Fußballs, den Trainer Kovac spielen lässt, nämlich einen bissigen Zeckenfußball erster Güte. Und das ist als Kompliment gemeint.

Spielerisch liegt einiges im Argen

Spielerisch, das wissen die Verantwortlichen, liegt einiges im Argen, es ist nicht schön anzuschauen, was die Frankfurter aufs Feld werfen. Die Spieleröffnungsvarianten sind ein Konglomerat an Einfallslosigkeit und Schlichtheit, unzählige Male wird der Ball quer oder zurück gepasst oder auch lang geschlagen. Vergnügungssteuerpflichtig ist das eher nicht.

Die letztjährige Mannschaft war fußballerisch zweifelsfrei stärker. Doch sie war, zumindest im Laufe der Zeit, auch anfälliger, nicht so widerstandsfähig. Und der Kader ist nun breiter geworden, Kovac hat mehr Möglichkeiten, um Verletzungen oder Formschwächen besser aufzufangen. Er scheut sich nicht, mal zu rotieren, berücksichtigt taktische Zwänge oder Trainingsleistungen. In Berlin flog der zuletzt stets aufgebotene Marc Stendera aus dem Kader, Aymen Barkok sprang hingegen von der Tribüne ins Team, zumindest in der zweiten Hälfte. Kovac weiß zudem einige starke Individualisten in seiner Elf: Kevin-Prince Boatengs Tore sind hochwertig, solche Treffer macht nicht jeder. Und sie sind wichtig. Er hat einmal fast (in Hoffenheim) und zweimal tatsächlich den Siegtreffer markiert. Auch hier: Kein Zufall.

Kovac, der Pragmatiker, orientiert sich strikt am Machbaren. Er weiß, was seine Mannschaft kann und was nicht, und genau so stellt er sie auf und ein. Er würde seine Elf gerne schöneren Fußball spielen sehen. Doch bis dahin ist der Weg weit. Und es ist eine Kunst, nicht auf Teufel komm raus sein Konzept durchzuziehen, sondern es eben so zu modifizieren, dass es passt und den größtmöglichen Erfolg bringt. Kovac beherrscht diese Kunst.    

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