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Krachend durch die Türen des Verstandes

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Von: Jakob Böllhoff

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Der Eintracht-Gegner im Check: Tottenham-Coach Antonio Conte fordert extrem viel und reißt seine Spieler mit Leidenschaft und harter Arbeit mit.

London – Es sind Tage der Trauer bei den Tottenham Hotspurs. Der überraschende Tod des beliebten Fitnesscoachs Gian Piero Ventrone, der am vergangenen Donnerstag im Alter von 61 an einer akuten Leukämie verstorben war, versetzte den Londoner Fußballklub in einen Schockzustand. Die Pressekonferenz mit Trainer Antonio Conte vor dem Spiel am Samstag in Brighton wurde abgesagt, erst nach der Partie, welche die Spurs dank eines Treffers von Kapitän Harry Kane mit 1:0 für sich entschieden, äußerte sich der italienische Coach zum plötzlichen Verlust. „Wir sind am Boden zerstört durch den Schmerz“, sagte ein bewegter Conte. „Niemand hat das erwartet. Aber das Leben besteht nicht nur aus positiven Situationen. Wir müssen deshalb auf die bestmögliche Art damit umgehen. Weil ich weiß, dass Gian Piero gewollt hätte, dass wir stark bleiben und die Arbeit so fortsetzen, wie er es uns gelehrt hat.“

Besessener Bessermacher, und manchmal ganz schön ungehalten: Tottenham-Trainer Antonio Conte. imago images
Besessener Bessermacher, und manchmal ganz schön ungehalten: Tottenham-Trainer Antonio Conte. © Imago/Shutterstock

Ventrone war ein enger Vertrauter Contes. Nur wenige kannten den 53-jährigen Startrainer aus Italien so gut wie sein Landsmann, mit dem er schon zu Spielerzeiten in den Neunzigerjahren bei Juventus Turin zusammenarbeitete und der später festen Bestandteil seines Trainerteams wurde. Diese Loyalität ist elementar für Antonio Conte, denn er kennt keine Kompromisse. Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn.

Antonio Conte: Niederlagen hasst er

Radikalität und Prinzipientreue haben ihn weit gebracht in seinem Fußballerleben. Obwohl nicht sonderlich begabt, wurde er als zentraler Mittelfeldspieler in den Neunzigern Kapitän des italienischen Rekordmeisters Juventus Turin, und Nationalspieler. Ventrone war es, der über Conte sagte: „Er war sehr gut darin, seine Limits zu verstehen. Um sie zu kompensieren, forderte er sich stets bis zum Äußersten, mit hartem, fokussiertem Training. Jedes Jahr wurde er infrage gestellt, aber er blieb bei Juve und wurde Kapitän. Er hat sich alles selbst erarbeitet, mit Arbeit und Schweiß. Diese Erfahrung hat er in seine Trainerkarriere getragen.“

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Mit einer Verbissenheit, die diesem ernsten Mann förmlich ins Gesicht geschrieben steht, schaffte Conte es 2011 auch als Trainer zu Juventus. Wurde dort, wo er bei den Lehrmeistern Giovanni Trapattoni, Marcello Lippi, Arrigo Sacchi und Carlo Ancelotti das Spiel studierte, in drei Jahren dreimal Meister, um sich anschließend bei der italienischen Nationalmannschaft zu versuchen. Die verließ er nach dem Viertelfinalaus bei der EM 2016 gegen Deutschland wieder freiwillig, um in den Klubfußball zurückzukehren. Mit dem FC Chelsea wurde er 2017 englischer Meister, mit Inter Mailand 2021 italienischer. Wer Conte holt, holt Erfolg, so scheint es, und so war auch die Hoffnung der Tottenham Hotspurs, als sie sich nach zwei frustrierenden Jahren unter José Mourinho dem besessenen Meistermacher zuwandten.

Das hat sich schnell bezahlt gemacht. Conte führte die Nord-Londoner gegen alle Widerstände zurück in die Champions League, auch in dieser Saison sind sie stabil dabei, rangieren aktuell auf Platz drei. Doch man ahnt, dass Conte dies nicht reichen wird. Der Coach, der gelernt hat, die Späße über seine Haarimplantate mit Selbstironie zu kontern, verlangt das Maximum, von anderen und von sich selbst. Niederlagen machen ihn verrückt, sie bringen ihn um den Schlaf. Dann zieht er sich in sein Büro zurück und analysiert, wie es so weit kommen konnte, manchmal die ganze Nacht. Niederlagen, hat er einmal gesagt, seien ein bisschen wie der Tod, und wer wundert sich da noch über sein wildes Gebahren während der Spiele, wenn die Emotionen den schicken Kerl durch die Gegend wirbeln.

Für Außenstehende mag das mitunter befremdlich wirken, seine Spieler packt Conte mit seiner Leidenschaft. In seiner Biografie hat der große Andrea Pirlo geschrieben, Conte sei der Coach, der ihn am meisten überrascht habe. „Wenn Conte spricht, überfallen dich seine Worte. Sie krachen durch die Türen deines Verstandes, oft ziemlich gewaltsam, und lassen sich tief in dir nieder. Unzählige Male habe ich zu mir selbst gesagt: ‚Verdammt noch mal, Conte hat den Nagel heute wieder auf den Kopf getroffen.’ Ich habe erwartet, dass er gut ist, aber nicht so gut.“ (Jakob Böllhoff)

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