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Ein doch noch etwas ungewohntes Bild: Alex Meier, zurück auf St. Pauli. b

Alex Meier

Der König von St. Pauli

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Nach seinem unrühmlichen Ende bei Eintracht Frankfurt heuert Alex Meier in der Hamburger Heimat an.

In den vergangenen Tagen, als sich die Rückkehr des verlorenen Sohnes bereits anbahnte, sind allerlei Kiezklub-Größen zu Eintracht-Größe Alexander Meier befragt worden. Das Echo, egal ob in „Morgenpost“ oder „Bild“, war einhellig: „Mega-Deal für St.Pauli, ein Ausrufezeichen“ (Ivan Klasnic). „In Frankfurt war er ein Monster, lieferte phänomenal ab, er bindet auch heute noch zwei Abwehrspieler, sorgt für Respekt beim Gegner“ (Nico Patschinski). „Vorm Tor eiskalt. Er kann in den restlichen 16 Saisonspielen sogar in zweistelliger Höhe treffen“ (Marius Ebbers).

Die letzte These hört sich ein klein wenig verwegen an, doch ein paar Törchen sind Alex Meier im Unterhaus der Balltreterei durchaus zuzutrauen. Seit Sonntagmittag steht zumindest fest, dass die aktive Karriere des Fußballgotts eine irdische Fortsetzung finden wird: Der Torjäger unterschrieb beim Zweitligadritten FC St. Pauli einen Vertrag bis Saisonende, stand gestern schon mit den neuen Kollegen auf dem Übungsplatz und wird am Donnerstag mit dem Team ins Trainingslager nach Spanien reisen. Ein echter Coup.

„Ich erinnere mich gern an meine erste Zeit bei St. Pauli. Ich habe hier den Sprung ins Profigeschäft geschafft und will dem Klub jetzt helfen“, sagte Meier am Sonntag. Trainer Markus Kauczinski, der vor der Verpflichtung ein sehr offenes Gespräch mit Meier führte, kommentierte: „Allein, dass es Alex gereizt hat, noch einmal für St. Pauli zu spielen, spricht für ihn. Er verkörpert einen Stürmertypen, den wir so noch nicht im Kader haben.“

Für Meier schließt sich damit ein Kreis. Der in Buchholz in der Nordheide aufgewachsene Profi hat seine Karriere in Hamburg begonnen, beim HSV und beim FC St. Pauli. Tiefe Spuren hat er am Millerntor nicht hinterlassen können, was einzig und alleine daran lag, dass er nur rund eine Saison auf dem Kiez spielte, als blutjunges Talent reichte es immerhin zu 27 Einsätzen und sieben Toren. Dann begann sein steiler Aufstieg, sehr viel weiter südlich, in Frankfurt am Main. 14 Jahre hielt er die Knochen für seine Eintracht hin, er war ihr Kapitän, stieg mit ihr zweimal auf und einmal ab, er spielte in Europa und in der Provinz, er war bester Torschütze in der zweiten Liga und auch in der ersten, 2015 holte er sich die Torjägerkanone vor Hochkarätern wie Robert Lewandowski und Arjen Robben – obwohl er die letzten sieben Spiele wegen einer Knieoperation verpasste. Eine herausragende Leistung. Insgesamt hat er in 379 Partien 137 Tore für die Hessen erzielt, mehr als der unerreichte Jürgen Grabowski oder der legendäre Tony Yeboah. In Frankfurt verehren ihn die Fans, sie kürten ihn zum Fußballgott, widmeten ihm ein Lied, seine inoffizielle Bezeichnung „AMFG14“.

Alex Meier prägte den Klub, er war sein Gesicht und Aushängeschild, der Mann mit dem ulkigen Zopf war so etwas wie Mister Eintracht. Immer da, wenn es gut oder schlecht oder, wie meistens, wenn es durchwachsen lief. Oft genug war er, der König der Innenseite, die Lebensversicherung der Hessen: „Meier gut, Eintracht gut“, titelte die FR nicht nur einmal. Der Umkehrschluss war ebenfalls erlaubt.

