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Ausgeglichenes Duell: die Mainzer Jean-Paul Boetius (l.) und Danny Latza im Zweikampf mit dem Frankfurter Jonathan de Guzman.

Gegner Mainz

Der Kreis schließt sich

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In Mainz hat Eintracht Frankfurt mal wieder mit offenem Visier agiert und bewiesen, dass ein anderes Team auf dem Platz steht als zu Beginn der Saison. Nun kommt der FC Bayern.

Hinterher und nach dem wieder nicht gewonnenen Gastspiel beim Nachbarn FSV Mainz 05 hat der Frankfurter Schlussmann Kevin Trapp schon mal eine kleine Bilanz der Hinrunde gezogen. Sie ist sehr positiv ausgefallen, kein Wunder, dabei steht noch das absolute „Highlight“ (Sportdirektor Bruno Hübner) an, die Bayern kommen am Samstagabend in den Stadtwald, und da haben die Hessen noch eine kleine Rechnung offen. Die 0:5-Klatsche aus dem Sommer im Supercup ist nicht vergessen, dazu kommt der alte Coach Niko Kovac nach Frankfurt, und irgendwie freut sich halb Frankfurt auf eine Neuauflage des Duells Ante Rebic gegen Mats Hummels. Der kroatische Stürmer hatte im Mai im Pokalfinale bekanntlich das Spiel seines Lebens gemacht, zwei Tore zum 3:1-Triumph erzielt und dabei den deutschen Nationalverteidiger ganz schön alt aussehen lassen.

Am Samstag schließt sich zudem ein Kreis. Zwischen Supercup und dem 17. Spieltag der Bundesliga liegen mittlerweile nicht nur gute vier Monate, sondern auch Welten. Eintracht Frankfurt Ende Dezember ist nicht mehr Eintracht Frankfurt im August, da steht jetzt eine andere Mannschaft auf dem Rasen, eine, die einen genauen Plan verfolgt, die über Selbstvertrauen und die erforderlichen fußballerische Fertigkeiten verfügt, diesen auch in die Tat umzusetzen. Es ist eine Mannschaft, die sich zu Recht im oberen Drittel des Klassements eingenistet hat, eine Mannschaft, die stabil und angriffslustig agiert und immer mehr will. „Hungrig“ nennt sie Trainer Adi Hütter, der Architekt des bemerkenswerten Aufschwungs.

Er, Trapp, habe schon früh gesagt, auch als es anfangs nicht gut lief, dass „wir unheimlich viel Qualität in der Mannschaft“ haben. „Was wir in der Hinrunde erreicht haben, ist sensationell“, lobte der 28-Jährige nach dem 2:2 (2:2) in FSV Mainz. „Da muss man einfach den Hut vor ziehen.“ 27 Punkte und Tabellenplatz fünf in der Bundesliga sowie sechs Siege in sechs Europa-League-Spielen kämen „nicht von ungefähr“, so Trapp weiter, „das ist unfassbar. Ich glaube, dass wir eine richtig, richtig gute Mannschaft haben“, sagte die Leihgabe von Paris St. Germain, der in Mainz mit einer klasse Parade kurz vor Schluss gegen Jean-Paul Boetius den Punkt rettete. Der ganze Klub befände sich auf dem richtigen Weg.

