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Auch der Kapitän schaut besorgt drein: David Abraham, nachdenklich.

Eintracht-Analyse

Es knirscht und knackt

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    Daniel Schmitt
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Bis zum Bundesligastart in acht Tagen muss Eintracht Frankfurt personell dringend nachlegen - die FR sagt, wo der Schuh drückt.

Der Frankfurter Trainer Adi Hütter konnte am Donnerstag nach dem personellen Kahlschlag vom Vortag und den Verletzungen von Timothy Chandler (Knie, ein operativer Eingriff soll Klarheit bringen) und Ante Rebic, der individuell trainierte, 20 Feldspieler (plus drei Torleute) zum Training begrüßen. Darunter auch Jungprofi Deji Beyreuther und die für den Supercup am vergangenem Sonntag als nicht tauglich eingeschätzten Francisco Geraldes, Goncalo Paciencia, Allan Souza und Evan Ndicka. Eine spielstarke, wettbewerbsfähige Mannschaft sieht anders aus. Bei vielen in der Region sorgt die Personalpolitik von Eintracht Frankfurt für Verwirrung, wenn nicht für Kopfschütteln.

Statt einen Schritt nach vorne zu tun, die Mannschaft zu verstärken und nach Möglichkeit im einstelligen Tabellenbereich etablieren zu wollen, scheint der Klub eher zwei Schritte zurückzugehen - und das in einer Saison mit europäischen Auftritten. Das Team ist, nach derzeitigem Stand, schwächer besetzt als vergangenes Jahr - wenn der bisherige Frankfurter Königstransfer Nicolai Müller ist, der einzige, der bislang in der Bundesliga seine Klasse unter Beweis gestellt hat, allerdings ein Jahr wegen eines Kreuzbandrisses nicht gespielt hat, dann lässt das nichts Gutes ahnen. Lucas Torro, Ndicka kommen aus der zweiten Liga, Souza hat auf Zypern gespielt Geraldes bei Rio Ave in Portugal.

Merkwürdige Entscheidungen

Viele der jüngsten Personalentscheidungen sind derzeit schwer nachzuvollziehen. Ein Beispiel: Das Leihgeschäft mit Geraldes, über den Hütter sagt, er müsse sich schnell an Tempo und Zweikampfverhalten gewöhnen, ansonsten „könnte es unangenehm werden“. Leihgeschäfte machen doch eigentlich nur dann Sinn, wenn der Spieler sofort hilft und nicht erst nach einem dreiviertel Jahr. Dann muss er nämlich wieder zu seinem alten Klub zurück. Oder die Abschiebung von Marco Fabian in die Trainingsgruppe zwei: Man kann den Mexikaner, „ein toller Spieler“ (Hütter), der noch im Supercup in der Anfangself stand, verkaufen, keine Frage. Aber warum muss man ihn aussortieren? Seinen Wert steigert man damit sicher nicht. Ähnlich liegt der Fall bei Simon Falette. Dazu kommt die lange Vertragslaufzeit, Falette hat noch bis 2021 Vertrag, ebenso Daichi Kamada, der Japaner, den die Eintracht ebenfalls loswerden möchte.

Auch Lucas Torro, 24, der in seiner Profikarriere noch nie in der höchsten Liga gespielt hat, sondern lediglich in der zweiten spanischen, hat die Eintracht gleich für fünf Jahre gebunden.
Klar, das kann sich noch alles einspielen. Und vermutlich wird auch noch der eine oder andere Spieler dazukommen. Stand jetzt aber, einen Tag vor dem Pokalspiel beim Regionalligisten SSV Ulm und acht vor dem Bundesligastart, passt noch nicht besonders viel zusammen. So ist Eintracht Frankfurt nicht wettbewerbsfähig. Nicht ohne Grund hat Adi Hütter schon davon gesprochen, als „Abstiegskandidat Nummer eins“ gehandelt zu werden, man wolle alle vom Gegenteil überzeugen. Dennoch: Es knirscht und knackt sehr vernehmlich im fragilen Eintracht-Gebilde. Wo die größte Not herrscht und wo dringend nachgebessert werden muss, sagt die FR.