Umso schwerer hatte Meier an seinem unrühmlichen Ende in Frankfurt zu knabbern. Er fühlte sich nicht mehr wertgeschätzt, wie das fünfte Rad am Wagen, im DFB-Pokalfinale setzte ihn Trainer Niko Kovac auf die Tribüne, den Pokal durfte er in Empfang nehmen, doch sein Vertrag wurde nicht verlängert. Für Bundesligafußball reiche es nicht mehr, zu alt, zu langsam, zu oft malade, hieß es. Alex Meier, fürwahr von Verletzungen geplagt, wurde beinahe so hingestellt, als könne er nicht mehr unfallfrei zum nächsten Kiosk laufen. Das war ganz schlechter Stil.

Der Umgang mit ihm hat ihn verletzt, aber er hat seinen Ärger runtergeschluckt. Natürlich weiß er, dass er nicht mehr viel gespielt hätte in Frankfurt, gerade in der jetzigen Besetzung mit den drei Wuchtbrummen da vorne im Sturm, aber er hätte eine Vertragsverlängerung um ein Jahr nicht nur, aber auch als symbolischen Akt für einen äußerst verdienten Spieler gewertet, so wie die Eintracht jetzt richtigerweise auch bei Marco Russ verfuhr.

Sein Engagement auf St. Pauli hilft dem bodenständigen, bescheidenen Mann nun, die Vergangenheit zu bewältigen, den Abschiedsschmerz zu überwinden und Frieden mit der Eintracht zu schließen. Jener Eintracht, in deren Schoß er nach Beendigung seiner Karriere zurückkommen kann (qua geschlossenem Anschlussvertrag) und soll – denn die meisten im Führungszirkel wissen, dass man Ikonen an den Verein binden muss, gerade in diesen Tagen, da Identifikation und Treue von einem gänzlich anderen Zeitgeist fortgeschwemmt werden.

Alex Meier, der in zehn Tagen satte 36 wird, hat nicht aufhören wollen mit Fußball, nicht so, nicht einfach Schluss machen und durch die Hintertür abtreten. Zumal, und das hat es für ihn noch schwieriger gemacht, er sich topfit fühlt und gesund ist. Seit fast einem Jahr ist er wieder im Training, schmerzfrei, kaum eine Einheit hat er verpasst. Auch die medizinische Untersuchung in Hamburg ergab keine Auffälligkeiten. Meier hat sich für den Tag X fit gehalten, monatelang in Österreich beim Erstligisten Admira Wacker Mödling mit dem Team trainiert, Sonderschichten geschoben. Zuletzt hat er regelmäßig im heimatlichen Verein in Buchholz und dem Oberligisten FC Süderelbe mittrainiert. Er wollte gewappnet sein, falls sich doch noch ein neuer Klub findet.

Für Meier ist St. Pauli eine emotionale Geschichte, er liebt die Stadt Hamburg, hat eine Bindung zum Kiezklub, die Fans feiern seine Rückkehr begeistert. Es war ja nicht so, als hätte er keine anderen Optionen gehabt, Bundesliga-Kellerkind Hannover 96 hatte ernsthaftes Interesse, doch Meier lehnte ab. Ein Wechsel in die Staaten hat ihn gereizt, er stand kurz vor der Unterschrift bei einem dortigen Zweitligisten, aber der Aufstiegskampf in Deutschland bei einem guten Verein lockte ihn noch mehr.

Nun tritt er ein gutes halbes Jahr nach seinem vorläufigen Ende in Frankfurt noch mal auf die große Bühne, nicht die ganz große, aber hell genug ausgeleuchtet ist sie allemal. Alex Meier wird in Hamburg öfter mal nicht erste Wahl sein, das ist ihm klar, er ist ja nicht mehr der Jüngste, aber er ist der festen Überzeugung, noch fit, ausdauernd und schnell genug zu sein. Und Tore machen kann er sowieso, das steckt in seinen Genen. „Das“, sagt der neue König von St. Pauli, „verlernst du nicht.“

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