Die neu entwickelte Reife dieser Frankfurter Auswahl hat sich gerade in diesem wahlweise „intensiven“ (Adi Hütter) oder „großartigen“ (FSV-Coach Sandro Schwarz) Spiel gezeigt, das den Frankfurtern eine Menge abverlangt hatte: Die Gastgeber legten eine erstaunliche Bissigkeit an den Tag, die der Eintracht nicht behagte. Gelson Fernandes, das fleißige Lieschen zwischen den Strafräumen, fühlte sich zeitweise an eine „englische Mannschaft“ erinnert, „körperlich robust, schnell“ seien die Gastgeber unterwegs gewesen, und nicht alle Frankfurter hatten bei den Hinweisen zur bekannten Mainzer Zweikampfführung „hingehört“, wie Trainer Hütter subtil deckelte. Den beiden Führungstoren durch Robin Quaison (10. und 36. Minute) waren jeweils verlorene Duelle Mann gegen Mann vorausgegangen, die Nullfünfer seien „unheimlich aggressiv“ aufgetreten, die Tore, sagte Trapp darüber hinaus, „haben wir zu einfach bekommen.“ Immerhin aber kamen die Frankfurter jeweils prompt zurück, Luka Jovic (31. und 45.) traf ebenfalls doppelt und führt nun die Torjägerliste (gemeinsam mit dem Dortmunder Paco Alcacer) mit zwölf Treffern an. Und dabei schafften es die Frankfurter dieses Mal sogar, nach einer Ecke von Jonathan de Guzman ein Tor zu erzielen, das hat Seltenheitswert.

Mit diesem einen Punkt, das war hinterher die einhellige Meinung, können die Frankfurter gut leben, „ein gerechtes Unentschieden“, fand Hütter. Die Eintracht hätte freilich in der Schlussminute durch Rebic noch einen Lucky Punch setzen können, aber der eingewechselte Angreifer fand im Mainzer Schlussmann Robin Zentner seinen Meister. Es wäre das aber auch des Guten zu viel gewesen, zumal die Mainzer zuvor durch Boetius ebenfalls hätten den Siegtreffer erzielen können.

Wie Eintracht Frankfurt, wie Trainer Hütter tickt, zeigte andererseits aber auch dieses Spiel: Der Österreicher hält nicht viel von Unentschieden, von Verwalten eines Spielergebnisses schon mal gar nicht. Lieber geht er ins Risiko. „Ich wollte das Spiel gewinnen“, sagte er zu seinem taktischen Schachzug, der beinahe nach hinten losgegangen wäre: Nach 70 Minuten, „das Spiel stand auf der Kippe“ (Hütter), nahm er zwei Mittelfeldspieler vom Feld, Mijat Gacinovic und de Guzman, und brachte Jetro Willems und Angreifer Ante Rebic. Fortan stimmte die Balance im Frankfurter Mittelfeld nicht mehr, Mainz bekam die zweite Luft und ein Übergewicht. „Wir hätten gewinnen können, hätten aber auch verlieren können“, fasste Trapp die 90 Minuten trefflich zusammen.

Am Tag nach dem Spiel gab der Klub mal wieder eine Vertragsverlängerung bekannt: Mijat Gacinovic unterzeichnete einen neuen Kontrakt, der ihn bis 2022, also ein weiteres Jahr, an die Eintracht bindet. Der schmächtige Serbe, seit 2015 dabei, lasse „regelmäßig sein großes Potenzial aufblitzen“, ließ sich Sportvorstand Fredi Bobic zitieren. Seine Tore im Relegationsspiel gegen Nürnberg, im Pokalfinale im Mai oder jüngst in Rom haben ihn in Frankfurt zu einem Spieler werden lassen, „der den Unterschied machen wird“. 99 Pflichtspiele hat der 23-Jährige auf dem Buckel, am Samstag steht er vor seinem hundertsten.

Und auf dieses ganz besondere Spiel, auf „diesen schönen Abschluss vor Weihnachten“, stimmen sie sich in Frankfurt jetzt ein, wie Ballfänger Trapp sagt. Im eigenen Stadion habe man längst unter Beweis gestellt, dass „wir einiges erreichen können“. Noch einmal müsse man „alle Kräfte bündeln“ und „sich zusammenreißen“ für einen letzten Kraftakt gegen den langjährigen Branchenführer. „Der Tank“, sagt der Schweizer Fernandes, „ist ein bisschen leer“, aber gegen die Bayern „wird es schön, das ist unser Weihnachtsspiel für die Fans“.

Dass Eintracht Frankfurt mit offenem Visier, breiter Brust, vor allem aber ohne Angst in dieses Duell gegen den FC Ruhmreich geht, ist sehr bezeichnend. Es zeigt, wie rasant die Entwicklung der Eintracht nach oben vonstatten ging. Und geht.

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