Tor

Im Trainingslager in Gais war Hütter doch arg besorgt, ob das mit Frederik Rönnow hinhauen wird. Die Kniereizung des Dänen ließ die Eintracht sogar kurz über eine Ausleihe von Kevin Trapp nachdenken. Und dann patzte Rönnow auch noch mehrfach beim Supercup gegen die Bayern. Kommt also noch ein neuer Mann für den Kasten? Wohl nicht. Die Eintracht glaubt – und hofft sicher auch ein bisschen -, dass sie beim Scouting des 26-Jährigen nicht ganz falsch gelegen hat, das Rönnow nicht umsonst die Nummer zwei im dänischen Nationalteam ist. Diese Denke ist nachvollziehbar, und gleichzeitig gewagt. Denn: Die Nummer zwei Felix Wiedwald, obwohl in Frankfurt wohl bekannt, hat kein Bundesliganiveau, präsentierte sich bisher erschreckend schwach. Überraschen dürfte das bei genauem Hinsehen in Frankfurt eigentlich niemanden. Bei seinem vorherigen Klub Leeds United, zweite Liga in England, saß der 29-Jährige schließlich nur auf der Tribüne.

Fazit: Ein Risiko bei Rönnow ist vorhanden, wird aber aufgrund anderen Problempositionen eingegangen werden müssen. Kein Neuzugang mehr.

Abwehr

Im Abwehrzentrum ist die Eintracht eigentlich solide besetzt. David Abraham, Carlos Salcedo, Makoto Hasebe und Marco Russ sind ordentliche, erfahrene Verteidiger, der junge Ndicka kann nach und nach herangeführt werden. Kapitän Abraham freilich wird in den nächsten Spielen aufpassen müssen, als Wiederholungstäter (Schlag gegen Sandro Wagner vor eineinhalb Jahren, Schlag gegen Robert Lewandowski im Supercup) steht er bei den Schiedsrichtern unter Beobachtung. Salcedo spielt rechtschaffen, Impulse nach vorne setzt er keine, sein Spielaufbau ist ausbaufähig. Stratege Hasebe muss mit seiner Routine und Spielintelligenz den Laden zusammenhalten, jünger wird er aber auch nicht.

Sollte sich die Knieverletzung von Chandler als schwerwiegend herausstellen, wird die Eintracht wohl reagieren. Nur Danny da Costa auf rechts ist angesichts der Dreifachbelastung zu wenig. Zudem fiele Chandler als Back-up für links weg. Dort ist Linksfuß Jetro Willems zwar gesetzt, allerdings ist er zu schwankend in seinen Leistungen und steil gehen mag er immer noch nicht. Hintendran steht der Israeli Taleb Tawatha, der in seinen zwei Jahren bei der Eintracht noch nicht unter Beweis stellen konnte, dass er das Team weiterbringt. Beyreuther hat Talent, aber bislang noch nie in der Bundesliga gespielt.

Fazit: Wenn Chandler länger ausfällt, muss rechts hinten nachgelegt werden.

Zentrales Mittelfeld

Mit der Abschiebung von Marc Stendera, Marijan Cavar, Kamada und Fabian in die Trainingsgruppe zwei hat Hütter sein Mittelfeldpersonal reduziert. Fraglich, ob der Coach diese Entscheidung aus voller Überzeugung getroffen hat. Wahrscheinlicher ist, dass die Sportliche Führung doch ein gewichtiges Wort mitgesprochen hat. Denn gerade Stendera und Fabian sind wirklich nicht schlechter als manch Konkurrent. Da sind zuvorderst die beiden Leihspieler Geraldes und Allan zu nennen. Dem vom FC Liverpool geholten Allan, 21 Jahre alt, der zuletzt auf Zypern kickte, fehlt es bei vorhandener Technik vor allem an Durchsetzungsvermögen, Zielstrebigkeit, auch Tempo. Der Brasilianer ist nicht mehr als ein Mitläufer, einer, der in Trainingsspielchen die Gruppe auffüllt. Er fällt nicht völlig ab, aber auch nicht auf. Warum er trotz zweiwöchigen Probetraining dennoch verpflichtet wurde? Nun ja, nicht so ganz nachvollziehbar.

Bei Geraldes, der mit seinem wallenden Haar und dem Kinnbärtchen an D’Artagnan von den drei Musketieren aus dem Roman von Alexandre Dumas erinnert, waren die Hessen den Sommer über sogar um ein Millionen-Kaufgeschäft bemüht. Warum? Das konnte der Portugiese bisher nicht nachweisen. Als Spielmacher geholt, wird er diese Rolle vorerst kaum ausfüllen können. Ein bisschen Zeit werden sie ihm in Frankfurt noch geben, zumal die Alternativen mit Mijat Gacinovic und Jonathan de Guzman, die zuletzt auch nicht gerade die Sterne vom Himmel spielten, alles andere als üppig sind. Etwas defensiver, auf der Sechser-Position, stehen drei Männer zur Wahl (Torro, Gelson Fernandes, Makoto Hasebe). Ordentlich, aber nicht angsteinflößend. Heißt im Umkehrschluss: Den Hessen fehlt es im zentralen Mittelfeld an Niveau, zudem an einem Spieler, der die anderen besser macht, sie anleitet, auch mal verbal einnordet. Ob den Frankfurtern wieder so ein Glücksschuss wie im Vorjahr mit Kevin-Prince Boateng gelingt? Schwierig. Wohl eher müsste die Eintracht-Führungsriege für diese Art von Kicker kräftig Geld in die Hand nehmen.

Fazit: Ein Qualitätsspieler muss her. Besser eigentlich zwei.

Außenbahnen

Ante Rebic, Nicolai Müller, Danny Blum – drei Spieler für zwei Seiten. Das ist zu wenig. Die Eintracht muss und wird auf Außen zuschlagen, der Hamburger Filip Kostic ist weiter ein heißer Kandidat. Für ihn spricht, dass er trotz einer gewissen Larifari-Einstellung Bundesliganiveau nachgewiesen (17 Tore, 18 Vorlagen in 120 Spielen) hat; gegen ihn, dass er vornehmlich über links kommt, wo auch Rebic seine Stärken hat. Neben Rebic, der wegen Adduktorenproblemen und Trainingsrückstand im Pokal gegen Ulm nicht spielen dürfte, ist auch Müller ein Kandidat für die Startelf. Nach seinem Kreuzbandriss fehlte es dem 30-Jährigen aber an Spritzigkeit, seiner eigentlichen Stärke. Nun bremste ihn auch noch eine Oberschenkelverletzung aus. Immerhin ist er ins Mannschaftstraining zurückgekehrt, richtig fit kann er zum Auftakt gar nicht sein. Dennoch gibt’s Lob vom Trainer. „Er hat etwas Besonderes, er hat den Tiefgang – und das Näschen fürs Tor.“ Soll heißen: Hütter braucht Müller, er hat sonst niemanden.

Fazit: Es besteht dringender Nachholbedarf.

Angriff

Ursprünglich hatte Hütter ja mal vor, mit zwei Spitzen spielen zu lassen. Diese Idee legte er schnell ad acta. Der Grund. Es würde nicht funktionieren. Sebastien Haller und Goncalo Paciencia sind sich zu ähnlich, um Seite an Seite aufzulaufen. Groß, eher langsam, ein wenig tapsig. Bleiben noch Rebic, der aber eher über links gebraucht wird, und Luka Jovic. Der junge Serbe ist einer der wenigen Lichtblicke. Einer, dem der nächste Schritt zu einem überdurchschnittlichen Bundesligastürmer zuzutrauen ist. Er wird vorerst als alleinige Spitze klarkommen müssen. Ein weiterer Angreifer mit gehobenem Niveau würde den Hessen, wie wohl jedem Klub, sicher gut zu Gesicht stehen, allerdings gibt es derzeit weitaus größere Baustellen im Kader.

Fazit: Im Sturmzentrum bedarf es keiner weiteren Neuverpflichtung.

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